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12 Was macht der Gorilla in Wirtschaft und Politik?

Dass Menschen fehlbar sind, wird man nie ausschalten können. Es ist ein Teil ihrer Natur. Aber wie schnell, wie selbstkritisch und wie gründlich Learnings aus den gemachten Erfahrungen gezogen werden, das haben Menschen in der Hand. Einige wenigstens.

Prognosen für die Zukunft: Klar, immer eine schwierige Sache! Sei es im Fußball, der Wirtschaft oder der Politik. Überall geht es um das folgerichtige Handeln, sei es im intuitiven Spiel oder beim langfristigen Planen. Immer geht es um Alternativen, die das „Spiel“ bestimmen. Umso wichtiger ist, das aktuelle Geschehen richtig zu sehen und zu bewerten, um blitzschnell zu reagieren oder langfristig das Richtige zu tun. Aber immer ist die Wahrnehmung einer Situation oder eines Prozesses die zentrale Ausgangsbedingung. Nachher ist man ja immer schlauer…

Ein Blick in Wirtschaft und Politik

Waren wir auf die Weltfinanzkrise 2008/2009 gut vorbereitet? Haben Banker und Ökonomen das Risiko gesehen? Mir scheint, auch nicht viel mehr als die Einwohner des kleinen Örtchens Braunsbach das Ansteigen des Wasserspiegels ihres Dorfbächleins erwartet habe! Die Bilder im TV sagen alles.

Haben wir die kriegerische Lage in Afghanistan zu Beginn wie später richtig eingeschätzt – obwohl Putins Abenteuer schon danebengegangen war? Haben wir den Krieg in Syrien mit seinen Folgen einer möglichen Flüchtlingskrise richtig eingeschätzt oder uns in Europa rechtzeitig vorbereitet? Haben wir das Stacheldraht-Europa oder die Rolle der Türkei und ihres Präsidenten Erdogan richtig eingeschätzt? Was konnten wir von ihm erwarten, nachdem wir der Türkei jahrelang den Beginn von Beitrittsverhandlungen zur EU verweigert hatten? Und dann das unselige Angebot eines 3 Mrd. €-Flüchtlingsdeals, das schon nach kürzester Zeit auf 6 Mrd. € aufgestockt werden musste.

Und nun auch noch die vorbereitete Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages. Das Ergebnis: Der türkische Botschafter ist schon abgezogen. Erdogan hat mit ernsten Reaktionen gedroht und bereits am Wochenende die türkischstämmigen Abgeordneten des Deutschen Bundestages als verlängerten Arm von Terroristen bezeichnet! Aaah – nicht vorherzusehen (!?!), wie einer der Abgeordneten des Parlaments es überrascht ausdrückte…

Was ich als Psychologe dazu sage?

Bei Jahrhundert-Spielen, wie des Halbfinal-Spiels Brasilien-Deutschland bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft, mag der Schock bei den Beteiligten und den Zuschauern ja noch angehen. Aber bei existentiellen Ereignissen in Wirtschaft und Politik? Einfach so daran vorbeigehen und optimistisch das sonnige Tagesgeschäft aufnehmen ohne große selbstkritische Reaktionen und wesentliches Lernen?

Schon klar: Dass Menschen fehlbar sind, wird man nie ausschalten können. Es ist ein Teil ihrer Natur. Aber wie schnell, wie selbstkritisch und wie gründlich Learnings aus den gemachten Erfahrungen gezogen werden, das haben Menschen in der Hand. Einige wenigstens.

Das Gorilla-Experiment in der Psychologie

Eines der bekanntesten Experimente in der Geschichte der Psychologie gibt dazu einen verblüffenden Hinweis: Chabris und Simons berichteten darüber in der Zeitschrift Perception 28 (1999), S. 1059 – 1974 (Link zum PDF). Der weltberühmte Film des Experiments dauert je nach Version etwa 1 Minute und zeigt zwei kleine Basketballteams (schwarze und weiße Trikots), die sich jeweils ihre Bälle zuspielen. Die Zuschauer dieses Kurzfilms werden zu Beginn gebeten, zu zählen, wie oft sich die Spieler der Gruppe in Weiß den Ball zuspielen. Mitten im Film erscheint eine Studentin im Gorilla-Kostüm für neun Sekunden, geht von rechts kommend durch die spielende Gruppe, bleibt stehen, schaut in die Kamera, klopft sich auf die Brust und geht dann wieder links aus dem Bild. Die Antworten der Zuschauer auf die Ausgangsfrage nach der Anzahl der Pässe sind weit überwiegend richtig. Dann kommen Zusatzfragen wie: „Ist Ihnen noch etwas aufgefallen?“ und „Haben Sie einen Gorilla gesehen?“  Das Ergebnis hier: Etwa der Hälfte der Zuschauer fällt der Gorilla überhaupt nicht auf!!! Ihre Antworten lauten im Prinzip: „Einen was?!??!“ Beim Nachprüfen und zweiten Ansehen des Films vermuten einige Teilnehmer, dass der zweite Film manipuliert wurde und im ersten Film der Gorilla nicht enthalten war.  Im Minimum war die Reaktion: Verblüffend! Das Experiment wurde in unzähligen Studien weltweit wiederholt. Das Ergebnis: weltweit nahezu die deckungsgleichen Ergebnisse!!

Die Erklärung für diese eklatante Fehlwahrnehmung: Wahrnehmung ist immer selektiv – ohne dass sich die Betroffenen dessen immer bewusst sind. Und ein massiver Aufmerksamkeits-Mangel gegenüber unerwarteten Dingen und Abläufen führt im Kopf zum Ausblenden von Anteilen der Realität! In der Psychologie heißt dieses Phänomen in Anlehnung an Arien Mack und Irvin Rock “Unaufmerksamkeits-Blindheit“ („inattentional blindness“). In einer später in Auftrag gegebenen Meinungsbefragung erwachsener Amerikaner waren deshalb auch mehr als 75% der Befragten der Meinung, dass Ihnen solche unerwarteten Ereignisse auffallen würden, selbst wenn sie sich auf etwas Anderes konzentrieren würden…

Das Fazit

Irren ist zutiefst menschlich, vor allem, wenn es um eigenes Denken, Fühlen und Verhalten geht. Auch Zeugenaussagen sind in aller Regel höchst fragwürdig. Menschen leugnen häufig, dass ihnen persönlich das Gorilla-Phänomen passieren könnte und finden jede Menge Selbstrechtfertigungen. So wie sich ungefähr 85% aller deutschen Autofahren für „gute“ Autofahrer halten – allen Verkehrsstatistiken zum Trotz…

Zum Nachlesen empfehlenswert das Buch „Der unsichtbare Gorilla“ von Chabris/Simons, Piper-Verlag (2011). Und wer das Experiment nachstellen will, der kann sich unter www.theinvisiblegorilla.com kundig machen.

Aber auch ohne das Experiment nachzustellen, könnten sich viele die vorliegenden Erkenntnisse zu eigen machen: z.B. Politiker, Wirtschaftler, Wissenschaftler, Unternehmer, Führungskräfte, Rechtsanwälte, Zukunftsprognostiker, Investoren und Investmentbanker, Lehrer, Agenten, Esoteriker und andere Verantwortliche, die zu der Gattung „Mensch“ zählen. Und ihre Schlussfolgerungen daraus ziehen! Und diese übertragen auf die Wahrnehmung und Einschätzung von sozialen Prozessen, die komplex und schnell ablaufen. Das wäre ein Beitrag zum Abbau von ahnungsloser Ignoranz bei der Wahrnehmung und selbstgerechter Arroganz bei Argumentationen…

Ich weiß, dass die Evolution des Menschen nur langsam vorangeht. Aber selbst wenn nur ein 1% der Bevölkerung und nur 1% der Verantwortlichen auf dieser Erde aus diesen Erkenntnissen lernen würde: Der Fortschritt der Menschheit wäre gigantisch!













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