BLOGBEITRAG



35 SPOT ON!

Bühne frei, für die Protagonisten der jüngsten Veranstaltung des aktuellen Ensembles der Montagsgesellschaft Frankfurt. In den Hauptrollen u.a. Michel Friedman, mit einem feurigen Plädoyer gegen das Vergessen. Ergebnisse dieser illustren Runde? Definitiv, absolut... Jein. Und das kam so...

3. April 2017: „Türkei-Abend“ der Frankfurter Montagsgesellschaft, dem Forum eines engagierten Bürgerdialogs.
Spot on!

Die Bühne

Der Versammlungsort: Ein moderner Neubau mitten in Frankfurt. Ganz in der Nähe der Goethestraße und der Fressgass‘. Also im Zukunftszentrum der Arrivierten und der Startups. Oder Treffpunkt engagierter Bürger, die das Reden lieben. Manche nennen das Diskutieren.

Das Thema

Auf dem Programm steht eine Diskussion über die Entwicklungen in der Türkei.  Kurz vor der Wahl über die Verfassungsänderung, die Erdogan lebenslang zum Diktator machen kann.

Die Besetzung

Gute Besetzung des Podiums: Ein oberer Manager der Deutschen Bank, der türkische Wurzeln hat, als Moderator. Ein Politikprofessor, der sich mit der Türkei vertieft beschäftigt hat. Ein Handelsblatt-Journalist, der demnächst aus der Türkei berichten wird. Und zugeschaltet der Spiegel-Journalist aus der Türkei, der gute Analysen über das Land und seinen Präsidenten geschrieben hat. Reflektierer und Kommunikatoren also. Darunter auch der wie immer elegant gekleidete Michel Friedman.

Der Auftakt

Der Politik-Professor führt klar und kenntnisreich in das Thema ein, was eigentlich zur Entscheidung ansteht. Alle beteiligen sich engagiert in der Diskussion. Noch führt der Moderator die Diskussion. Herausgearbeitet wird, wie sich in der Türkei eine Diktatur entwickelt. Wie Menschen mit nicht staatskonformer politischer Position verfolgt und ausgeschaltet werden. An den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel der „Welt“ wird erinnert, der immer noch im Gefängnis sitzt. Über die entlassenen Staatsbediensteten wird gesprochen: über die Lehrer, Juristen, Professoren, Soldaten und die Anderen der 140 000, denen von Erdogans Seite Putschbeteiligung vorgeworfen wird. Die Nazi-Vergleiche Erdogans gegenüber Deutschland sind Gegenstand der Diskussion. Und wie wir – die Politik, die Medien und wir als Menschen – darauf reagiert haben.

Die Diskussion ist engagiert und streckenweise bekennerisch. Michel Friedman, der von dem Vorsitzenden der Montagsgesellschaft betont freundlich als Professor Friedman angesprochen wird, macht am Anfang einen sehr zurückhaltenden Eindruck und beteiligt sich artig nur dann an der Diskussion, wenn er angesprochen wird. Distinguiert verhält er sich klar, aber maßvoll in seinen Äußerungen, gibt nicht nur seine persönlichen Kommentare, sondern platziert auch fast schon gemessen seine Anregung, dass wir nicht nur über die Türkei und Erdogan reden sollten, sondern auch über Deutschland, über uns selbst. Dass wir uns fragen sollten, was wir denn getan und in der Entwicklung dazugetan haben in dieser „Angelegenheit Deutschland-Türkei“. Fast staatsmännisch mahnend erhebt er dazu seine Stimme. Zunehmend konzentriert sich die Diskussion auf ihn, der immer wieder zwischendurch leicht seinen Kopf schüttelt und sich nach leicht spitzen Bemerkungen in der Runde spöttisch lächelnd, fast demonstrativ zurückhält – aber es allmählich doch nicht mehr lange aushält. Er korrigiert, wo er es für nötig hält. Der Politikprofessor beobachtet ihn (anscheinend bewundernd). Er selbst wird immer zurückhaltender. Der Moderator kommt immer weniger zum Zug, da sich die Diskussion immer mehr auf Friedman konzentriert, der sich zunehmend ereifert.

Spot on

Eine der Zuhörerinnen ist entzückt von ihm und ruft ihm das Kompliment laut zu, dass Sie beeindruckt sei von seinem guten und sonnengebräunten Aussehen, das sich seit Jahrzehnten kaum verändert habe... Friedman genießt und ergreift immer mehr das Wort. Er mahnt die Zuhörer, die einsitzenden Justizopfer in der Türkei nicht zu vergessen. Er wiederholt die Mahnung ernsthaft...

Auf die Frage der leicht ergriffenen Zuhörer an die Diskutanten, was denn nun zu tun sei, fällt dem Handelsblatt-Journalisten nur ein, man müsse darüber nachdenken... und wird unterbrochen. Was denn nun getan werden müsse...
Die Frage bleibt seltsam unbeantwortet, trotz der gehobenen Diskussions-atmosphäre. Die wiederholten Fragen bleiben ohne Antwort. Ratlosigkeit steht im Raum, aber keiner benennt sie. Sie ist nur zum Greifen nah.

Friedman erregt sich wortreich immer mehr. Man müsse für die Freiheit und die Demokratie streiten. Und er streite sich gerne. Er streite sich auch für die Freiheit von anderen, sich mit ihm streiten zu können. Und er streite sich gerne. Die empathisch vorgetragene Confessio von Friedman gipfelt sich auf. Zu diesem erregten und erregenden Bekenntnis haben die Anderen nicht mehr viel zu sagen. Es ist die Schlussphase der Diskussion.  Die Zuhörer klatschen nicht nur. Beifall brandet auf. Großes hat Friedman gesagt!

Ein Landtagsabgeordneter mit türkischen Wurzeln soll das Wort ergreifen. Er tut es und erzählt, welche Arbeit man im hessischen Parlament inzwischen geleistet habe.
Auf die Frage, was jetzt zu tun sei, hat er auch keine weitere Antwort.

Der Schluss

Die Diskussion kommt allmählich zum Ende. Die Frage, was wir tun können, ist immer noch unbeantwortet.

Die Diskutanten werden vom Vorsitzenden der Montagsgesellschaft mit freundlichen Worten verabschiedet. Friedman verabschiedet sich seinerseits mit einem freundlichen und gönnerhaften Lächeln und genießt still die Anerkennung des Vorsitzenden, die Diskussion sei sehr spannend und lebendig gewesen und er, der Herr Professor Friedman sei ein immer wieder gern gesehener Gast in den Veranstaltungen der Montagsgesellschaft...

Conclusio

Wie? Die Politik-Diskussion über ein politisches Drama und gravierendes Dilemma endet in einer Personality-Show? Zwar Unterhaltung im doppelten Sinne... Aber: Was tun wir jetzt?
Die Ratlosigkeit hängt immer noch schwer greifbar im Raum: Was sollen wir jetzt tun? Reicht einfach die melancholische Ermahnung: „Vergesst sie nicht!“?

Etwas Bleiernes bleibt übrig. Und die ungestellte Frage:
War es nun ein Türkei-Abend oder ein Friedman-Abend?

Und was tun wir jetzt?













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