BLOGBEITRAG



23 „Wer unten ist, bleibt unten.“
War das in unserer Gesellschaft je anders?

Seit 2 Jahren kommt eine alte Frage wieder ins allgemeine Bewusstsein: Muss die Ungleichheit von Reichtum und Armut in unserer Gesellschaft, die Ungleichheit der Vermögen und der durch Arbeit geschaffenen Einkommen so bleiben wie erlebt? Ist das gerecht?

Gesellschaft und Gerechtigkeit: ein Paar fast so alt wie das menschliche Miteinander selbst. Und das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Der französische Ökonom und Gesellschaftsanalytiker Thomas Piketty hat mit seinen Arbeiten eine erneute Diskussion losgetreten, die gegenwärtig eine Hochzeit erfährt: Das Wachstum der Wirtschaft in Deutschland, in Europa und in anderen wesentlichen Teilen der Welt verlangsamt sich. Der Absturz der Mittelschicht droht, wie in Gazetten wie ZEIT, FAZ, SPIEGEL, SZ, WIWO, Capital, von BILD bis …. nachzulesen war. Ausschnittsweise natürlich, denn Pikettys Wälzer aus 2014 „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ mit seinen ca. 800 Seiten werden die wenigsten lesen oder gelesen haben. Trotzdem wird meinungsstark darüber debattiert. Piketty wird gelobt und zerrissen. Aber seine These von der weltweit (wieder) wachsenden Ungleichheit zwischen Arm und Reich provoziert viele Stellungnahmen: von Wirtschaftsprofessoren und Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften wie Shiller, Akerlof und Stiglitz. Von Journalisten natürlich auch. Eigentlich kann ja jeder mitreden, unabhängig davon, wieviel er davon versteht: Denn Ungleichheit ist schlecht, wirtschaftlich, moralisch und politisch. Nach der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 ist sowieso alles nicht mehr so richtig im Lot. Und in der Zeit niedriger Zinssätze, die die kleinen Sparer noch kleiner machen, die Vermögenden aber noch wohlhabender, besteht allseits eine große Sorge um den künftigen Wohlstand. Und dann noch die Flüchtlingskrise: Nehmen sie uns noch mehr weg von unserem schwindenden Wohlstand? Gefährden sie nicht unseren selbst erarbeiteten Wohlstand? Dazu kommen die Rentenängste der heutigen Alten und die zu erwartenden Rentenabschmelzungen für die nachfolgende Generation. Wenn dann noch die Steuersätze im Land diskutiert werden – vor allem die Erbschaftssteuer, dann beteiligen sich mehr Menschen an der Diskussion als Bürger zu den Kommunalwahlen gehen.

Ein paar Fakten:

  • Piketty (2014) zeigte anhand von Ländern wie Frankreich, Deutschland und USA, wie die soziale Ungleichheit seit ca. 4 Jahrzehnten wieder gestiegen ist, was Einkommen und Vermögen betrifft.
  • Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft: Gehörten in den 80er Jahren noch 62% dazu, so sind es z.Zt. nur noch 54%.
  • Die ärmsten 40% der deutschen Gesellschaft verfügen über nur wenig mehr als die Hälfte an Einkommen wie die reichsten 10%. Nur 8% stiegen aus der Mittelschicht nach oben, während gleichzeitig 16% abstiegen. Von der Oberschicht stiegen im gleichen Zeitraum 44,5% nach unten (siehe WiWo, Nr. 19 vom 06.05.2016).
  • Die reichen 10% in Deutschland zahlten knapp 190 Mrd. € Einkommenssteuer. Die unteren 40% hingegen knapp 94 Mrd.
  • Weltweit gehörten Mitte der 80er Jahre etwa 1 Milliarde Menschen der Mittelschicht an. Heute sind es etwa 2,3 Mrd., mit steigender Tendenz (WiWo, Nr. 13 vom 24.03.2016).
  • 10% der Weltbevölkerung leben in Armut. Allerdings ist das so wenig wie noch nie (WiWo, Nr. 13 vom 24.3.2016).
  • 1870 waren ca. 75% der Weltbevölkerung Analphabeten. Heute sind unter 20%. (WiWo, Nr. 13 vom 24.03.2016).

Was ich als Psychologe dazu sage

1. Daten und Statistiken

Piketty hat mit seinen Analysen eine weltweite Debatte angestoßen. Das ist gut so. Er nimmt an, dass die Ungleichheit weltweit zunimmt. Das könnte in der Zukunft ein Problem werden – in den Gesellschaften und zwischen den Gesellschaften. Die sozialen Spannungen könnten Gesellschaften erheblich belasten.

Aber: Jüngere Untersuchungen von verschiedenen Autoren und Institutionen widerlegen z.T. Pikettys Resultate bzw. seine Schlussfolgerungen (siehe hierzu die SZ vom 20./21. August 2016):

Z.B. wird eine von Pikettys Berechnungsvoraussetzungen in Frage gestellt, nämlich die Annahme einer konstanten Sparquote. Carlos Góes vom IWF, der eine Analyse von 19 Industrieländern vornahm, konnte keine Bestätigung für Pikettys Annahmen finden. In etwa drei Vierteln der Länder zeigte sich vielmehr ein umgekehrter Effekt. Der Weltbank-Ökonom Branko Milanović kam zu dem Bild sich unterschiedlich entwickelnder Länder wie China und USA, die sich in verschiedenen Phasen der Entwicklung befänden, die er anhand der Kuznets-Wellen erklärt: China in der ersten, die USA in der zweiten Welle. Seine Erklärung: Die Service-Gesellschaft verlange eine höhere Differenzierung von Spezialfähigkeiten, die besonders belohnt würden. In wohlhabenden Gesellschaften bleibe Raum für extrem hohe Einkommen. Seine Erklärung ist nicht uninteressant: Weil ein höheres volkswirtschaftliches Gesamteinkommen möglich würde, seien hohe Einkommen möglich, ohne dass „alle anderen hungern müssen“ (SZ vom 20/21.8.2016, S. 28). Als wichtigen Grunde nennt er u.a. die nachlassende Macht der Gewerkschaften in einer Service-Gesellschaft, in der sich die Beschäftigten nicht so leicht organisieren ließen. Und der Harvard-Ökonom Philippe Aghion führte wie andere Kollegen die wachsenden Einkommensunterschiede hauptsächlich auf die Anzahl und Qualität der Innovationen in einem Land zurück. Kriterium hierbei: die Anzahl der Patentanmeldungen.

2. Die Berechnungszeiträume

Die Zeiträume und Länder für die jeweiligen Berechnungen sind unterschiedlich. Deutschland ist nicht Europa, nicht China oder Indien oder Vietnam und auch nicht Südafrika, Botswana, Brasilien oder Peru. Die Generalisierbarkeit oder die begrenzte Reichweite der Feststellungen muss spezifiziert und präzisiert werden, um eine realistische Einschätzung vornehmen zu können.

3. Die Autoren

Jenseits dieser primär methodischen Einwände gibt es aber einen schwerwiegenden inhaltlichen Einwand. Die Daten werden überwiegend von Wirtschaftlern erhoben, z.T. nur ergänzt durch soziologische Aspekte und Interpretationen. Wo bleibt die psychologische Perspektive? Als zentrale Problempunkte werden von Marcel Fratzscher, dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, die Chancengleichheit und die Bildungschancen bzw. die hier ungenügenden Investitionen angeführt, die den Ausweg aus der Spaltung der Gesellschaft und das Vermeiden von sozialen Spannungen möglich machen würden. Das ist die übliche politische Begründung, nicht nur von ihm, sondern auch von unserer Ministerin für Arbeit und Soziales, Frau Nahles, deren Vater nach ihrem Bekenntnis noch Maurer war. (Spiegel, Nr. 38, 24.09.2016)

Dabei ist interessant, dass hier anscheinend eine beachtliche Naivität oder eine beträchtliche Ignoranz vorliegt, die viele Politiker und Wissenschaftler teilen: Sie glauben offenbar, die Bereitstellung des rechtlichen Rahmens und gewisser finanzieller Anreize würde zur Leistungs-Mobilisierung der ganzen Gesellschaft tauglich sein. Dabei wird ohne weitere Diskussion ein entscheidender psychologisch-soziologischer Faktor übersehen: nämlich das Herkunftsmilieu mit seinen grundsätzlichen Erwartungen, Bereitschaften, Vorbehalten und Verhaltensgewohnheiten. Dabei ist schon spätestens nach den Untersuchungen von Michael Hartmann zur Elitenforschung bekannt, dass das Bereitstellen von Bildungschancen oder Erlebnismöglichkeiten wie der Teilnahme an Musikkonzerten (denken Sie z.B. an den bestenfalls schelmenhaften Versuch unserer ehemaligen Arbeitsministerin, Frau Ursula von der Leyen) nur wenig mit den tatsächlich wahrgenommen Bildungs-und Aufstiegschancen zu tun hat. Bestimmte soziale Gruppen stehen der Leistung, dem Aufstieg, der Arbeit und der Eigenverantwortung so distanziert gegenüber, dass das Bereitstellen von Chancen keinen hinreichenden Grund zu Stimulation von Aufstiegsanstrengungen darstellt. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit.

4. Perspektive (ohne Wechsel)

Viertens will ich darauf hinweisen, dass die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit kein objektiver, sondern ein höchst subjektiver Faktor ist, der auf vielfältige Einflüsse reagiert. Frust bzw. Unzufriedenheit stellt sich immer dann ein, wenn ein Defizit zwischen einem gewollten „Soll“ und einem erreichten „Ist“ vorliegt. Egal aus welchem Grund – seien es auch realistische oder unrealistische Zielvorstellungen. Und Unzufriedene suchen eher die Schuld bei anderen als bei sich selbst. Eineindeutige oder einseitige Ursachenerklärungen oder Schuldzuweisungen sind zwar in einer „normalen“ Selbstreflexion oder in Diskussionen üblich, aber deswegen noch lange nicht logisch, berechtigt oder zutreffend. In der politischen Diskussion wird hier allerdings einiges durcheinandergeworfen, was einer tatsächlichen Problemlösung wenig nützt. Denn der psychologische Mechanismus ist klar: Menschen beurteilen gewöhnlich nicht nach objektiven Maßstäben: Wer von unten schaut, dem ist das Mehr der Anderen fast immer ein Dorn im Auge. Zumindest in einer ziemlich egalitären Gesellschaft. Aber wer von oben schaut, dem ist auch der Verlust von Besitz, Status oder Sinn etwas Schmerzhaftes, selbst wenn er danach noch mehr hat als die im Vergleich Ärmeren. Wer nimmt aber schon beide Perspektiven ein, um einen sinnvollen sozialpolitisch wirksamen und tragfähigen Kompromiss zu finden? Ob hinter der sozialpolitischen Vorgehensweise der großen Koalition nur eine (ärmliche) Ruhigstellung der Bevölkerung steht, sollte Herr Fratzscher einfach belegen, bevor er die Lage moralisierend skandalisiert.

 

Was die Kernfrage der Gerechtigkeit betrifft, handeln wir wie Neandertaler, die ein IT-Problem zu lösen haben: Wir drücken immer wieder vergeblich auf den gleichen Einschaltknopf, ohne zu begreifen, dass wir das Problem noch überhaupt nicht „vollständig“ begriffen haben, vor allem, wenn es ein „Software“-Problem ist, das mit Emotionen, Einstellungen und Verhaltensgewohnheiten zu tun hat. Wir können mit unserem heutigen Know-How nur den Deckel des Problems aufklappen, aber lösen können wir es noch lange nicht. Wir müssen noch vehement daran arbeiten, es in den Griff zu bekommen. Politische Schuldvorwürfe und moralische Angriffe werden überhaupt nichts lösen, sondern die Spannungen nur erhöhen. Das könnte allerdings wenigstens den Medien nutzen, die sich gerne am Spektakel ergötzen. In der auf Neuigkeit, Sensation, Drama und große Emotionen ausgelegten Medienöffentlichkeit sind unlösbare Probleme selbstverständlich ein emotionaler Brandbeschleuniger. „Gerechtigkeit“, „Sicherheit“, „Wachstum“, Unternehmertum“. Es nutzt dem Verkauf der Informationen, aber nur begrenzt. Und zu den Politikern: In meiner Erinnerung haben Zuspitzungen von Zukunftsbefürwortern nur selten einen großen Effekt gehabt. Dramatisierungen mit diffusen Ängsten helfen nur den Traditionalisten und den Scharfmachern, die eine Entwicklung verhindern wollen. You name it!

Wenn Sie nichts finden, dann sprechen Sie am einfachsten über die aktuelle Regelung der Erbschaftssteuer. Den Erben leistungswilliger Unternehmer pauschal eine Neigung zur leistungsarmen Vermögensbildung zu unterstellen, ist schon ein bemerkenswerter Versuch, den Unternehmen und den in ihnen arbeitenden Menschen die Motivation abzugraben, die sie zu Hochleistungen treibt. Seltsam: Muss man erst die Beispiele in den verflossenen Ostblockstaaten und im kulturrevolutionären China oder die weltweite Historie bemühen, um in Erinnerung zu rufen, dass gesellschaftliche Unterschiede immer schon eine Konstante waren. Die Frage kann doch nur sein, wie und wie groß die Differenzen ausfallen. Können hierbei politisch-polemische Abwertungen die Gerechtigkeitsdebatte leichter machen und zu einem befriedigenden Ergebnis führen?

Werden die Armen wirklich reicher, wenn die Reichen ärmer werden?













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