32. Gesichter der Polizei

  15. September 2020
Gesichter der Polizei

Kleider prägen. Kleider geben Signale über die Bedeutung, den Rang, die Zugehörigkeit zu Rollen und Gesellschaften. Nicht nur nach außen, auch nach innen. Sie stärken das Selbstverständnis des Trägers, dem typischen Bild eines bestimmten Berufsstandes zu entsprechen. Der weiße, gestärkte Kittel „machte“ den Arzt kompetenter, der „Graugestreifte“ den Banker seriöser, der Talar den Priester göttlicher. Die Uniform des Polizisten steht für Obrigkeit, gesetzliche Ordnungs- und Durchsetzungsmacht; ein Begriff, der eine gewaltige Bandbreite an Handlung und ein hohes Maß an Verantwortung umfasst.

Wohin Menschen mit dem Gefühl von Macht – dekoriert mit Sternen an der Schulter – tendieren können, illustrieren Vorfälle aus den vergangenen Wochen. Drei Polizisten verteidigen heldenhaft den Reichstag. Sie wehren Hunderte von Reichsbürgern, Neo-Nazis und Verwirrte davon ab, durch die Glastür in den Plenarsaal einzudringen. 3 Menschen in der Uniform von Polizisten ist es gelungen, die pöbelnde, bedrängende Menschenmenge abzuwehren. Das Trio auf der Reichstagstreppe hat seine Rolle positiv interpretiert – und die Ehre des Landes sowie das Wahrzeichen der Demokratie einzig mit kräftigem Stimmvolumen und dem Einsatz von Schlagstöcken gerettet.

Die andere Seite der Medaille sieht grau und schmutzig aus. In Frankfurt wurden jüngst drei Polizisten suspendiert, nachdem Aufnahmen bekannt wurden, die zeigen, wie mehrere Beamte auf einen jungen, bereits kauernden Festgenommenen einschlagen. Aus Düsseldorf erreichten die Öffentlichkeit Bilder von Knien, gepresst auf den Nacken eines Fünfzehnjährigen – sie erinnern an den Tod von George Floyd. In Hamburg wurde ein Jugendlicher von bis zu acht Beamten niedergerungen – die Szene spielte sich vor einer Wand mit dem Graffiti-Schriftzug „I can‘t breathe“ ab. Und ganz nebenbei stellt sich die Frage, wie private Adressen aus Polizei-Computern an die Öffentlichkeit kommen?

Wir können froh sein, dass unsere Polizisten eine qualifizierte Ausbildung durchlaufen, vergleichsweise selten überreagieren, im Regelfall gegen Bestechung resistent scheinen. In anderen Teilen der Erde wünscht man sich so etwas. Trotzdem darf auch die Polizei kritisiert werden – dort, wo es angebracht ist. Doch kommt die Kritik wirklich an? Die Uniform fördert einen Habitus der Unfehlbarkeit. Wir haben recht, denn wir sind das Recht. Doch wenn es um Machtmissbrauch geht, führt falscher Stolz in eine gefährliche Sackgasse.

Wenn diejenigen, die normalerweise fremdes Fehlverhalten aufdecken, internes Fehlverhalten vertuschen oder abwiegeln, weil der Verdächtige oder Täter aus den eigenen Reihen, dem eigenen „Club“ stammt, gerät die gesamte Profession in Verruf. Denn aus Einzelfällen formt sich irgendwann ein Image. Die Vernünftigen müssen sich gegen jene auflehnen, die ihren Berufseifer falsch auslegen. Sonst stehen sie bald selbst im Scheinwerferlicht der Unglaubwürdigkeit. Sensibilität und Einsicht haben Platz neben Ehre und Zusammenhalt. Es ist Zeit, die Uniform moderner zu denken.

Mit den besten Grüßen
Brigitte Fritschle


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