33. Corona-Chaos 2.0 – Ein verlorener Sommer

  05. November 2020
Mutter und Kind beim Hände desinfizieren

Schön, so schön war die Zeit – zwischen Juni und August. In der Wärme und Sorglosigkeit der herabstrahlenden Sonne fühlte sich alles wie früher an. Die Politiker haben das gesellschaftliche Leben „an der langen Leine“ gehalten. Sie haben sich hinreißen lassen, zu verkünden, dass es keinen weiteren Lockdown geben werde. Wo waren derweil die mahnenden Appelle aus dem Frühjahr? „Konsequenz“ und „Disziplin“ waren scheinbar binnen weniger Wochen aus dem Lehrbuch der Pandemie-Bekämpfung verschwunden. Lieber hat man sich auf die Schulter geklopft: „Wir – Deutschland – sind der Musterschüler im Umgang mit Corona.“ Kann es sein, dass uns diese satte Zufriedenheit, ja fast schon Selbstbesoffenheit, nun um die Ohren fliegt?

Eine zwingende Lehre aus dem verlorenen Sommer müsste sein, die geltenden Vorgaben konsequenter umzusetzen, häufiger und strenger zu kontrollieren. In den U-Bahnen haben sich die Menschen bis dato eher gegenseitig auf die Maskenpflicht hingewiesen, als dass es Ordnungsbeamte oder Ticket-Kontrolleure getan hätten. Restaurantbetreiber und deren Gäste haben sich hinter vorgehaltener Hand über die laschen Kontrollen in der Gastronomie gewundert. Auf den Partymeilen der Großstädte wurde wieder getrunken, gefeiert und getanzt – auf engem Raum. Wo war die Polizei? Gar nicht so selten direkt vor Ort – mit einem wohlwollenden Lächeln auf den Lippen. Es darf nicht zugelassen werden, dass Gruppen, die aus reinem Egoismus handeln, ihre Mitmenschen gesundheitlich und damit auch wirtschaftlich gefährden.

Die Menschen sehnen sich nach konstanten einheitlichen Regeln, die sie sich einfach merken können und einfach zu befolgen sind. Wenn sich bestimmte Pflichten – die klar begründet sind – in den Köpfen festsetzen, werden sie automatisch besser befolgt. Sie gehen in uns über wie andere tägliche Rituale, etwa das Zähneputzen. Der bislang propagierte Flickenteppich stiftet hingegen Verwirrung. Der Berliner darf bei seiner Freundin in Brandenburg übernachten, ins Hotel darf das Paar aber nur mit Test. Frankfurter dürfen nach Mainz, Mainzer aber nicht nach Frankfurt. Oder ist es umgekehrt? Und ist die Internetseite, die ich im Zug aufrufe, überhaupt aktualisiert? Was, wenn das WLAN im ICE streikt? Und die Kinder? Müssen oder dürfen sie in die Schule? Mit Maske oder ohne? Diese Ungewissheiten machen mürbe. Wissen die da oben nicht was sie wollen?

Regeln sollten transparent und unmissverständlich kommuniziert werden – womit wir beim dritten Punkt sind. Politiker müssen ihre Rolle neu definieren: weg vom Oberlehrer, der seine Schüler anweist – hin zur ehrlichen Augenhöhe, die Vertrauen schafft. Wenn Politiker die Hintergründe zu ihren Entscheidungen plausibel und nachvollziehbar vermitteln, verlieren auch Maskenkritiker, Impfgegner und Co. ihren Reiz. Eine interdisziplinäre „Erklär-Task-Force“ könnte hier einen wertvollen Beitrag leisten. Wenn dann noch Personen, die in ihren jeweiligen Zielgruppen als Vorbilder fungieren – Influencer, Fußballer, Schauspieler – mit gutem Beispiel vorangehen, warnen, aufklären und sich selbst demonstrativ an die Pflichten halten, könnte das Wir-Gefühl wieder Fahrt aufnehmen.

Passen Sie auf sich auf!
Mit den besten Grüßen
Brigitte Fritschle


nach oben