Ein Auszug aus dem Interview mit Diplom-Psychologe und Business-Coach Dr. Uwe Böning auf CONSULTING.de
Stressmanagement ist ein Dauerthema – und die bereits 2018 formulierten Erkenntnisse sind heute relevanter denn je. Im Interview mit CONSULTING.de erklärt Dr. Uwe Böning, warum allgemeine Tipps und standardisierte Methoden häufig zu kurz greifen und weshalb wirksames Stressmanagement immer individuell betrachtet werden muss.
CONSULTING.de: Herr Böning, Stressmanagement ist das große Dauerthema. So werden immer wieder zahlreiche Selbsthilfe-Bücher und Magazine mit "Tipps & Tricks" für ein gutes Stressmanagement veröffentlicht. Was kann ein Coaching, was ein Buch nicht kann?
Dr. Uwe Böning: Coaching kann die Selbstreflexion durch einen vertiefenden Dialog in der Regel wesentlich mehr anregen als nur ein Buch – auch wenn dessen Wirkung nicht zu unterschätzen ist. Aber Bücher sind einkanalig und nicht dialogisch. Durch das Gespräch mit einem lebenden, zugewandten Menschen mit professioneller Ausbildung und Erfahrung können Individuen spezifischer angesprochen und im Verlauf der Gespräche Fragen auch geklärt werden. Es hängt immer vom Typus ab.
Wie sieht denn ein gutes Stressmanagement "à la Böning" aus?
Jedes gute Stressmanagement braucht eine gute Diagnostik, einen sehr individuellen Schwerpunkt in der Behandlung und eine konsequente Begleitung und Betreuung für den Transfer in den Alltag: Einsichten allein genügen in der Regel nicht. Keine Methode hilft bei jedem. Für ein gutes Stressmanagement suchen wir immer die Ansätze auf drei Ebenen: der gedanklich-emotionalen, der vegetativen und der muskulären Ebene. Deshalb: Nicht Meditation oder Yoga zur Beruhigung für die "Aktionisten", sondern für die "Denker" mit hoher Selbstkontrolle. Und Fitness-Training nicht brachial für die alle, die Herz-Kreislauf-Beschwerden haben. Sondern jedem das seine und das nach ausführlicher Diagnostik.
Ist Stressmanagement gleich Stressmanagement? Oder so gefragt: Hat ein Top-Manager anderen Stress als ein Buchhalter?
Ihre Frage verweist auf ein weitverbreitetes Missverständnis: Beim Stress kommt es nicht nur auf den Stressor an, also den Auslöser, sondern auf drei weitere Aspekte: 1. die Grundeinstellung des Beteiligten, wie er mit dem Stressor umgeht, d.h. welche Einstellung er dazu hat. 2. kommt es auf das schon bestehende Stressniveau an. Wer schon hoch belastet oder gereizt ist, der empfindet mehr zusätzliche Belastung als jemand, der entspannt, gelassen und selbstbewusst ist, wenn ein Zusatz-Stressor ihn trifft. Und 3.: ein selbstbewusster Mensch reagiert spontaner mit richtigem Verhalten, weil er sich per se mehr traut, intuitiv etwas Richtiges auszuprobieren. Deshalb hat ein Topmanager in der Regel nicht die gleiche Belastung auf den gleichen Stressor wie ein Mittelmanager oder ein Buchhalter.
Viele, die an Burnout erkrankt sind, sind in diesen Erschöpfungszustand geraten, weil ein früher gelerntes Verhalten dies begünstigt. Andere leiden überhaupt nicht darunter. Wie begegnen Sie diesem Zustand in ihren Coachings?
Das hängt sehr stark vom konkreten Verständnis ab, was man unter Burnout versteht. Burnout ist nicht identisch mit einer Depression, sondern zuerst einmal ein grenzüberschreitender Zustand nach einer langanhaltenden Überforderung, gerade aus dem Arbeitsbereich, mit der die oder der Betreffende nicht mehr zurecht kommt. Depressionen können überlappende Symptome zum Burnout aufweisen, können aber auch andere Ursachen haben, z.B. grenzwertige Verlusterfahrungen. Eine nach unserem Stress-Verständnis wirklich ganzheitliche Coaching-Vorgehensweise kann bzw. sollte Verschiedenes umfassen: körperlich aktivierende Fitness-Anteile, konkrete Aufgaben zur besseren Bewältigung der Arbeitsanforderungen durch ein verbessertes Zeitmanagement, Optimierung des erholenden Schlafverhaltens, Entwicklung von guten Selbstverstärkungs-Strategien, Erörtern und Angehen konkreter berichteter Schwierigkeiten, Setzen realistischer Ziele auf der psychologischen Seite.
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