Sind wir alle potenzielle Helden des Alltags?

  02. Mai 2019

Philip Zimbardo sagt: „Ja!“ – wenn wir ein bisschen darauf trainiert werden. Im aktuellen ZEIT Wissen Magazin wird sein Heroic Imagination Project (HIP) vorgestellt, im Rahmen dessen Zimbardo zuletzt in Ungarn, ausgerechnet in der Geburtsstadt Victor Orbán´s, sein Programm präsentiert. Teilnehmer sind u.a. Lehrer, Schüler und Sozialarbeiter.

Der emeritierte Psychologie-Professor aus Standford (USA) wurde durch sein Prison-Experiment (1971) weltberühmt. Er brach das Experiment nach fünf Tagen ab, obwohl es für 14 Tage geplant war: Die Aggressionen und der Machtmissbrauch in Form von Essensentzug, Sichteinschränkung (Tüte über Kopf), Toilettengang im Entenmarsch, etc., welche durch die „Wärter“ gegenüber den „Gefangenen“ praktiziert wurden, veranlassten Zimbardo, den Versuch vorzeitig zu beenden. Im Spielfilm „Das Experiment“ (2001, mit Moritz Bleibtreu) eskalieren die Ereignisse.

Mit dem 2011 entwickelten HIP will Zimbardo nicht nur das Image vom „Doktor Evil“ ablegen, sondern den „Lucifer Effect“ umdrehen: Was ist notwendig, damit Menschen in kritischen sozialen Situationen das Richtige tun? („Richtig“ wird hier als das ethisch adäquate Verhalten verstanden, also z.B. einzugreifen, wenn eine Person von anderen angegriffen wird.) Notwendig dazu sind nach Zimbardo drei Schritte:

  1. Den „Bystander-Effect“ bekämpfen: Nicht zusehen, wenn Handeln notwendig ist (Hilfe leisten, statt tatenlos daneben stehen). Wichtig ist dabei, den „Daneben-Stehen-Effekt“ zu verhindern bzw. aufzulösen: Wenn erste passive Zuschauer vor Ort sind, sehen weitere Personen i.d.R. ebenfalls nur zu, anstelle zu handeln.
  2. Das Prinzip des „Growth-Mindset“ (Carol S. Dweck) fördern: Die Fähigkeit, das eigene Denken und Handeln zu verändern, sprich: zu lernen. Dabei sind die Inhalte austauschbar, entscheidend ist der Prozess, die eigenen Sicht- und Verhaltensweisen zu erweitern.
  3. Die eigenen Vor-Urteile überprüfen, z.B.: Wie reagiere ich auf Menschen unterschiedlicher Hautfarbe (in einer engen U-Bahn, bei einem Verkehrsunfall, in einer Notsituation)? Wie glaubwürdig ist ein Mann im Anzug mit Krawatte gegenüber einem „Hippie“?

„Helden“ ist ein Wort im Deutschen, welches entweder in die Welt der Sagen und Märchen gehört, oder – aufgrund historischen Missbrauchs – zunächst politisch unkorrekt daher kommt. Darüber hinaus würden wir uns selbst vermutlich nicht als „Held/in“ bezeichnen, wenn wir etwas Notwendiges getan haben. Nichtsdestotrotz ist das Prinzip der Zivilcourage verbunden mit der persönlichen Reflexionsfähigkeit heute notwendiger den je. In Zeiten grundlegenden Wandels und steigender Anforderungen vor allem im Berufsleben, wird Haltung immer wichtiger.


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