29. Über die Menschenwürde!

  10. Juni 2020
Über die Menschenwürde

Der Sarg ist gekennzeichnet mit der Angabe „infektiöser Leichnam“. Empfehlung der Politik. Am Grab stehen zwei Handvoll Trauernde. Keine Umarmungen. Kein Händeschütteln. 1,5 m Abstand. Eine Beerdigung wie ein Gerichtsverfahren. Für den Leichenschmaus auf dem Parkplatz packt man belegte Brote aus. Der Kaffee kommt aus der Thermoskanne, die man sich weiterreicht: „Auf Papa.“

 

Täglich studieren wir die Statistik der Corona-Sterberaten. Wie einen Olympia-Medaillenspiegel. „Ist ja nicht so schlimm bei uns“, vergewissern wir uns über die Zahlen. Eine trügerische Sicherheit.

 

Ein ethisch angemessener Umgang auch mit Erkrankten bedeutet nicht, deren Tod um jeden Preis zu vermeiden, sondern ihnen ein würdevolles Dasein zu ermöglichen, und sollten es nur wenige Tage sein. Denn: Was bringt eine Therapie, die das Leben um einige Tage verlängert, wenn die gewonnene Zeit aus Qualen besteht? Wenn sich die Menschen – Mütter oder Väter – nicht von ihren Kindern – auch wenn sie schon 50 Jahre und älter sind – und Enkel nicht von ihren Großeltern – verabschieden können? Was bleibt zurück? Ein Trauma!

 

Wer bestimmt, ob ein, ob mein Leben noch lebenswert ist?

 

Wer war auf den Virus vorbereitet? Wer trägt seine Patientenverfügungen im Jacket oder in der Handtasche? So müssen jetzt andere entscheiden, in welchem Zustand und wie lange sie an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden. Für den Patienten ergibt sich unter Umständen eine Lage, die er nie wollte. Die Angehörigen verinnerlichen beklemmende Bilder, die sie auf der Intensivstation sehen. Sie werden sie nie wieder vergessen. Das haben solche Bilder an sich: Ein Mensch, der entschwunden scheint, stumm bittend um das, was danach kommt – gefangen im kalten Metall der Technik.

 

Auch in Alten- oder Pflegeheimen bittet die Würde um Hilfe: Plötzlich durften die Bewohner die Gesichter, die sie ihr Leben hindurch begleiteten, die sie jeden Sonntag anstrahlten, in denen sich die so wohltuende Wärme durch Berührung spiegelte, nicht mehr anschauen. Das waren die Bedingungen, dass sich in der Seele der Alten und Alleingelassenen genau das ausbreitet, was sie nun umgibt: Leere.

 

Söhne und Töchter berichten von Blicken durchs Fenster, die Kontakt und Klarheit bringen sollten: Erkennt er mich? Wie weit senkt sich ihr Kopf? Hat er ein Lächeln in seinem Gesicht? Warum ist sie nicht in ihrem Zimmer? Wer hat die Alten und Schwachen eigentlich gefragt, ob sie mit den Maßnahmen einverstanden sind? Was heißt da eigentlich Menschenwürde? Beachtung, Zuwendung, Unversehrtheit von Leib und Leben und Gesundheit, aber nicht um jeden Preis.

 

„Wenn es einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen“, sagte Wolfgang Schäuble. Ein Plädoyer. Das ist an mancher Stelle gelungen, an mancher.

 

Mit den besten Grüßen
Brigitte Fritschle


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