Achtsamkeit ist die neue Heilsformel

  07. Juni 2019

„Achtsamkeit nervt“ schreibt Stephan Porombka in der ZEIT No 22 (23. Mai 2019): „Ich, ich, ich in der Mitte der Welt, mit diesem Achtamkeitsschaden“. Die ständige und intensive Suche nach dem richtigen Leben im falschen führt zu extremer, wenn nicht gar exessiver Fokussierung – auf das, worauf ich vermeintlich achtsam zu achten habe. Da es sich um ein kollossales Missverständnis der Zen-Meditation handelt, verliert man sich bei aller Achtsamkeit selbst aus den Augen.

„Achtsamkeit“ als Habit wirkt wie Händewaschen nach dem Toilettengang: Routine. Nützlich, aber nicht erleuchtend. Achtsamkeit, basierend auf buddhistischer Tradition, ist eine Lebenshaltung, keine Technik. Da wir in der westlichen Welt gerne der idealen fern-östlichen Weisheit nachtrauern, aber nicht in der Lage sind, konsequent unser Denken und Handeln zu verändern, bleibt es bei Hilfskonstrukten oder Bypässen.

Weiterhin ist aus systemischer Sicht „Achtsamkeit“ in Organisationen die neue Form von Anpassung an den Status Quo, sowie die Quelle von „Political Correctness“. Ersteres verhindert das Infragestellen von Störungen, da diese im Idealfall weggeatmet werden: Die perfekte Autoritätsorientierung besteht dann, wenn sich jeder selbst unterordnet bzw. das Problem bei oder besser: in sich sucht. Zweitens dürfen wir nicht mehr laut sprechen und direkte Kritik üben: „Gewaltfreie Kommunikation“ will Angriffe vermeiden und ist dabei unmenschlich – wir reagieren emotional; dies zu unterdrücken, führt lediglich zu noch mehr Spannungen in mir und mit meinem Kontrahenten. Gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht. Das Ziel ist ehrenwert, der Weg dahin wird jedoch selten eindimensional erreicht.


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