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34 „Und wo bleiben die Menschen?“

Technik, Innovationen, Fortschritt, Disruption... Und wo bleiben die Menschen? Eine der vielen Fragen auf dem Wirtschaftstag letzte Woche in Berlin.

Na, eine historische Tagung war der Wirtschaftstag des Wirtschaftsrates am 14./15. Februar 2017 in Berlin sicherlich nicht, aber immerhin eine letztlich gute Veranstaltung: Innovationen standen im Vordergrund!

Anfangs war es wie immer

Einstieg durch Herrn Steiger, den Generalsekretär. Wie immer kämpferisch, aber etwas schlagwortartig. Danach Peter Altmeier, Kanzleramtsminister. Er scheint im Rhetoriktraining gewesen zu sein, so schemahaft war die Körpersprache, mit der er sich von rechts nach links drehte und von links nach rechts zurück, um sich dem ganzen Publikum zuzuwenden. Auch der Witz, mit dem er sich „zwar nicht als den wichtigsten, aber immerhin als den gewichtigsten Minister des Kabinetts“ vorstellte, sollte ein schon etwas gebrauchter gewesen sein, wie ein Insider erzählte.

Das war die Eröffnung, die inhaltlich nicht schlecht war, aber besonders stimulierend eben auch nicht. Bemüht, würde ich sagen. Bemüht um mentale Aufrüstung im alten Stil: Ein paar dramatische Zahlen, aber bekannte. Einige richtige Aussagen, aber eben die alten Appelle. Soll das den Aufbruch in ein neues Zeitalter auslösen? Am 1. Abend war ich also unzufrieden.

Der 2. Tag stimmte versöhnlich

Gute Themen, interessante Gesprächspartner, animative Pitches einiger junger Startups. Und zwischendurch Vorträge und Aussagen, die man zur Erholung von den Anstrengungen des Lebens nutzen konnte.   

Natürlich stand die Digitalisierung im Vordergrund. Allseits die Botschaften, dass man jetzt endlich aufholen müsse, dabei aber doch schon einigermaßen vorwärtsgekommen sei. Die Teilnehmer der ersten Panelrunde rissen nicht direkt vom Hocker, aber ihre Aussagen wurden zunehmend interessanter, wenngleich der Refrain sich wiederholt anhörte wie: „Wir sind schon gut dabei!“

Selbstkritisch äußerte sich bis dahin lediglich Dr. Löffler, Mitglied des Vorstandes bei Microsoft Deutschland. Seine Aussagen und Botschaften reflektierten einen umsichtigen und ersthaften Manager (der Finanzen!). Kernmessage für mich waren im Saal der technikorientierten Wundergläubigen immerhin die Aussage: „Wir müssen Technologien entwickeln, ohne die Menschen zurück zu lassen.“ Diese Systemsicht hätte ich mir von manch anderem Veranstaltungsteilnehmer ebenfalls gewünscht.

Interessant war der Bericht über einen blinden Technik-Entwickler, der eine Datenbrille entwickelt (hat), die Texte vorliest und in gewissem Umfang auch die Umgebung beobachtet. Bemerkenswert positiv und bemerkenswert bedrohlich. Aber im Saal war kein Raunen.

Technik stand im Vordergrund, Technik und ein bisschen Ökonomie.

Wo blieben die Menschen?

Sie wurden nicht vollständig vergessen. Immerhin wurde darauf hingewiesen, dass es sie ja noch gibt.

Mir fiel in diesem Zusammenhang ein McKinsey-Bericht von 2013 ein, der auch in dem Buch von Keese (Digital/Silicon Germany 2016) erwähnt wurde: Etwa 140 Mio. Arbeitslose wurden dort für die nächsten Jahre als Folge der Digitalisierung und der Roboter-Entwicklung prognostiziert. (Mein unbewusstes Gedächtnis hat mich wohl vor der Erinnerung geschont, wo und wann sie auftreten würden...)

Irgendwann brachte jemand ein Bündnis für Arbeit ins Gespräch (Wohin mit den frei werdenden Menschen?), das aber niemand aufgriff und irgendwann nur noch ein Nebenthema war...

Über Datensicherheit wurde geredet und über die Notwendigkeit einer differenzierten Datenverwendung.

Fast nebenbei wurde von 26 Datenschutzbehörden in Deutschland berichtet, das zwar nicht mehr als ein Wunderland der Denker, Dichter und Datenspezialisten gepriesen wurde, aber immerhin als Land der aufgewachten Nachzügler. Immerhin! (Man hätte Deutschland ja auch als Land der hochbegabten Steuerexperten und Verwaltungsbeamten rühmen können!)

Politiker-Bashing während der Veranstaltung? Keines. Immerhin!

Die es „Kostet-Nichts-Mentalität“ wurde angesprochen und klargestellt: Das geht in der Marktwirtschaft auf Dauer nicht!

Auch das Thema Work-Life-Balance wurde zumindest erwähnt und dann der Vorschlag unterbreitet, wenigstens von Work-Life-Flow zu sprechen. Ob das die Realität verbessert und zu dramatischen Einstellungsänderungen führen wird?

Ja ja: Man war sich doch schon einig, dass eine Änderung in den Köpfen dringend erforderlich sei.

Irgendwer machte die Schnelligkeit der digitalen Entwicklung an dem Beispiel der Entwicklung von den herkömmlichen Musik-Platten zur CD und von dort zu den Downloads bis schließlich zur Revolution durch das Streaming deutlich. Wie niedlich!

Eine erforderliche Vorbereitung auf den nötigen „Kulturwandel!!“ wurde als schwierigste Frage (!) angesprochen und die Klage geäußert, bei uns in Deutschland gäbe es zu wenig positives Anfangen, zu viele Bedenken würden geäußert (z.B. zur Ökologie und zum Datenschutz...).

Das Startup Companisto brachte mit einfachen Folien und wenigen Worten/Sätzen ihr Bekenntnis rüber: „We are enthusiastic about innovation“. Aber noch mehr machten sie Eindruck auf mich mit ihrem offenen Zugeben von noch ungelösten Fragen und Problemen.

Drei Redner prägten den zweiten Tag: Staatssekretär Spahn aus dem Gesundheits-Ministerium mit seinem frischen selbstsicheren Auftritt und der Bereitschaft zur lustvoll konfliktoffenen Auseinandersetzung. Aber auch er stimmte etwas matt in die Aufforderung ein, wir bräuchten hierzulande mehr positives Denken. Er selbst scheint davon einiges aufzubringen, zumindest was seine Selbsteinschätzung antrifft: „Ich bin ein Anhänger des halbvollen Glases...“.

Nur sein Bekenntnis, das in den letzten 3-4 Jahren viel passiert und erkannt worden sei, überrascht dann doch noch etwas: Wieso erst in den letzten 3-4 Jahren? Gab es vorher keine eindeutigen Signale? Gibt es Apple und Microsoft und das ganze Silicon Valley erst seit 3-4 Jahren?

Fragen über Fragen

In der nachfolgenden Paneldiskussion kam schon wieder die Frage auf: Wie machen wir Menschen mutiger? Die klare Antwort? Keine!

Danach wieder mal die Frage: Was sollten wir tun, um mehr Gründer in Deutschland zu kriegen: Die Antwort um Investitionsfragen – aber nicht um die Beantwortung der Frage – oder war das schon die Antwort?

Später schob Spahn das Bekenntnis nach: „Scheitern ist kein Wert an sich! Es gibt auch eine Verantwortung für die Steuerzahler!“

Irgendjemand sagte dann auf einmal: „Ich würde mir wünschen, dass die Autobranche sich zusammentut und einen Venture Capital Fond auflegt...!“ Es gab Beifall für die Aussage mit Ausrufezeichen. (Aber trotz der Bedeutung der Aussage kann ich mich nicht mehr erinnern, vom wem sie war. Weshalb bloß?)

Im Panel am Mittwoch-Nachmittag gab es eine Feststellung: Die Notwendigkeit der Änderung und der Einstellung auf die Zukunft gelte für alle, vor allem für die Entwicklung, die Verwaltung und die Produktion, Produktion, Produktion...

Und eine interessante Frage: Schaffen die alten Unternehmen den kulturellen Wandel – oder sind radikale (disruptive) Change-Prozesse letztlich schneller, erfolgreicher oder besser? Die Frage blieb offen!

Nachmittags kam dann noch der Vortrag von Herrn Oettinger, dem Europa-Kommissar. Neben Spahn lieferte er den besten Vortrag und erntete starken Beifall! Er gab eine routinierte politische Präsentation mit guten Schlagworten und prägnanten Aussagen: Seine beste Pointe: „Lieber Schlaglöcher als Funklöcher!“ Gemeint ist der übermächtig notwendige Ausbau des digitalen Netzes.

Der abschließende Vortag von Kaspersky über Cybersicherheit war zwar spontan und launisch, aber auch chaotisch russisch. Seine freistehend freihändige Plauderei beschäftigte sich mit einigen Trends der Sicherheitsgefährdung. Seine Botschaft war klar: Die Sicherheitsgefährdung nimmt dramatisch zu!

Abschließend will ich festhalten: Es gab nach meiner Meinung nur wenige abwägende Botschaften, dafür umso mehr die Darstellung eines bekennenden Zukunftsglaubens.

MEINE POSITION

Man muss das gesamte System betrachten, um realistische Einschätzungen zur Zukunftsentwicklung zu erhalten. Nicht nur die Technik!













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