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21 Stressdetektive, Mental Toughness und Coaching

Mental Toughness ist gefragt. Stress ist nach allgemeiner Einschätzung gerade etwas für Manager, Sportler und Mütter mit Kindern. Jetzt hat die allgemeine Aufmerksamkeit endlich auch die Kinder und deren Eltern erreicht. Sie sollen Stressdetektive werden.

So zumindest die Botschaft des kanadischen Psychologen Stuart Shanker in seinem Buch, über das die FAZ, Nr. 35 vom 4. September 2016 berichtet. Na ja, ein knackiger Begriff ist es schon mal wert, wenn man ein neues Buch vermarkten will, auch wenn die inhaltlichen Aspekte nicht umwerfend neu, sondern schon lange zu beobachten, aber auch berechtigt sind. Da löst vermutlich das Bild und der Bericht über den neuen portugiesischen Europameister im Fußball schon mehr aus: Éder war der Torschütze des 1:0 im Finale gegen Frankreich. Natürlich hat er danach ein Selfie geschossen, mit seiner Mentaltrainerin und dem Europapokal in deren Hand. Wunderbar! Die Psychologie siegte mit! Und der spezifische Erfolgsanker wird gleich mitgeliefert: NLP – Neurolinguistisches Programmieren – ein Bündel von kombinierten Ansätzen aus den Neurowissenschaften, des systemischen Ansatzes, der Gestalttherapie und der Verhaltenstherapie.

Die mitgelieferten sechs Tipps der FAZ sind nicht sensationell: Genügend schlafen und essen, abends vorlesen statt CD-Hören (die Stimme der Eltern beruhigt und baut Vertrauen auf), grundsätzliche Entschleunigung des Familienlebens (wie es die „Slow-Parenting“-Bewegung des Schotten Carl Honoré empfiehlt), vermehrt Spiele wie Memory, Puzzle oder Mühle (die „runterkommen“ lassen) zu spielen, Zeitpuffer vor wichtigen Terminen einzurichten (was in fast jedem Aufgabenbuch für gestresste Erwachsene steht). Und den Wald wiederzuentdecken empfiehlt der Schweizer Kinderarzt Remo Largo: Waldspaziergänge machen, Blätter und Stöcke sammeln.

Shanker hingegen hebt die Leistungsanforderung für Eltern schon etwas höher, wenngleich er sie mit der Lust am Abenteuer auf eine anregende Ebene zu ziehen versucht. Die Eltern sollen die Ursachen der Reizbarkeit ihrer Kinder entdecken – als Stressdetektive. Erstens beruhigt die Erkenntnis die Eltern und zweitens verstärkt das Ansprechen den Kindern gegenüber das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern.

Was ich als Psychologe dazu sage

Bei Profisportlern wird die Sache schon komplexer: Da reichen die allgemeinen Hinweise nicht, wie sie Jedermann anwenden kann. Erst die spezifischen Trainingsmethoden der Kognitiven Verhaltenstherapie und anderer (quasi-) therapeutischer Ansätze, um sie für die situationsbezogenen und fokussierten Anforderungen von Profis- oder gar von Extremsportlern in verschiedenen Disziplinen erfolgreich anzuwenden. Manager sind bei dieser Betrachtung ja gar nicht so weit entfernt: Hohe Leistungsanforderungen, Top-Zeitdruck, permanente und weltweite Erreichbarkeit, Dauertelefonate und permanenter Wettbewerb usw.

Sportler und Manager haben eines gemeinsam, weswegen sie viel voneinander lernen können, wenn es um Stressbewältigung geht. Mütter natürlich auch. Und Lehrer selbstverständlich. Auch Händler in den Handelsräumen der Börsen. Oder anders gesagt: Fast alle Menschen, die nicht schon genetisch beruhigt sind oder in einem malerischen Olivenhain einer südländischen Akademie ihren meditativen und schriftstellerischen Neigungen nachgehen, auch wenn ihr jeweiliges Spiel ein anderes ist. In jedem Falle weiß man heute, dass das Spiel nicht nur durch Stärke, Intelligenz, Schnelligkeit, Fitness usw. entschieden wird, sondern dass ein wichtiger Erfolgsfaktor im mentalen Bereich liegt: „Mental Toughness“ heißt das Zauberwort.

„Mental Toughness“ heißt das Zauberwort

Vor vielen Jahren konnte der Weltrekord-Zehnkämpfer Jürgen Hingsen ein Lied davon singen: In leichteren Wettkämpfen wurde er mehrmals Weltrekordler, aber in etwa einem Dutzend direkter Wettkämpfe mit seinem Dauerrivalen Daley Johnson konnte er keinen gewinnen, sondern blieb wieder und wieder unter seinen Möglichkeiten. Muhammad Ali wusste um seine mentale Stärke und setzte sie offensiv als Kampfmittel ein. Und der 400 Meter Hürdenläufer Edwin Moses beherrschte ein ganzes Jahrzehnt seine Disziplin und verlor während seiner Hochzeit kaum ein Rennen. Er war nicht nur physisch fit, sondern auch psychophysiologisch vermessen und trainiert. Der Radsportler Christopher Froome schließlich sorgte vor ein paar Wochen bei der Tour de France für eine große Überraschung, als er nach einem Materialschaden kurzerhand vom Rad stieg und zur Überraschung der Zuschauer einfach weiterlief.

Auch bei erfolgreichen Unternehmern und Managern liegen die Dinge so oder so ähnlich: Marc Zuckerberg ist der Sohn einer Psychotherapeutin, von der er unvermeidbarer Weise einiges gelernt haben dürfte. Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen scheint er aufgebaut zu haben…

Mental Toughness ist nach einer von Gerber (2011) zitierten Untersuchung von Gould, Hodge, Peterson und Petlichkoff schon aus dem Jahr 1987 (PDF) nach Ansicht von 82% der befragten Trainer die wichtigste psychologische Variable für den Erfolg eines Sportlers. Fourie und Potgieter (2001, zit. ebenfalls nach Gerber 2011) leiteten aus einer Befragung von 131 Trainern und 160 Spitzensportlern 12 Merkmale mental tougher Athleten ab. Zu ihnen gehörten u.a. Konzentrationsfähigkeit, Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen. Wie eine dritte von Gerber zitierte Studie ergab (Jones et al. 2002), gehören zur Mental Toughness, hohe Anforderungen zielorientiert und fokussiert mit einem starken Selbstvertrauen und einer hohen internalen Kontrollüberzeugung zu verfolgen. Später bauten Jones et al. ihre Erkenntnisse durch eine Serie von Interviews mit 8 Olympiaseigern und Weltmeistern, 3 Coaches und 4 Sportpsychologen aus. Sie extrahierten 30 Merkmale, die sie in 4 Dimensionen gliederten:

  1. Mindset (mit den Subkomponenten Überzeugung und Fokus),
  2. Training (mit den Subkomponenten Langzeitziele als Motivationsquelle, Kontrolle der Umwelt und Sich-selbst-zum-Limit-pushen),
  3. Wettkampf (mit den Subkomponenten Umgehen mit Druck, Überzeugung, Leistungsregulierung, Fokussiert-Bleiben, Bewusstsein und Kontrolle von Gedanken und Gefühlen, Kontrolle der Umwelt),
  4. Nach dem Wettkampf (Umhang mit Handlungserfolgen und Handlungsfeldern).

Diese Studienergebnisse ließen sich später auch in anderen Untersuchungen mit hoher Übereinstimmung wiederholen.

In unserer aktuellen Buchveröffentlichung (siehe Böning/Kegel: Ergebnisse der Coaching-Forschung, 2015) zitieren wir u.a. auch das interessante Schema von Middleton et al. (2005). Hier wird das hierarchische Konstrukt der „Mental Toughness“ in die beiden Dimensionen „Toughness-Orientation“ und „Toughness-Strategien“ aufgegliedert und mit 15 Subkomponenten unterlegt. Zu diesen gehören beispielsweise „Glaube an sich selbst“, „Selbstwirksamkeit“, „Motivation“, „Mentales Selbstkonzept“, „Emotionsmanagement“, „Stressminimierung“, „Positivität“ sowie „Beharrlichkeit“.

Wie Bull et al. (2005) laut Gerber (2011) hervorheben, ist ein langjähriges Mentaltraining erforderlich, das bis zur Höchstausprägung auf Top-Level mindestens 3 Jahre mit Wettkampferfahrung dauert.

Für Hochleistungssportler und Manager dürfte das künftig ein ganz normales Training werden – auch wenn die Manager noch gar nicht damit rechnen. Die Herausforderungen des Konkurrenzkampfes werden den höchsten Einsatz fordern. Nicht von jedem, aber von vielen. Aber: Sollte das auch ein Trainingsansatz für unsere Kinder werden in Ergänzung zu einer massiven „Stress-Detektiv-Ausbildung“ der Eltern?

Quo vadis?













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