BLOGBEITRAG



36 Trump und das Präsidentiale Pubertäts-Syndrom:
Helfen da noch Coaching und Persönliche Entwicklung?

Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, wird oft „der mächtigste Mann der Welt“ genannt. Man könnte ihn auch den „Zauberer des Unwirklichen“ nennen. Ob bei ihm das probate Mittel der Persönlichen Entwicklung durch Coaching noch eine Chance hat oder hätte?

Seit seiner Wahl und seit seiner Amtseinführung hat der 45. Präsident der USA dem Amt seinen besonderen Stempel aufgedrückt. Er scheint einer der wenigen zu sein, die ihrerseits das Amt stärker prägen als das Amt sie selbst.

Die Fakten

Er ist konsequent in der Umsetzung seiner Wahlversprechen. Dafür lieben ihn seine Wähler. Wer hat schon so wie er direkt bei der Amtseinführung der gesamten versammelten Polit-Elite Washingtons die Leviten gelesen und ihr von Angesicht zu Angesicht Unfähigkeit und unverantwortliches Handeln vorgeworfen? Wer ist schon so überzeugend wie er gegen die Ergebnisse der Wissenschaft einer ganzen Generation angetreten und hat den Klimawandel geleugnet? Nein, man kann ihm nicht vorwerfen, dass er an Ufos glaubt und den Verschwörungstheoretikern angehört. Mit solchen Kleinigkeiten gibt er sich nicht ab. Er ist hellsichtiger als alle anderen und weiß, wie die Wirklichkeit in Wirklichkeit ist. Er zaubert nicht einfach in einem Kellertheater weiße Tauben aus dem Zylinder. Er bestreitet nicht einfach das, was er sich nach eigener Aussage als Star mit seiner Hand gegenüber Frauen leisten kann, je gesagt zu haben- auch wenn die Filmdokumentationen darüber im Netz kursieren. Nein, er glaubt und sagt, was er (und seine Regierung) in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit geleistet haben, sei das Größte, was je ein Präsident der amerikanischen Geschichte in der Anfangszeit geleistet hätten. Donald Trump glaubt an seine persönliche Entwicklung: Er mache „America Great Again!“. Dies ist keineswegs nur die größte selbsthypnotische Leistung, die ein Mensch bisher vollbracht hat. Seine Anhänger glauben es und geben ihm damit die nötige psychologische Verstärkung, die Menschen brauchen, um selbst die falschesten Ansichten aufrechtzuerhalten gegen die erkennbare Wirklichkeit. Diese als Persönlichkeitsstärke geadelte Unfähigkeit zur Wirklichkeitskontrolle zeigt im Kleinen, wozu er im Großen in der Lage ist, wenn er mit Worten die Wirklichkeit verändert. Wer etwa hätte sich noch vor ca. einem Jahr vorgestellt, was „fake news“ sind und welche Macht sie über große Teile der Bevölkerung haben? Oder Bilder, die um die Welt gingen. Sie zeigen die Macht der fantastischen Imagination und der betörenden Kraft mentaler Selbstinstruktionen, zu der „er“ wie kaum ein anderer in der Lage ist. Wir müssen offenbar verstehen lernen, dass die Erde doch eine Scheibe ist, denn er sieht sie so. Er, der amerikanische Präsident, der ganz beiläufig die Spielregeln der Höflichkeit neu definiert, wenn er selbst gegenüber dem Papst mit offenem Sakko daher marschiert und demonstrativ seine zwei Meter lange Spezialkrawatte heraushängen lässt, als würde er eine Bar besuchen (oder war die Krawatte vielleicht doch nicht so lang?). Wer hat denn seit Ludwig dem XIV. mit solch geringem Aufwand Höflinge und Gastgeber mit Kleidung und Gestik domestiziert? Wer will denn ihm da etwas vormachen? Wahrscheinlich so schnell niemand, denn die Geschichte wiederholt sich ja nicht einfach so alle 84 Jahre. Donald Trump ist eine geschichtsmächtige Person in einem extrem herausgehobenen Amt.

Trump in der Geschichte

Vergessen wir nicht: Was der amerikanische Präsident schließlich nicht alles kann, das wird man – historisch gesehen – vermutlich erst dann ermessen können, wenn einige Jahrhunderte vergangen sind. Wenn die Welt endlich einsehen könnte, wie er die Koordinaten der Wirklichkeitswahrnehmung fundamental verändert hat wie wenige Politiker der Weltgeschichte, zumindest der westlichen Welt.

Er hat dem Begriff des Nepotismus neue präsidiale Würde gegeben. Er hat den Begriff des Narzissmus neu definiert und dabei selbst Lloyd C. Blankfein von Goldman Sachs lässig übertroffen. Er ist dabei, unser Verständnis von partieller Soziopathie und irreversibler Psychopathie zu ent-grenzen und neue Maßstäbe für die Hellsichtigkeit von Staatsmännern zu gewinnen, die andere zur Demut zwingen und zur Anerkennung der selbst geschaffenen Wirklichkeit, die der Allmächtige mit der blonden Locke mit dem Charme eines Pitbulls setzen kann. Als Zeitzeuge könnte u.a. der montenegrinischen Ministerpräsidenten Dusko Markovic auftreten, der am eigenen zur Seite geschobenen Körper beim Fotografieren erfahren konnte, was Durchsetzung und In-Szene-Setzen bedeuten kann. Trump, der noch über eine heute im Westen ungewohnte Selbstverständlichkeit über das Domestikationsrepertoire eines Hominiden verfügt, setzt auch konsequent die etwas älteren Erkenntnisse der Verhaltensforschung um (siehe z.B. schon Irenäus Eibl-Eibesfeldt vor einigen Jahrzehnten), die zeigen, wie Durchsetzung und Bedeutung allein durch Körpersprache unmissverständlich signalisiert werden kann. Wer präsentiert mit solcher Delikatesse die Zartheit einer zur „0“ geformten Berührung von Daumen und Finger der rechten Hand wie er den Zynismus einer unverhohlenen Drohung oder einer absurden Zukunftsprognose wie „er“ sie kommen sieht?

Welcher westliche Politiker hält so eindrucksvoll an einmal gefassten Ansichten fest wie Trump, auch wenn diese wissenschaftlich widerlegt werden oder nachweislich falsche Zahlen von ihm zitiert worden sind? Bill Peduto, der Bürgermeister von Pittsburgh, kann das neueste Beispiel bezeugen, da er Trumps Behauptung, er repräsentiere „Pittsburgh, nicht Paris“ mit Empörung widersprach. Peduto twitterte entrüstet, bei der Präsidentschaftswahl im November 2016 hätten sich fast 80% der Bürger in P´burgh gegen Trump ausgesprochen (siehe FAZ Online).  Das alte P´burgh existiert seit 35 Jahren nicht mehr: „Steel-City“ hatte damals 17% Arbeitslose, heute aber nur noch 5% – amerikanischer Durchschnitt! 2016 gab es nur noch 5.300 Beschäftigte in der Stahlindustrie – aber 13.000 in der Branche für erneuerbare Energie. Peduto kündigte darüber hinaus auch an, mit 81 anderen Bürgermeistern die Vereinbarungen des Pariser Abkommens erfüllen zu wollen. In ähnlicher Weise hat Trump wichtige Teile der Wirtschaft gegen sich aufgebracht, wie Amazon, Apple, Microsoft, Tesla und unzählige andere Firmen öffentlich bezeugen und Widerstand gegen Trump und die Regierung in Washington leisten! Macht nichts. Trump ist und bleibt „authentisch“!

Auch das ist Könnerschaft: einen Teil der Öffentlichkeit, der Medien und der psychiatrischen und psychotherapeutischen Community zu vereinen im Widerstand gegen einen Staatsrepräsentanten, der als regressiv kindisch, fachlich bestürzend ahnungslos, aber gleichwohl ungemein ignoranzintensiv und behauptungsstark einzuschätzen ist!

Wer kann in solch eminenter Meinungsstärke die Wirklichkeit so auf den Kopf stellen wie er- und so viele politischen oder wissenschaftlichen Würdenträger vor den Kopf stoßen wie er? Ihm kann nur noch die eine Krone aufgesetzt werden, die er anderen nicht schon entrissen hat: Die Lehrbücher der Persönlichkeitspsychologie und der psychopathologischen Befunde müssen fundamental umgeschrieben werden, um das Abnormale als normal erscheinen zu lassen! Denn die Anderen sind wahlweise „bad, very bad!“, weil sie seinen Maßstäben nicht genügen. Oder die Handelsbeziehungen sind für die USA „nicht fair“, weswegen er gegen alle Vernunft einzelnen Firmen oder Ländern in aller Öffentlichkeit droht oder Politiker und hochrangige Mitarbeiter persönlich unter Druck setzt, um seine Forderungen durchzubringen.

Donald Trump könnte in die Geschichte der Menschheit eingehen als der Erfinder der „verbalen Konversionstheorie“ über die Umwandlung bloßer Behauptungen in gültige Wirklichkeit. Aber vielleicht steht er auch schon auf der Kandidatenliste für den Nobelpreis für Ökonomie – wegen seiner differenzierten und twitter-getunten weltpolitischen Erklärungen mit universalen Wirkungen während später Abendstunden. Ganz wie der DER SPIEGEL auf dem Titelblatt seiner neuesten Ausgabe den begnadeten Golfer illustriert, wie er dem abgeschossenen Erdball hinterher twittert: „You‘re fired!“. Und das neueste Attentat in London nutze er schon Stunden später zu einem zynisch-vorwurfsvollen Twitter-Statement gegen den Londoner Bürgermeister – ohne dass eindeutig war, was passiert war. Und wie kaum anders zu erwarten, fühlte er sich selbst – wie heute Morgen in den Rundfunknachrichten zu hören war – durch die Aussagen des von ihm fristlos gefeuerten früheren FBI-Chefs Comey „rehabilisiert“, der schriftlich unmittelbar vor seiner Anhörung im Senat berichtet hatte, Trump habe ihn unter vier Augen aufgefordert, die Nachforschungen in der Russland-Affäre einzustellen. Comey hatte berichtet, es werde nicht gegen ihn direkt ermittelt...

Was einem professionellen Diagnostiker schon vor der Wahl hat klar sein müssen, ist anscheinend selbst dem „Spiegel“ – wie vielen anderen Beobachtern auch – erst nach dem Klimaausstieg endgültig klar geworden: Trump hält sich sehr an seine Aussagen. Jedenfalls immer an die, die im Augenblick passen. Eine echte Wirklichkeitsprüfung ist für ihn nicht notwendig. Auch im neuen Amt gilt für ihn offensichtlich: „Persönliche Entwicklung? Nein Danke!“

Mein Vorschlag

Das „Präsidentiale Pubertäts-Syndrom“ muss unverzüglich in das DSM-6 aufgenommen werden, das künftige klinische Diagnostik- und Statistik-Manual für psychiatrische und psychologische Störungen!













TOP SCHLAGWÖRTER