19. „Liebe“ – über die Inflation eines Wortes

  07. August 2019

Was ist bloß mit der Liebe geschehen? In Gesprächen zwischen vorwiegend jüngeren Menschen hört man sie pausenlos aufploppen – ob auf Whatsapp, am Telefon oder beim Smalltalk im „Real Life“. Sie lieben die neuen Butterkekse einer hippen Süßigkeitenmarke, weil sie so zart auf der Zunge zergehen, das mit technischen Gadgets aufgerüstete iPhone, weil die Bildqualität „echt nice“ ist oder eine Fantasyserie auf Netflix. Der Hauptdarsteller hat so ein hübsches Grübchen. Alles Gründe, Liebe zu verteilen – wie vom Fließband. Wir fragen uns, was ist denn „Liebe“?

Die Werbung suggeriert uns, Produkte und Dienstleistungen zu lieben. Mitarbeiter sollten Liebe von ihren Chefs erwarten. Edeka schickt Liebesgrüße durch den Laden – von der Käsetheke über die Gefriertruhe bis zur Kasse. „Wir lieben Lebensmittel“, heißt es. Linseneintopf, fettreduzierten Frischkäse oder Erdnussflips. Eben alles, was vertilgt werden kann. Artikel wie Alufolie, Schuppenshampoo oder Klopapier liebt man scheinbar nicht – denn das sind ja keine Lebensmittel. Vielleicht „mag“ man sie. Man braucht sie einfach. Bei McDonalds lautet der Slogan „Ich liebe es“. Was für ein Menschenbild muss deren Marketingabteilung haben, wenn sie davon ausgeht, dass ihre Kunden die letzte emotionale Zuflucht in braungebrutzeltem Hack mit gedünsteten Zwiebeln, Gürkchen, Senf und Ketchup suchen, vielleicht eine ‚tiefe und exklusive Verbundenheit‘ – so die Definition von Liebe – zu Pommes oder Chicken McNuggets verspüren?

Wenn uns die Liebe weiterhin in x-beliebigen Kontexten und Situationen begegnet, schleift sich ihr Sinngehalt einfach ab. Liebe ist etwas Großes. Sie zählt zu den gewaltigsten menschlichen Antriebskräften. Kaum ein Gefühl ist derart mit symbolischer Energie und metaphysischen Assoziationen bedacht. Wenn man Kekse liebt, die Burger bei McDonalds und ganz viele andere alltägliche Dinge, – wenn sozusagen alles „Liebe“ sein kann, wie soll sich der Partner oder andere Menschen, die man wirklich liebt, und denen man die drei magischen Worte – vielleicht erst nach Jahren – mitteilt, dann noch ‚besonders‘ vorkommen? Besinnen wir uns! Wir lieben die Liebe. Also schützen wir sie vor rhetorischer Ausbeutung. Geben wir ihr ihre wunderschöne, herzerbebende Bedeutung zurück. Verwenden wir sie sorgsamer und weniger inflationär. Dafür schicken wir ihre Kollegen „mögen“, „schätzen“ oder „gernhaben“ von der Ersatzbank zurück in den Strafraum des Sprachgebrauchs.

Mit den besten Grüßen
Brigitte Fritschle


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