BLOGBEITRAG



20 Social Entrepreneurship:
PR, Gutmenschentum oder soziale Veränderung?

Unternehmertum? Heute gefragter denn je. Und gerne auch sozial. Social Entrepreneurship, Social Intrapreneurship,... was steckt im Kern dahinter? Was gibt es mittlerweile noch für "Unter-ships" auf dem Markt? Was machen die Konzerne? Und was bringen die Startups auf die Beine?

Social Entrepreneurship nennt man es, wenn ein Startup 2 Ziele parallel verfolgt: Erstens, mit seinem Produkt oder seiner Dienstleistung ein konkretes gesellschaftliches Problem zu lösen. Zweitens, wenn es dies gleichzeitig auf einem unternehmerisch erfolgreichen Weg erreichen will. Die berühmte Grameen Bank des Friedensnobelpreis-Trägers Yunus ist ein Beispiel oder auch das Projekt „Mobile Banking for Africa“. „Lemonaid“ tut etwas Anderes und spendet 5 Cent pro verkaufte Flasche für soziale Projekte. Diese werden vom angegliederten „Lemonaid & ChariTea e.V.“ koordiniert. Auch Unternehmen wie „Dialog im Dunkeln“ und „Was hab ich?“ stehen für diesen Ansatz.

Social Intrapreneurship heißt es dann, wenn ein (Groß)Unternehmen oder eine Organisation in ähnlicher Weise eine gesellschaftsrelevante Problemlösung/Veränderung anstrebt und dafür unternehmerische Projekte, Prozesse oder Strukturen einrichtet oder sich an Ihnen beteiligt, damit diese Zielsetzung erfolgreich umgesetzt werden kann. BMW macht so etwas mit seiner BMW-Stiftung, arbeitet dabei mit Ashoka und CSR Europe zusammen und ist Gründungsmitglied der League of Intrapreneurs. Boehringer Ingelheim tut so etwas mit seinem Projekt „Making More Health“, in dem es weltweit sowohl mit Ashoka als auch mit dem Social Entrepreneur Frank Hoffmann zusammenarbeitet, der „discovering hands®“ gegründet hat. Dort geht es um die Ausbildung von blinden Frauen, die zu Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTUs) ausgebildet und in der Brustkrebsfrüherkennung eingesetzt werden.

Soziales Unternehmertum wird es hingegen eher genannt, wenn z.B. IKEA äußerst preiswerte Flüchtlingsunterkünfte auf der Basis der erfolgreichen BILLY-Konstruktion der 60er/70er-Jahre baut. Als Zielgruppe sind jene 35 Millionen Flüchtlinge weltweit im Focus, denen die UNHCR, die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, ein Dach über dem Kopf geben will. Nicht zu vergessen dabei ist die Tatsache, dass die Nutzungsdauer von Notunterkünften üblicherweise sechsmal länger ist als ursprünglich geplant.

Was ist der Kern?

In den beiden ersten Fällen geht es auf der einen Seite also immer um eine selbstinitiative unternehmerische Selbständigkeit der Beteiligten und um Gewinnerzielung - die aber nicht im Vordergrund stehen. Im Vordergrund steht vielmehr die Lösung eines konkreten gesellschaftlichen Problems bzw. ein gesellschaftlicher Wandel. Anders gesagt: Es geht grundsätzlich um einen Balance-Akt zwischen einer deklarierten sozialen Problemlösung einerseits, aber auf der Basis eines erfolgreichen Wirtschaftens andererseits, das nur mit einer innovativen Lösung zu schaffen ist.

Im Falle von sozial aktiven (Groß-)Unternehmen wie z.B. IKEA oder Google oder anderen Firmen mit Sponsoraktivitäten spricht man eher von einem Unternehmen mit sozialen Aktivitäten oder einem sozialen Unternehmer wie z.B. die Legenden Raiffeisen oder Bosch. Sie werden gutgeheißen (weswegen man sie ja auch macht), können aber nicht immer den Eindruck einer (bloßen) Marketing-Maßnahme vermeiden. Dies vor allem dann, wenn diese Unternehmen gleichzeitig am öffentlichen Pranger stehen, weil sie mit Ihren Steuerzahlungen auch sehr „kreativ“ umzugehen pflegen und auf diese Art und Weise die Gemeinschaft schädigen.

Discovering hands®, das von dem Ashoka-Fellow Dr. Frank Hoffmann ins Leben gerufen wurde, bildet blinde Frauen aus, die als Medizinische Tastuntersucherinnen (MTUs) im Rahmen der Brustkrebs-Früherkennung eingesetzt werden (sollen). Hoffmann ist langjähriger Arzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Seit 2010 ist er auch Ashoka-Fellow, der weltweit größten und ältesten Organisation zur Unterstützung von Social Entrepreneurs, die hier tatkräftige Impulse gibt.

Ashoka (der Name kommt aus dem Sanskrit und bedeutet: „das aktive Überwinden von Missständen“) wurde 1980 von dem Social Entrepreneur Bill Drayton gegründet. Ashoka ist keine Stiftung und wird nur durch Spenden finanziert, schafft es aber, in Kooperation mit starken Partnern wie z.B. Boehringer Ingelheim, in über 80 Ländern mehr als 3000 „Ashoka Fellows“ zu fördern. In Deutschland wurde Ashoka 2003 als gGmbH gegründet und fördert hierzulande über 50 Fellows. Zum Selbstverständnis gehört das Ziel, als eine Art unternehmerisches Labor für viele soziale Changes zu sorgen.

Boehringer Ingelheim will in Kooperation mit Ashoka und dem Startup „discovering hands®“ einen sich selbst tragenden Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitssituation weltweit erreichen. Im Rahmen der „Making More Health“ werden nach Auskunft von Frau Bonacker, einer selbständigen Unternehmerin und langjährigen Ashoka-Aktivistin z.Zt. ca. 50 Ashoka Fellows weltweit gefördert, die von Mitarbeitern des Unternehmens Boehringer Ingelheim konkret z.B. als Mentoren im Bereich Business Development unterstützt werden. Gleichzeitig werden die Ashoka Fellows aktiv in die Personal- und Führungskräfte-Entwicklung des Unternehmens eingebunden, die dort innovative Impulse am lebendem Objekt erfahren und vor Ort kreativitätsfördernde Perspektivwechsel lernen, wie Christian Boehringer auf der gestrigen Abendveranstaltung der Montagsgesellschaft zu dem Thema „Social Entrepreneurship“ erzählte.

Was ich als Psychologe dazu sage

Social Entrepreneurship unterscheidet sich mehr als auf den ersten Blick erkennbar klar von Non-Profit-Organisationen oder auch von NGOs: Diese sind in der Regel auf Spenden und die finanzielle wie organisatorische Unterstützung von vielen Einzelnen oder die Förderung durch große Organisationen, Verbände und Stiftungen oder staatliche bzw. kommunale Institutionen angewiesen. Hier ist festzustellen, dass dort an vielen Stellen hauptsächlich eine werteorientierte Grundeinstellung und Vorgehensweise im Vordergrund stehen, keine unternehmerische Haltung und keine wirtschaftliche Zielsetzung.

Bei (Groß-)Unternehmen ist demgegenüber nicht zu verkennen, dass sie trotz des möglichen Vorbehalts einer reinen Marketingzielsetzung ihres Tuns oft über gute finanzielle Ressourcen, bessere Managementfähigkeiten, eine größere Reichweite und gute Netzwerke verfügen - und damit über einen größeren Hebel für gesellschaftliche Veränderungen verfügen. Ihnen fehlt aber auch oft jene Fähigkeit zum Perspektivwechsel, die zusammen mit der Leidenschaft von Sozialen Startups eher zu neuen Wegen und richtigen Innovationen führt.

Auch ist es klar, dass die Szene der Social Entrepreneurs, der Social Intrapreneurs und der sozialen Unternehmen eine vielfarbige Szene ist, in der das eine Unternehmen mal eher auf der linken Seite des sozialen Wandels und ein anderes manchmal stärker auf der rechten Seite der Ökonomie anzusiedeln ist. Abzusprechen ist Ihnen allen nicht das soziale Verantwortungsgefühl, aber: Um erfolgreich zu sein, gehen sie unterschiedliche Wege.  Social Entrepreneurs verknüpfen explizit ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Verbesserung mit einer unternehmerischen Zielsetzung. Wenn dann noch risikobereites Streben nach Innovationen, nach freier unternehmerischer Gestaltung und einer sinnhaften Betätigung der jüngeren Startup-Generation hinzukommt, kann eine Dynamik der Leidenschaft und der Nachhaltigkeit entstehen, die zu echten sozialen Veränderungen führt.

Was ist dabei, dass die unterschiedlichen Ausprägungen der sozial ausgerichteten Aktivitäten manchmal aus rein philanthropischen Motiven herrühren oder auch zuweilen eher schlichte PR-Ziele verfolgen? Wem nutzt das Misstrauen, das oftmals den CSR-Maßnahmen gerade größerer Unternehmen entgegengebracht wird?

Konzentrieren wir uns doch eher auf die Unterstützung jener realen Projekte und Social Entrepreneurs, die den Gegensatz von sozialer Verantwortung und Unternehmertum aktiv, besonnen und nicht tagträumerisch überwinden wollen.

Es geht nicht um ein naives Gutmenschentum, das seine Träume im Laufe der Umsetzung enttäuscht verliert, sondern um ein sinnhaftes gesellschaftliches Tun, das die realen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kreativ nutzt.

Warum soll man nicht einem erheblichen Teil der Jugend, der sich nicht in einer einseitigen Wettbewerbsorientierung oder einem schlaffen Konsumgenuss verlieren will, unternehmerische Chancen zu bieten, in denen Authentizität, Glaubwürdigkeit und Sinnhaftigkeit eine leidenschaftliche Verbindung eingehen? Keine Appelle können so viel bewirken wie echte gestalterische Chancen für ein wachsendes globales Verantwortungsbewusstsein, das in einer partizipativen Umgebung seinen Ausdruck findet.

Für unsere Zukunft soll nicht mehr der Satz gelten „Gier ist geil!“. An seine Stelle soll die Einstellung treten: „Verantwortung ist geil!“

Nicht mehr das Individuum alleine ist zu den Lösungen der Zukunft fähig, sondern nur das Individuum in einer Gemeinschaft.

Bill Gates und Warren Buffet sollen nicht in der Versenkung verschwinden. Aber sie können nicht die Vorbilder für uns alle sein. Die meisten Menschen verfügen nicht über ihre Reichweite. Aber wir können ihre Leidenschaft aufbringen und sie zusammen mit anderen sinnvoll teilen.













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