Zu Gast im digitalen Reich der Mitte | Ein Reisebericht: Von Sicherheitskameras und elektrischen Fahrzeugen

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Wer sehen möchte, wo die Digitalisierung gelebt wird, der kommt an einer Reise nach China heutzutage nicht mehr vorbei. Ein Beispiel: Knapp 600 Millionen Kameras in ausgewählten Städten machen diese Orte faktisch wie gefühlt sicherer. Doch auch die soziale Kontrolle kommt bei der ganzen Sache nicht zu kurz – aber die Chinesen schätzen die Vorteile und akzeptieren die Nachteile. Im Vordergrund steht die Transparenz, das konnten wir auf unserem Trip ins Reich der Mitte aus nächster Nähe beobachten. Angekommen nach zwölf Stunden Flug und höflicher Effizienz bei der Einreiseprozedur am Flughafen, standen mit Shanghai, Shenzhen und Hongkong gleich drei Hauptziele auf dem Programm.

Modernisierung oberste Priorität

Investitionen und Effizienz stehen im Fokus Chinas, ständiges Lernen zählt zu den wichtigsten Punkten für die Bevölkerung. Das Land möchte unbedingt an die Spitze. Es gilt das Motto: Jeder qualifiziert sich sein Leben lang durch immerwährende Prüfungen – am Ende setzen sich nur die Besten durch. Diese Botschaft war Kernbestandteil eines Vortrags von Dr. Jari Grosse-Ruyken. Der Deutsche betätigt sich seit mehr als 20 Jahren als Berater in China und hat die atemberaubende Aufholjagd auf mehreren Ebenen der Chinesen längst identifiziert. Das Land befindet sich sozusagen in einer Phase des vollständigen Neustarts. Ein Beispiel: China möchte seine Metropolen vom Smog befreien – und ist bezüglich der Realisierung sehr zuversichtlich. Das liegt vor allem an der straffen Führung, Stichwort Elektromobilität. Aber dazu später mehr. Die unterschiedlichen ersten Eindrücke bestätigten sich während unserer gesamten Reise an den unterschiedlichen Stationen in verschiedenen Städten, zunächst in Shanghai. Das spiegelt sich zum Beispiel am XNode Accelerator wider: Zuvor ausgewählte, Erfolg versprechende Start-ups finden hier ein Zentrum mit Anregungen und Rückmeldungen – außerdem gibt es hier gute Kontakte zu Unternehmen und Behörden. Dazu erhalten die Neueinsteiger Empfehlungen zum weiteren Vorgehen. Doch auch in diesem Fall gilt, dass nicht jeder sich durchsetzt. Zunächst haben die potenziellen Start-ups scharfe Eingangsprüfungen zu durchlaufen – ein weiterer Schritt auf Chinas Weg in Richtung Spitze.

Fehlendes Verständnis?

Unterschiedliche Arbeitsplätze wie ein Callcenter, viele kreative Räume und ein von Vortragenden nutzbares Auditorium zeichnen den XNode Accelerator aus. Mit Kevin Woerner zählt hier ein Deutscher zu den Mitbetreibern. Qualifiziert sich ein Start-up, nimmt es an einem speziell ausgearbeiteten Programm zur Strategie, zur Finanzierung und zum Netzwerk-Aufbau zu Investoren und in die Politik teil. Exemplarisch kann hier die Huijang Language School genannt werden: Innerhalb kürzester Zeit hat die digitale Sprachschule eine Mitgliederzahl von über 200 Millionen erreicht. Beim Betreten der Räumlichkeiten springt einem sofort eine riesige Wand mit vielen Bildschirmen ins Auge. Dort zu sehen sind fortwährend Zahlen, beispielsweise zum eigenen Entwicklungsstatus. Der Fortschritt ist hier allgegenwärtig. Im German Centre in Shanghai erfahren wir dann einiges über die Automobilentwicklung in China – dazu hören wir einen intensiven Vortrag des Leiters der Einrichtung. Nach 20 Jahren im Land kommt er zu verschiedenen Einsichten. Deutschland und der Westen haben China nach wie vor nicht verstanden. Die Regeln der Weltwirtschaft werden neu gemacht – ebenso wie die Politik. Hier ändern sich nicht nur die Spielregeln, sondern auch der Schiedsrichter. Und: Xi Jinping hat eine langfristige Gesamtstrategie – als Einziger. China sei „nicht mehr der Reactor, sondern der Future Creator“.

Voll auf Elektro

Höchster CO2-Ausstoß der Welt gepaart mit den höchsten Ausgaben für die Entwicklung erneuerbarer Energien – auch das ist China. In diesem Bereich möchte man „aufholen“ beziehungsweise den Ausstoß verringern. Schauen wir uns die Straßen Shanghais an, tummeln sich hier unfassbar viele Mofas. Das Besondere daran: Seit 2016 sind sie vollständig elektrifiziert. Für 160.000 Busse im gesamten Land gilt das Gleiche. Autos mit Verbrennungsmotor gibt es zwar noch – aber sie unterliegen einer zusätzlichen Steuer. Auch in diesem Bereich nehmen die Zahlen weiter zu. Das liegt vor allem daran, dass die Automobilunternehmen Produktionszahlen für E-Autos als Zielvorgabe erhalten. Das deckt sich auch mit Chinas Ankündigung 2018, Plastikmüll und zahlreiche andere Abfallstoffe nicht mehr zu importieren. Zu viel Dreck, gefährliche Stoffe, die Umwelt wird verschmutzt. Stichwort Smogreduzierung. Es zählt nicht mehr einzig die Wirtschaft. Denn die hat darüber hinaus auch ihre Spuren in der Umwelt hinterlassen. Zurück zu den Elektrofahrzeugen. Mobile Ladestationen gibt es im ganzen Land. Unser Besuch bei E-Auto-Hersteller NIO hat uns imponiert. 2012 an den Start gegangen, hat das Unternehmen seit 2014 mit dem Bau einer Fabrik begonnen – und bringt schon jetzt die ersten Modelle an den Markt. Wie in der gesamten Stadt herrscht auch in diesem Sektor ein gigantisches Wachstum, die Entwicklung befindet sich in vollem Gange und nimmt immense Dimensionen an. Nicht zuletzt gut zu sehen vom Shanghai Tower, dem zweithöchsten Gebäude auf der Erde. Unternehmen wie Vorwerk haben in der Stadt einen Sitz und haben den Trend zur richtigen Marketingstrategie in diesem Umfeld erkannt. Produkte gilt es in die jeweilige Lebenswelt zu übersetzen. Am Beispiel eines elektrischen Teekochers wird schnell klar, worauf es ankommt: enorme Präzision, sekundengenaue Wassererhitzung und minutengenaue Brühzeit. Diese Kriterien machen das Produkt für den modernen Kunden interessant – insgesamt ein Lobgesang auf die Technik mit Marketing-Überzeugung. Eine solche finden wir auch kurz vor dem Abflug nach Shenzhen vor, und zwar im Starbucks in Shanghai. Der wohl größte Shop seiner Art auf der ganzen Welt bietet eine erlesene Erlebnislandschaft, unter anderem mit schöner Darstellung des Verarbeitungsprozesses der Kaffeebohnen auf Bühnen-Inseln. Für den Besucher bedeutet das ein fesselndes Schauspiel – wie in einem Chemielabor –, das gepaart mit einer Vielzahl von Produktinseln zwangsläufig zur Mitnahme eines Andenkens führt. Gleichzeitig überbrückt Starbucks so die aufkommende Wartezeit zielorientiert und macht den Besuch zu einem echten Abenteuer.

Auf zu neuen Ufern

Von einer Metropole in die nächste: Wir verlassen die 25-Millionen-Stadt Shanghai und schlagen unsere Zelte im mit über zwölf Millionen Einwohnern nicht minder imposanten Shenzhen auf. Hier lernen wir vieles über die große staatliche Förderung – und über die Stadtplanung der Smart City. In Deutschland eher kleinräumig und schwerfällig mit zahlreichen rechtlichen Einspruchsmöglichkeiten, also damit verbundenen Verzögerungen, stößt eine solche Planung hier in andere Dimensionen vor. Gigantische, radikale Zukunftsvisionen liegen Shenzhen zugrunde. Parallel dazu beeindrucken die technischen Perspektiven und die routinierte Marketingdarstellung der Pläne. Diesen Visionen sind bereits verschiedene Unternehmen gefolgt und haben sich in der Millionenstadt niedergelassen. Wir schauen zum Beispiel bei Foxconn, dem Hauptlieferanten von Apple, bei Mylasser, einem Hersteller von innovativen Laserfertigungssystemen, oder bei Huawei vorbei. Gerade der Telekommunikationsausrüster interessiert uns aufgrund der Diskussion um die Beteiligung am 5G-Netz in Deutschland und weltweit. Vom Staat erhält das Unternehmen Unterstützung, gestaltet die Digitalisierung auf globaler Ebene mit. Die Fülle an Eindrücken ist opulent bis erschlagend überfordernd, alles zu greifen fast nicht machbar. Es gibt einen neuen und einen alten Campus, der Empfang ist großzügig und offen. Wir sehen das Serverzentrum und die Breite der gesamten Produktpalette. Ein Scanner erfasst blitzschnell Gesicht, Gewicht und Körperbewegung, analysiert außerdem andere Daten. Insbesondere der neue Campus wirkt imposant: Das Riesengelände umfasst einen See mit kleiner Insel – dort wohnt der Gründer, Ren Zengfei –, es verkehrt ein Zug, es gibt tatsächlich einen Bahnsteig. An der Station „Heidelberg“ sehen wir die alte Universität Heidelberg, nachgebaut aus Stein. Daneben stehen der Turm von Verona und ein Schloss aus Frankreich. Insgesamt umfasst das Gelände die Größe von 182 Fußballplätzen, alle darauf befindlichen Bauten haben die Originalgröße. Auffällig: Die Gebäude stellen Europa dar. Ren Zengfei liegt etwas an seinen Mitarbeitern und möchte es ihnen zeigen – weil sie selbst wohl selten dort sein werden.

Ungewöhnliche Grenzüberschreitung

Aus Europa ging es für uns weiter nach Hongkong. Wieder eine Millionenstadt, momentan eine schwer umkämpfte. Die Einreise gestaltete sich allerdings äußerst gewöhnungsbedürftig. Mit dem Bus fahren wir in die Nähe der Grenze, von dort aus laufen wir mit dem Gepäck an der Hand zu Fuß nach Hongkong – das dauert eine knappe Stunde. Anschließend geht es in einen Hongkong-Bus und durch die eng bebaute und überbevölkerte Stadt. In der Regel gibt es hier kleine Wohnungen zu unglaublich hohen Preisen. Ebenso unglaublich hoch ist die Anzahl der Banken in der Stadt, die es fast an jeder Ecke zu bestaunen gibt. Vielleicht liegt es daran: Etwa ein Drittel der insgesamt 1,3 Milliarden zählenden Bevölkerung Chinas gehört inzwischen der kaufkräftigen Mittelschicht an. Es gibt im Land knapp 3,5 Millionen Millionäre. In einem Accelerator bekamen wir verschiedene Vorträge zu hören. In einem ging es um eine neuartige Überwachungs-App zur Kontrolle von Baustellen. Gehen alle auf den richtigen Wegen, raucht jemand an der falschen Stelle oder schläft ein Arbeiter sogar? Alles unbedenklich und die Zukunft gestaltend. An der Universität Hongkong hörten wir zudem einen Vortrag eines Soziologen zum Thema „China – Ein Land, zwei Systeme“. Fazit: Zweifel an der Zusage Chinas, die zwei Systeme zu erhalten. Beim abschließenden Essen im Jumbo Kingdom Floating Restaurant gab es dann noch einen kleinen Schrecken: Plötzlich stürzte unsere gesamte Reisegruppe zur Fähre, das Dessert ließen wir zurück. Dann ging es auch schon wieder zum Flughafen, Abflug zurück nach Deutschland kurz vor Mitternacht.

Nicht alles Gold, was glänzt

Viele Unternehmen in China haben eine herausragende Stellung am Markt, sind zum Beispiel führend im Bereich künstliche Intelligenz. Bis 2049 möchte das Land technologische Supermacht sein. Wir konnten uns gleichzeitig davon überzeugen, dass vor Ort Kenntnis über die Spitzenposition existiert – sie wirklich nachvollziehen konnten wir allerdings nicht. Mitarbeiter sitzen eng an eng, Meetingräume erinnerten uns eher an kompakte Glaskästen, Produktpräsentationen blieben teilweise oberflächlich. Vielleicht liegen die guten Ergebnisse auch zum Teil daran, dass etwa ein Drittel aller in China erfassten Daten einer Totalüberwachung unterliegen. Die Verteilung dieser Informationen findet zentral statt, letztendlich stehen sie den Unternehmen wieder zur Verfügung. Eine weitere Sache, die wir gelernt haben: Dort wird es so gesehen, dass sowohl Deutschland als auch die westliche Welt China unterschätzen – gerade in Verbindung mit der unumgänglichen Vorsicht in Bezug auf die Kontrolle. Datenschutz in unserem Sinne gibt es in China nicht. Mitarbeiter sind sich der Überwachung bewusst, nur wer eine große Arbeitsbereitschaft zeigt – und die ist dort breitflächig schier unfassbar –, schafft es auch nach oben. Das Modell China sieht eben vollständig anders aus, auch wenn einige Bereiche durchaus bemerkenswert daherkommen. Und so waren wir froh, wieder in unserem Museumsdorf Frankfurt angekommen zu sein. In Deutschland, mit seinen vielen guten Mittelständlern.

Weitere Informationen unter www.boening-consult.de

 

Autor Dr. Uwe Böning

Dr. Uwe Böning ist Business-Coach, Managementberater, Geschäftsführer und Gründer der BÖNING-CONSULT® GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main. Neben der Persönlichkeits-Entwicklung für Unternehmer und Manager und der Beratung bei Transformations-Prozessen gilt das „Stress-Coaching“ seit über 30 Jahren als eine seiner Spezialitäten für diese Zielgruppen. Zudem gehören zu seinen Schwerpunkten die Weiterentwicklung der Führungsrolle, der Umgang mit Transformations-Projekten und die Vorbereitung auf neue Aufgaben. Auf seinem Blog „Böning. Der TOP-Psychologe“ äußert sich Böning darüber hinaus kritisch zu Themen rund um Politik sowie psychologische Erkenntnisse und stellt persönliche Zeitgeist-Betrachtungen an.

Autorin Brigitte Fritschle

Brigitte Fritschle ist Senior Business-Coach, Management- und Organisationsberaterin sowie Geschäftsführender Gesellschafter der BÖNING-CONSULT® GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie leitet beispielsweise Veränderungs-Projekte mit Fokus auf die Umsetzung der strategisch ausgerichteten Reorganisation und Prozess-Optimierung. Zudem bringt sie sich regelmäßig als Co-Autorin von Fachbüchern und zahlreichen Medienbeiträgen ein.

 

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