30. Die Nummer gegen Kummer

  12. August 2020
Gegen häusliche Gewalt

Im März und April 2020, während der strengsten Kontaktbeschränkungen, wurde jedes zehnte Kind Opfer von körperlicher Gewalt, täglich 43 Kinder Opfer sexueller Gewalt. Im Durchschnitt. In Deutschland. Vor allem in Familien mit akuten Geldsorgen. Das belegt eine kürzlich veröffentlichte Studie der TU München. Eltern mit Angst oder Depressionen erhöhen die Übergriffe auf rund 15 Prozent. Die Berliner Gewaltschutzambulanz berichtet von Fällen, in denen Säuglinge mit Kabel oder Gürtel verprügelt wurden.

Während Mütter versuchen, zwischen Video- und Telefon-Konferenzen ihrem Homeoffice-Auftrag nachzukommen, der möglicherweise gekündigte Vater versucht, mit seinem Frust umzugehen, ihn zu betäuben, füllt sich eine Gewitterwolke über der Familie. Im schlimmsten Fall entlädt sie sich als brutaler Regenguss, der auf jene niederschlägt, die keinen schützenden Schirm aufspannen können.

Hat das etwas mit CORONA zu tun? Ja und nein. Die Gewalt Kindern gegenüber hat offensichtlich zugenommen. Die Corona-Risikogruppe schien klar definiert. Doch Covid-19 befällt uns nicht nur als Virus, sondern zwingt uns, unser Sozialleben neu zu justieren. Viele Familien sind auf engstem Raum zusammengepfercht. Verbunden mit dem daraus resultierenden höheren Stress wird es für Erziehende oft schwieriger, mit den eigenen Emotionen umzugehen. Und bekanntlich sind die Jüngsten das schwächste Glied im familiären Gefüge. Für sie ist es mitunter gefährlicher, mit Vater oder Mutter allein zu sein, als der Virus selbst. Die Folge: Wir müssen den Begriff der Risikogruppe um mindestens ein Segment erweitern – die Kinder!

Aus den Zahlen muss die Politik lernen: Während einer möglichen zweiten Welle sollten Notbetreuungen für Kinder aufgebaut werden – ob deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten oder nicht. Ein schneller telefonischer oder digitaler Draht zu Beratungsstellen oder Therapeuten ist unabdingbar. Er kann schlichtweg Leben retten. Die bestehenden Hilfsangebote, etwa „Die Nummer gegen Kummer“ für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, können nur Wirkung zeigen, wenn sie plakativer beworben werden, in Supermärkten, auf Einkaufsstraßen und im Fernsehen.

Daneben war der fehlende Kontakt zu Personen, die das Leiden der Kinder hätten bemerken können, ein Problem: Es gab keinen Sportunterricht, der blaue Flecken offenbarte, keine Kita, in der sich Kinder verdächtig in die Ecke verkriechen konnten. Nach wie vor sind Jugendämter noch nicht im „Normalbetrieb“. Wir alle, Pädagogen, Ärzte, Nachbarn und Bekannte, sind gefragt, sensibel wie nie auf unsere Zukunft aus Fleisch und Blut aufzupassen – gerade jetzt in den Sommerferien.

Das Virus bringt das Beste und das Schlechteste im Menschen hervor. Entscheiden wir uns für das Beste.

Mit den besten Grüßen
Brigitte Fritschle


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