BLOGBEITRAG



27 TRUMP

Der Name beherrscht die Schlagzeilen. Und bald die Welt? Erst als unerwartete „Sensation“ kategorisiert, dann aber nach wenigen Tagen mit schnellen Erklärungen intellektuell verdaubar gemacht: Die Populisten. Die Globalisierungsgegner. Die Zukurzgekommenen. Die Vergessenen. Die Traditionalisten. Die Waffeninhaber. Sie alle haben ihn gewählt. Ach so: Auch die Frauen. Nicht nur die alten weißen Männer…

Seit Trumps angeblichem Überraschungssieg nimmt man jetzt auch die anderen populistischen Strömungen ernst und fürchtet sich vor ihnen: in Polen, in Österreich, in Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Spanien, der Türkei und den Niederlanden. Ach so, vor einiger Zeit haben sich die Dänen ja auch schon abgeschottet und haben die Grenzen eng gemacht. Ob die Wallonen auch dazu gehören?

Sofort waren die Katalanen im Gedächtnis und die Kalifornier wieder im Radio: Als sechsgrößte Wirtschaft der Welt könnten sie ja auch ohne den Rest von Amerika gut überleben, vielleicht sogar besser…

Meinungsumfragen sahen Clinton vor Trump

War also die Überraschung über den Überraschungssieg Trumps eine echte Überraschung? Fast alle Meinungsumfragen hatten doch einen Sieg von Hillary Clinton vorausgesagt, eng zwar, aber klar! Na, zwei Zeitungen sahen in den letzten Tagen dann doch noch Trump vor Clinton. Anscheinend ebenso ein oder zwei kleinere Befragungsinstitute. Doch die Wissenden, die Überlegenen, die Intellektuellen und das Establishment schienen siegessicher. Denn dieser schmutzige Wahlkampf auf dem niedersten Niveau seit Generationen konnte doch nicht von einem Non-Politiker gewonnen werden, der keinerlei politische Amtserfahrung aufzuweisen hatte?!

War denn vergessen, dass die Republikaner im Repräsentantenhaus die Mehrheit haben?

Soweit ich weiß, schon seit einiger Zeit. Die Finanzkrise von 2008 und die sich anschließende Weltwirtschaftskrise auch schon wieder vergessen? Die sich vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich trotz aller aktuellen Diskussionen ohne Belang für die Präsidentenwahl? Die sexistischen Sprüche des neuen Präsidenten, der sie schließlich als Kabinengeplauder abtat, ganz ohne Bedeutung in einem Land, dem Viele eine Diskrepanz zwischen verkündeten Werten und gelebten Handlungen als Bigotterie nachsagen? Was nicht nur für Trump, sondern auch für Hillary Clinton und den (ehemaligen)Mann ihrer engsten Beraterin zu gelten hat…

Was ich als Psychologe dazu sage:

Erstens:

Menschen haben ganz offensichtlich die Neigung, fast immer Einzelpersonen dafür verantwortlich zu machen, wenn etwas schiefgegangen ist. Oder wenn Wahlen zu gewinnen sind. Ganz so, als ob die Einzelnen das Steuer eines Schiffes allein in Händen halten würden. Als ob dies nicht nur für kleine Jollen, sondern auch für die Komplexität eines Staatsschiffes gelten würde. Offensichtlich ist für viele Menschen eine systemische Sichtweise immer noch eine Erfindung der Zukunft! Es wird nicht gesehen, dass es nicht alleine um Trump geht, sondern um die Repräsentanz dieses Einzelnen für das Staatssystem der USA! Nicht Trump hat sich ins Präsidentenamt gewählt, sondern seine Wähler! Sie haben ihn nicht gewählt, weil er sie reich macht, sondern weil sie glauben, dass er sie wohlhabender macht. Weil sie glauben, dass er für sie tun wird, was er für sich selbst getan hat. Weil er für Sie ausgesprochen hat, was viele seiner Wähler wollen: Eine große Mauer gegen Mexiko, hohe Strafzölle gegen ausländische Waren, damit ihre eigenen Erzeugnisse wieder besser verkauft werden. Abtreibungsverbote gegen das Lotterleben der Ultraliberalen, weil sie noch in einer anderen Glaubenswelt leben als die Städter. Radikale Sprache und übervereinfachte Lösungen für komplexe Probleme, weil sie selbst zu einfachen Gedanken und übervereinfachten Lösungen greifen, mit denen sie in der Welt bestehen wollen. Weil sie übergroße Angst haben abzustürzen und Neid verspüren, weshalb sie nach dem starken Mann rufen, der sich anscheinend durchsetzen kann. Er ist ihr Projektionsfeld der Erlösung von dieser widrigen modernen Welt, die sie zu den Benachteiligten gemacht hat. Sie wollen wieder groß werden wie in der verklärten Vergangenheit: „Make America great again!“ Ist er nicht ihr Leader, weil er für ihr Denken, für ihr Fühlen, für ihr Ausgrenzen von Anderen, von „Wirtschaftsflüchtlingen“ steht? Ist er nicht ein viriler Mann wie sie gerne auch sein würden, der sich um andere wenig schert? Warum sollte er selbstkritisch werden oder sich mit Bescheidenheit der Welt stellen, wenn doch Großmäuligkeit, Härte und Egoismus von ihnen belohnt wird mit der (möglichen) Präsidentschaft? Ach, und die Latinos: Haben sie nicht auch in unerwarteter Höhe für Trump gestimmt? Soll man von ihnen erwarten, dass sie sich den amerikanischen Frauen unterwerfen oder selbst zu Feministinnen werden?

Zweitens:

Muss man sich denn wirklich daran gewöhnen, dass vor der Wahl Dinge versprochen werden, die nachher niemals eingelöst werden? Gehören Wahllügen zur Demokratie, die man nur mit Achselzucken registrieren und abtun kann, bevor man zum verlogenen Alltag übergeht? Muss man immer wieder bereit sein, unkalkulierbare Abstriche zu machen von dem, was man von höchsten Würdenträgern des Staates zu hören bekommt? Gelten Glaubwürdigkeit und Authentizität nur für die feinen Eliten, die sich dem Treiben der Gewöhnlichen auf der Straße weitgehend entziehen?

Drittens:

Man muss sich vorstellen, was es heißt, dass sich der Populismus in der westlichen Welt ausbreitet! Volksmusik nicht nur im Musikgeschäft, sondern seelische Volksmusik als politische Konstante im schwierigen politischen und internationalen Geschäft?

Kann es sein, dass der Populismus in Amerika und in Europa eine westliche Variante des islamischen Traditionalismus darstellt, die sich ebenfalls gegen jene Modernisierungsprozesse wendet, die die Hyper-Technik, der Über-Konsum, der Über-Wettbewerb, die unaufhaltsame Nachrichten-Walze durch einen fast genetisch fixierten Smartphone-Gebrauch und der Heimat-Verlust durch scheinbar grenzenlose Mobilisierungs- und Flexibilisierungs- Dynamiken auslösen? Sind wir jetzt endgültig in der zweiten Gegenaufklärung der Post-Moderne?

Fazit:

Ich vermute, wir bekommen jetzt die Folgen all jener sogenannten Modernisierungsprozesse zu spüren, die einem ewig gleichen Struktur-Ablauf zu folgen scheinen, dem Goethe schon im „Zauberlehrling“ ein schwer zu übertreffendes literarisches Denkmal gesetzt: Erst kommen die Verkündung und der Reiz der Neuerung, der als paradiesischer Fortschritt intoniert wird – technisch, politisch, gesellschaftlich, modisch, ernährungsbezogen, industriebezogen oder was immer auch an Beispielen aufgeführt werden mag. Aber lange danach kommen die Langzeitfolgen, die anfangs überhaupt nicht absehbar waren und verdüstern die Bilanz der Neuigkeiten. Es scheint wie mit den Drogen: Was anfangs als Erlösung, als Stimulation oder Befreiung wahrgenommen wird, entzündet unaufhaltsam seine Nebenwirkungen. Da helfen dann keine Beipackzettel mit der notorischen Warnung: „…Bei Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt und Apotheker!“

Wer ist in dieser Welt noch Arzt und Apotheker?













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