Liebe Leserinnen und Leser,
erinnern Sie sich an die Fußball-Weltmeisterschaft 2026?
Auf den Kapverden spucken nicht mal die Vulkane große Töne. Dabei hätten sie allen Grund dazu: Ein Inselstaat mit gerade mal so vielen Einwohnern wie Nürnberg hat bei der WM erst dem Weltmeister Spanien ein 0:0 abgetrotzt, dann gegen Vize-Weltmeister Argentinien im Sechzehntelfinale über 90 Minuten ein Remis erkämpft, ehe sich das Team in der Verlängerung geschlagen geben musste. Und während anderswo schon nach zwei gewonnenen Zweikämpfen die Brust geschwellt wird, blieb man dort entspannt. Eigentlich sind die Kicker vom Kap jetzt auch ein bisschen Weltmeister, oder?
Ähnlich unaufgeregt ging es tausende Kilometer entfernt zu, im Saarland: Die SV Elversberg aus der 13.000-Einwohner-Gemeinde Spiesen-Elversberg ist einfach so in die Bundesliga aufgestiegen. Derweil verabschiedete sich Fortuna Düsseldorf mit einer Arena für fast 55.000 Zuschauer und ganz anderen wirtschaftlichen Möglichkeiten in die dritte Liga. Was erlauben die sich überhaupt dort in Elversberg? Die haben doch noch nicht mal einen eigenen Bahnhof!
Sie erlauben sich das, was sie verdient haben. Denn der Erfolg ist sowohl bei Elversberg als auch bei den Kapverden das Ergebnis kluger Entscheidungen. Fünf davon möchte ich näher erläutern. Denn sie lassen sich auf Unternehmensführung und Management übertragen.
1. Struktur schlägt Schlagworte
Die SV Elversberg verfügt über eine schlanke Führungsstruktur. Keine dreizehn Unterpositionen mit Work-Life-Balance-Vize-Mentor und Halftime-Show-Influencer-Beauftragtem, kein Organigramm, für das man einen Kompass bräuchte. Aufsichtsrat, Präsidium, ein Direktor für Geschäftsentwicklung, Marketing und Vertrieb, ein Sportdirektor, ein Technischer Direktor sowie ein Direktor für Finanzen und Operations. Das ist alles. Jeder weiß, was er zu tun hat, an wen er sich wenden muss und wer für etwas geradesteht. Keiner grätscht dem anderen in die Arbeit.
Klar: Mit einem Etat von zehn Millionen Euro lässt sich diese Ordnung leichter herstellen als in einem Konzern mit globalem Anspruch. Dennoch ist Übersichtlichkeit kein Privileg kleiner Organisationen, sie ist eine Entscheidung. Fragen Sie sich ruhig einmal: Könnte eine neue Kollegin nach einer Woche erklären, wer bei Ihnen wofür zuständig ist? Wenn die Antwort ein Schulterzucken ist, hilft auch das dickste Budget nicht gegen das Chaos.
2. Recruiting, das um die Ecke denkt
Die Kapverden haben ihre Nationalspieler nicht vorrangig aus der heimischen Liga rekrutiert. Stattdessen nutzte Trainer Bubista konsequent die weltweite kapverdische Diaspora als Talentpool. Gut die Hälfte der Nationalspieler wurde in einem anderen Land geboren und steht in Irland, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Slowakei, den USA, Moldau, den Niederlanden, der Türkei, Zypern oder Portugal unter Vertrag. Aus einer vermeintlichen Schwäche wurde so die größte Ressource des Teams.
Die meisten Unternehmen suchen ihr Personal dagegen weiterhin auf den üblichen Wegen. Sie posten brav auf LinkedIn und wundern sich, dass immer dieselben fünf Profile antworten. Warum nicht dort suchen, wo andere gar nicht erst hinschauen? Etwa bei Kindern langjähriger Mitarbeiter, bei ehemaligen Praktikantinnen oder bei Markenfans, die in Foren, auf Messen, bei Events oder in Communities aktiv sind. Darunter können sich interessante Ingenieure, Entwickler oder Vertriebler verbergen. Wer nur dort sucht, wo alle suchen, fischt im leergefischten Teich, während die Konkurrenz nebenan längst mit dem Kescher unterwegs ist.
3. Menschen, die glühen, ohne dass man sie anknipsen muss
Lichtgestalt ist im Fußball ein Wort, das gerne belächelt wird: esoterisch, überhöht, Gott lässt grüßen. Aber was Torwart Vozinha bei dieser WM ausstrahlte, verdient das Wort redlich. Nicht nur wegen seiner Paraden, sondern auch wegen der tiefen Überzeugung, mit der er über den historischen Auftritt seiner Nation sprach. „Wir haben die Kapverden auf die Landkarte gesetzt“, sagte er. Ein Satz, der weit über den Fußball hinausging. Anschließend erinnerte er an seine Großmutter und bedankte sich bei den Volunteers und dem Toningenieur. Momente, die viel über seine Haltung verrieten. Seine Art bescherte ihm auf Instagram rund 30 Millionen zusätzliche Follower.
Er strahlte weit über das Team hinaus, ganz ohne Rampenlicht, das jemand extra anknipsen musste. Solche Menschen braucht jede Organisation: Menschen, an denen sich andere hochziehen können, die nach innen Anker sind und nach außen gerne erzählen, warum sich die Arbeit lohnt. Verordnen lässt sich das nicht, nur erspüren. Im Bewerbungsgespräch verraten Standardfloskeln viel, ein echtes Glühen mehr. Und im Alltag lohnt der Blick: Wer strahlt bei uns eigentlich, und kümmern wir uns genug darum, dass es nicht erlischt?
4. Leichtigkeit statt Verbissenheit
„Alles kann, nichts muss“, heißt die Devise in Elversberg. Ex-Trainer Horst Steffen brachte es auf den Punkt: Spiele man mit Freude, folge Wachstum automatisch, umgekehrt klappe das nicht. Die Forschung gibt ihm recht. Ein gewisses Maß an Druck fördert Leistung, zu viel davon würgt sie ab. Viele Führungskräfte reagieren bei steigendem Erfolgsdruck aber genau umgekehrt: Sie werden kontrollierender, verbissener, als könne man Spitzenleistung mit der Peitsche erzwingen. Kann man nicht.
Elversberg baut noch immer am Stadion, der Bahnhof bleibt eine Fata Morgana. Und trotzdem wächst der Erfolg beständig weiter. Vor vier Jahren spielte der Klub noch in der Regionalliga, dann folgte der Durchmarsch in die 2. Liga und schließlich der Bundesliga-Aufstieg. Und zwar nicht mit elf Mann und dem Ortsschild im eigenen Strafraum, sondern mit attraktivem, offensivem Ballbesitzfußball. Erfolg, der aus Freude entsteht, statt aus Angst, hält länger – und fühlt sich für alle Beteiligten positiver an.
5. Wir vor Ich
Bei den Kapverden gab es keine Weltstars, dafür eine Mannschaft, die füreinander lief. Kapitän Deroy Duarte betonte, man sei ein kleines Land mit kleiner Bevölkerung, aber großem Herzen. Bei Elversberg gilt Ähnliches: keine Skandale, keine Sonderbehandlungen, kein Spieler ist größer als das System. Ein Rädchen greift ins andere.
Diese Einstellung zeigt sich auch nach außen: Heimspiele sind mehr als nur ein Sportereignis; der Klub bringt Menschen, lokale Unternehmen und Sponsoren im Saarland zusammen. Profifußball und Alltag liegen näher beieinander als bei vielen anderen Vereinen. Begegnungen mit Spielern beim Bäcker sind in Elversberg keine Sensation; genau diese Bodenständigkeit schafft Identifikation.
Elf Freunde – oder zumindest Spieler, die füreinander einstehen – schlagen elf Einzelunternehmer im selben Trikot fast immer. In Unternehmen zeigt sich das Gegenteil oft im Meetingraum. Bei Rückschlägen beginnt das Schuldzuweisungs-Karussell, bis am Ende irgendeine Abteilung den schwarzen Peter zugeschoben bekommt. Die unbequeme Frage lautet: Rennt bei uns noch jemand für den Kollegen, der gerade patzt, oder rennt jeder nur noch für die eigene Zielvereinbarung?
Was bleibt: Ob Dorfklub oder Inselstaat, beide haben bewiesen, dass Kultur den Erfolg beeinflusst. Vielleicht schauen wir beim nächsten Turnier also nicht nur nach oben in der Tabelle, sondern auch genauer hin, was die Kleinen richtig machen. Große Töne spucken können viele. Liefern eben nicht.
Mit den besten Grüßen
Brigitte Fritschle + Dr. André Gärisch
BÖNING CONSULT®
Frankfurt am Main