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10 Tattoos, Mode und die eigene Identität

Jamie-Lee, die 18-Jährige Siegerin der Casting-Show „The Voice of Germany“, trat am Samstag-Abend vor Pfingsten in Stockholm beim ESC (European Song Contest) „für uns“ an. Sie hatte für ihren Song „Ghost“ und ihre Manga-Mode viele Vorschusslorbeeren erhalten. Tatsächlich landete sie auf Platz 26, dem letzten. Es half nichts, dass „Manga“ in Japan eine Mainstream-Linie ist mit 2 Varianten: „Decora Kei“ als bloß freie Anlehnung an Manga-Comic-Figuren und „Cosplay“ als bewusste Lebenshaltung, die sich sogar im Verhalten den Comic-Figuren angleicht.

Bill Kaunitz von „Tokio Hotel“, der vor Jahren in Deutschland die Teenies verrückt machte und dabei mit einer Transgender-Erscheinung, Tattoos und Piercings spielte, ist wieder aus Los Angeles zurück. Früher wilde schwarze Haare, heute kurze blonde. Früher feminin geschminktes Gesicht, heute bart-zupfiges Jünglingsgesicht und feminin weite Hosen. Er will jetzt Billy genannt werden.

Billy und Jamie-Lee: Vermutlich haben sie ihre Japan-Neigungen nicht abgesprochen, aber man weiß ja nicht, ob Jamie-Lee sich als 11- oder 12-Jährige schon für Bill und „Tokio Hotel“ begeisterte. Aber festzuhalten ist auf jeden Fall: Sie fallen auf.

Tattoos sind keine neue Erscheinung

Tattoos sind ja keine neue Erscheinung, die uns grundsätzlich überrascht, sondern eine, die sich bei uns seit Jahren als auffallende Mainstream-Variante etabliert.  Alle wissen, was Fußball ist und kennen die neuen Helden des grünen Rasens: Ronaldo, Neuer, Messi, J. Boateng oder Vidal oder Ibrahimovic z.B.: Wohl keine der deutschen und internationalen Fußball-Mannschaften kommt noch ohne sie aus, die tätowierten Kämpfer. Nicht mal die „Cleanies“ von Bayer Leverkusen, deren Konzern vielleicht auch Reinigungsmittel für das Entfernen der Tattoos im Produkt-Sortiment hat. Ist ja auch verständlich, denn gerade die Zielgruppe der Fußballer zeigt, worum es bei den Trägern von Tattoos und der Manga-Mode z.B. geht. Es geht wie immer um die Selbstdarstellung, die eigene Persönlichkeit oder noch mehr: der eigenen bewussten und unbewussten Identität. Es sind soziale Positionierungen, also Statements der gefühlten und gewollten Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe.

 Was sage ich als Psychologe dazu?

Gerade Aufsteiger, die von weit unten kommen und sich z.B. als Medien-Idole in der breiten Öffentlichkeit in neuen Rollen bewegen, machen deutlich, wie dringlich das eigene Statement ist. Der eigene Körper wird markant bis schrill präsentiert, um sich marketingmäßig zu präsentieren und sozial zu positionieren. Das eine Mal ist es die Kleidung als soziale Haut, die erzählen soll, wer man sein will. Das andere Mal ist es die eigene Haut selbst, die erzählen soll von der Einzigartigkeit der eigenen Person und all dem, was sich im Inneren der Träger abspielt.

4 Bedeutungsaspekte sind zu unterscheiden

  1. Erstens sind es Signale einer Selbstvergewisserung nach innen, wer man sein will. Denn gerade die selbstgesteuerte Wiederholung des Statements stabilisiert nach innen.
  2. Gleichzeitig sind es Signale nach außen. Sie sollen für Eingeweihte und Gleichgesinnte sofort erkennbar sein: Das ist einer von uns. Die Besonderheiten des Einzelnen sollen ja gesehen und bestätigt werden, wenigstens am Arm oder auf der Schulter, wenn nicht schon als Ganzkörperschmuck im Reiz der Nacht.
    In einer hochdynamischen Welt voller Dynamik, Komplexitäten und Kompliziertheiten, in der nicht jeder Einzelne unbedingt auch ein echtes Individuum ist, will man erkennbar sein. Während die getragene Mode nur ausstellt und man mit deren Hilfe als sozialer Haut nur so tut „als ob“, werden Tattoos tatsächlich in und auf der eigenen Haut getragen als dasjenige, was man über sich selbst bisher herausgefunden hat und vermitteln will. In dieser Welt, die Persönlichkeiten und Rollen rasend schnell durcheinanderwirbelt, sucht man nach konstanten wie veränderbaren Zeichen des eigenen Ichs. Man sendet Signale der Zugehörigkeit zu Gruppen und Milieus, die die eigene Sprache verstehen und die ganz ähnlich sind wie man selbst.
  3. Kein Wunder also, dass heute die Zeichen massenweise wiederauftauchen, die schon in ursprünglichen Stämmen und Kulturen als Kulturtechniken der Selbstbeschreibung und der Fremd-Beschwörung praktiziert wurden. Um in unserer turbulenten und chaotischen Zeit voller Wechsel und Veränderungen kein seelisches Schleudertrauma zu erleiden, bezieht man öffentlich Position – und hofft auf Resonanz, auf Feedback, auf Anerkennung! Dort, wo die traditionellen Gewissheiten der eigenen Verwurzelung in der Familie, in der sozialen Positionierung und sogar im Geschlecht immer mehr verloren gehen, geht man grell an die eigene Haut und vergrößert die eigene Resonanzfläche nach draußen: Selbstdarstellung, um mit sich selbst konsistent zu sein oder zu werden. Und Selbstdarstellung, um von anderen positive Rückmeldung in Form von Aufmerksamkeit, Wiedererkennung und Bestätigung zu bekommen. Alles hat ein gleiches Ziel: die eigene Selbstwerterhöhung! Und Marketing, gerade im Show-Business, greift das Ziel und den Prozess geschäftsoptimierend auf. Madonna und Lady Gaga werden das bestätigen können.
  4. Gleichzeitig hat das Ziel, die eigene Persönlichkeit authentisch darstellen zu wollen, in systemischer Sicht eine weitere, eine gesellschaftliche Bedeutung: Wo es nötig ist, dass unzählige junge Menschen ihre Haut so exzessiv buchstäblich „zu Markte tragen“, senden sie massenhaft etwas aus über die wachsende psychologische Verfassung der Gesellschaft als System: Diese bietet nicht mehr die nötige Klarheit und Sicherheit für jene existenzielle Resonanz (siehe z.B. Hartmut Rosa, 2016), die der Mensch nun einmal braucht, um sozial zu überleben. Sie bietet nicht mehr genügend jene Identifikationsangebote, nach denen sich der Mensch bewusst oder unbewusst sehnt.

So ist das im individualistischen Westen gerade auch mit dem Verständnis von „Person“ und der eigenen „Persönlichkeit“. Dabei sollte nicht vergessen werden: Die Begriffe „Person“ und „Persönlichkeit“ gehen ursprünglich auf das lateinische Wort „persona“ zurück, das im antiken Theater die Masken bezeichnete, die Schauspieler trugen, wenn sie bestimmte Rollen oder Charaktere in einem Theaterstück darzustellen hatten. Aber alle Beteiligten wussten: Die Maske war nicht identisch mit dem Schauspieler selbst.













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