25. Redet miteinander!

  06. Februar 2020
Miteinander reden

Lagerdenken, Meinungsblasen, Echokammern. Drei Begriffe, die eigentlich das gleiche Phänomen darstellen: Wir erleben es jeden Tag: am Frühstückstisch, am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr, in der politischen Diskussion: die Polarisierung der Standpunkte. Es gibt kein „wir“, kein demokratisches „WIR“ mehr, dass alle mit einbezieht, sondern nur noch ein „wir“ gegen „die“. Immer nur mit Menschen zu reden, die die eigene Meinung teilen, manifestiert eben meine eigene Meinung. Sich mit den Argumenten anderer auseinander-zusetzen, ist mühselig und lästig und gefährdet mein Selbstbild. Das Resultat: Wir rotten uns zusammen und keifen uns eher gegenseitig an. Und das Schlimmste ist: bevorzugt online!  Man sieht sein Gegenüber nicht, man kann sich nicht direkt zur Wehr setzen. Die besten Argumente, die mir gerade durch den Kopf gehen, nützen nichts. Man muss den Storm über sich ergehen lassen. Eine marode Streitkultur, die auf Zusammenhalt keinen Wert legt.

Die Medien haben erkannt, dass sich aus diesen Abläufen innovative Formate entwickeln lassen. So führte die „Zeit“ die Rubrik „Streit“ ein, in der zwei Seiten zu Wort kommen dürfen – über der Gürtellinie natürlich. Ähnlich macht es der „Stern“ mit seinem YouTube-Talk „Diskuthek“; hier lauten die Konstellationen etwa Kurdin vs. Türke, Bio-Bäuerin vs. Massentierhalter oder Feministin vs. Macho. Mehrere Medienunternehmen, darunter FAZ und Spiegel, initiieren seit 2017 „Deutschland Spricht“. Bei dem mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Projekt treffen sich tausende Menschen mit verschiedenen Idealen zu Gesprächen. Ein begleitender Wissenschaftler entdeckte erstaunliche Effekte. Bereits ein zweistündiges Gespräch reichte, um die Polarisierung abzuschwächen, sprich das Gegenüber für inkompetent, schlecht informiert oder bösartig zu halten.

„Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine“, sagte Helmut Schmidt. Er hatte Recht. Vielleicht ist es leichter übereinander, als miteinander zu sprechen. Je geringer die Distanz zwischen den Menschen, desto sachlicher und ergiebiger der Austausch. Und gerade jetzt braucht es die politische Auseinandersetzung, nicht nur die Diskussion, die in der Regel nicht zur Handlung führt. Es ist zu viel JA – ABER in der Welt. Deshalb fällt uns auf, wenn Menschen eine Meinung vertreten. Wir sollten den Mut haben, in die Auseinandersetzung zu gehen. Nicht um der Auseinander willen, sondern um zu bewegen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, um aus der Erstarrung zu kommen!

Allerdings: brüllen, beleidigen, eine arrogante Haltung führt da nicht weiter. Eine respektvolle Auseinandersetzung ist nötig. Hart in der Sache, aber fair im Umgang. Es ist keine Schande, neue Erkenntnisse zu gewinnen, vielleicht sogar seine Haltung und Einstellung zu verändern. Denn „nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, wusste schon Liedermacher Wolf Biermann 1991.

Mit den besten Grüßen
Brigitte Fritschle


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