26. Übers Ziel hinaus

  10. März 2020
Letter No. 26

Auch wenn ich nichts von Fußball verstehe – was ich ja zugebe -, aber das geht entschieden zu weit, sozusagen über das Tor hinaus. Scheinbar haben Fußballfans – wir reden hier von Tausenden – komplett den Kompass verloren. Dietmar Hopp im Fadenkreuz. Die „Transparent-Hochhalter“ und „Schmäh-Skandierer“ sind maßlos in ihren Äußerungen. Da fehlt die Differenzierung; Wut und Frustration sind der Motor. Darf man einen Spieler, der eine Schwalbe begeht, beleidigen? Einen Trainer, der den Verein wechselt, bespucken? Einer Schiedsrichterin, die nicht Rot zeigt, das Auto kaputttreten? Einem Dietmar Hopp eine Patrone an die Stirn wünschen? Weil er, so der Vorwurf, die Symbolfigur des kommerzialisierten Fußballs sei? Und das alles wenige Tage nach der Tat in Hanau. Was sagt uns das?

 

Mit einem x-beliebigen Scheich, der sich aus der Portokasse einen Fußballclub kauft, ist Dietmar Hopp nicht zu vergleichen. Seit Jahren unterstützt er Projekte in der Rhein-Neckar-Region in den Bereichen Sport, Medizin, Soziales und Bildung. Das wird vielerorts verkannt.

 

Die Grenzlinie zwischen engagiertem Mäzenatentum und lustorientiertem Zeitvertreib inklusive beliebig zusammengekaufter Promi-Spieler ist also dicker, als wir denken. Trotzdem: Selbst Personen, die den Kommerz im Fußball deutlich stärker forcieren und forciert haben als Dietmar Hopp, sind mit einem Mindestmaß an Anstand und Respekt zu behandeln. Kritik ist angebracht und in Ordnung. Kritik muss sein. Man darf anprangern, dass im Fußball horrende Summen zirkulieren, dass junge Männer für horrende Summen hierhin und dorthin verkauft werden, dass wenige Männer viel Macht besitzen, dass sich Investoren in den sportlichen Betrieb einmischen. Man denke nur an das „Sommermärchen“. Aber nicht so!

 

In der letzten Zeit hört man aus extremen Kreisen, unabhängig von der jeweiligen Ideologie, dass man nur noch durch brachiale Aktionen Aufmerksamkeit für die eigene und damit per se gute Sache gewinnen könne. Für das Klima, gegen das Auto, für Gemüse und gegen Fleisch. Dafür gehen diese Menschen Risiken ein, die sie für gerechtfertigt halten, egal wie groß der Schaden ist. Wenn Antikapitalisten Autos anzünden, fügt das den Leidtragenden den gleichen Schaden zu, als wenn es Hooligans, Salafisten oder andere verbitterte Seelen tun. Eine solche Vorgehensweise benutzt andere Menschen, verursacht wahllos Schmerz – womit eine Grenze überschritten ist, was nicht toleriert werden kann. Egal wie einleuchtend der Zweck sein mag, er heiligt nie alle Mittel. Wenn Qualität und Originalität fehlen, mit Worten intelligent und schlagkräftig zu sein, ohne zu beleidigen, müssen andere Sanktionen folgen. Sonst werden sich die, die jetzt schon ständig Grenzen überschreiten, immer mehr erlauben. Und die Spirale der Gewalt wird sich fortsetzen. Wollen Sie das?

 

Mit den besten Grüßen
Brigitte Fritschle


nach oben