BLOGBEITRAG



31 Sicherheit und Unsicherheit:
Stimmt die objektive Sicht oder das subjektive Gefühl?

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Die objektive Sicherheitslage und die gefühlte Unsicherheit der Menschen waren zentrale Themen in der öffentlichen Diskussion des Jahres 2016. Gehen die bisherigen politischen Gewissheiten in Europa endgültig zu Bruch?

Die Ausgangslage

Die objektive Sicherheitslage und die gefühlte Unsicherheit der Menschen waren zentrale Themen in der öffentlichen Diskussion des Jahres 2016. Die vorausgehenden Nachrichten in den Medien überschlugen sich nach den Morden bei „Charlie Hebdo“ im vorletzten Januar. Die traumatische Silvesternacht in Köln wurde zum Symbol der Flüchtlingskrise, die sich in das Jahre 2016 hinein verlängerte. Angriffe und Brandanschläge auf bewohnte und geplante Flüchtlingsheime in Deutschland kamen während des ganzen Jahres hinzu… Dann die Anschläge in Brüssel. Dann die Zug-Attacke in der Nähe Würzburgs und der Anschlag in Ansbach. Dann im Sommer die Morde in München…

Deutschland schien jetzt endgültig ins Fadenkreuz des internationalen Terrorismus geraten zu sein. Die Diskussionen wurden hitziger. Die Schärfe der persönlichen Statements und die politischen Auseinandersetzungen wurden bedrohlicher. Die Medien berichteten unablässig und die Stimmung verschlechterte sich zusehends. Auch die deutsche Politik und Kanzlerin Merkel gerieten in Spannung und Zweifel. Die Anschläge in Istanbul, ihre verheerende Fortsetzung, die katastrophale politische Entwicklung in der Türkei – und die kaum unterschwellige Drohung der Politik Recep Erdoğans mit der bangen Fragestellung: Halten die Grenzen Europas und die Flüchtlingsgrenze in der Türkei vor den Toren Westeuropas? Zerfällt die Türkei oder gar die ganze EU – nach dem Brexit Großbritanniens und den sich ausbreitenden Widerständen z.B. in Wallonien? Gehen die bisherigen politischen Gewissheiten in Europa endgültig zu Bruch? Und dann noch die amerikanischen Präsidentschaftswahlen, die die international populistischen Strömungen toppte und eine weltweite Unsicherheit über die politische Weltlage auslöste (vgl. Blog No. 26 & 27). Gerade auch im Angesicht der ungelösten Ukraine-Krise und des Krieges in Syrien als Katalysator erdbebenartiger politischer Verschiebungen. Dazu weiterhin die Tausende toter Flüchtlinge im Mittelmeer und die elenden Verhältnisse in den überfüllten Flüchtlingslagern Griechenlands als ständige Mahnung unbewältigter politischer Probleme mit ungewissen Folgen…

Die gefühlte Unsicherheit und die faktischen Verhältnisse

Ein paar Statistiken zur Beleuchtung der Situation:

Die erste Abbildung (Abb. 1) zeigt, dass die Angst nach 9/11 deutlich zunahm, um dann in den Folgejahren schwankend wieder leicht nach unten zu tendieren. In den Jahren 2015 und 2016 steigt die Angstkurve wieder drastisch an und zeigt 2016 einen neuen Höhepunkt. Die zweite Abbildung (Abb. 2) veranschaulicht, dass die Anzahl der Terroranschläge zwischen 1991-1996 mit starken Ausschlägen Höchststände erreichte, dann rel. lange auf ein niedriges Niveau abfiel und erst 2014/2015 wieder relativ leicht anstieg. Betrachtet wird hierbei lediglich die Anzahl der Anschläge, nicht die (subjektive) emotionale Wirkung.

Schaut man sich jetzt sozusagen in einer Vergrößerung gerade die letzte Phase des Anstiegs genauer an, dann wird – wie in Abb. 3 gezeigt wird – der Anstieg der Verunsicherung wieder sehr deutlich: Die Schere zwischen Anstieg der Befürchtung und der gegenteiligen rel. Zuversicht, keinen Anstieg der terroristischen Anschläge zu erleben, wird sehr klar! Die Unsicherheit steigt. Und dies, obwohl – siehe Abb. 4 – die relative Anzahl der Anschläge in Westeuropa vergleichsweise niedrig ist im Verhältnis zu dem, was in einigen anderen Weltregionen faktisch passiert.

Was hier deutlich wird, ist die relative Unsicherheit, die vermutlich von vielen anderen Faktoren mitbeeinflusst wird. Hier wird ja nur der Teilaspekt der terroristischen Anschläge „herausisoliert“ betrachtet.

My psychological statement

Erkennbar wird jetzt die stark emotionale Bedeutung der subjektiv empfundenen Angst, die in einer psychologischen Perspektive  bewusste wie unbewusste Komponenten enthalten kann. Eine rein rational-analytische Betrachtung der Einzelkomponenten wird damit dem komplexen psychologischen Gesamtgeschehen „Angst/Verunsicherung“ etc. überhaupt nicht gerecht, das ein komplexes ganzheitliches Geschehen darstellt. Damit kommen wir auf die eingangs dargestellte Anhäufung und das Zusammenwirken inhaltlich verschiedener Inhalte und Komponenten zurück, die im komplexen Regelkreis des Stressgeschehens gedacht, sich wechselseitig verstärken und sogar potenzieren können!  Anders gesagt: Es wird damit mehreres offensichtlich. Erstens, dass die in der Politik verwendeten und von manchen Befragungsinstituten teilweise sogar provozierten Ursache-Wirkungszuschreibungen z.T. sehr fragwürdig sind. Zweitens, dass die akzentuierte und vereinfachte Darstellung der Zusammenhänge eher einer politisch motivierten Kausalzuschreibung dient, als einer wissenschaftlich sauberen Analyse und Bewertung. Drittens, dass man nicht sauber trennen kann, was als echte einzelne Ursachen gelten kann  und was eher als aufgestaute Gesamtlage zu betrachten ist, die durch dramatische Einzelereignisse verstärkt oder als Anker-Auslöser für insgesamt komplexe und verwobene emotionale Lagen bewusst erlebt und geäußert werden. Einer politisch willkürlichen Interpretation wird damit Tür und Tor geöffnet.

Fazit

Es ist ziemlich daneben, die subjektive Stimmungslage von Einzelpersonen oder einer ganzen Gesellschaft monokausal zu erklären. Noch schlimmer oder erfolgloser ist es,  mit einfachen rationalen Hinweisen auf das Nichtzutreffen einer angstgesteuerte Stimmungslage oder Einstellung einwirken und diese damit verändern zu wollen. Der Hinweis auf „reale Fakten“ ist selten ausreichend und zeigt, wie wenig die Sender von zwischenmenschlicher Kommunikation verstehen. Es gibt nur wenige therapeutische Techniken wie z.B. die RET (Rational-emotive Therapie) von Ellis und seinen Nachfolgern, die im therapeutischen Prozess klarmachen, welcher gedanklich und erlebnismäßig komplexe Prozess zu Verhaltens- und Einstellungsänderungen führen kann, die in der lässig hingeworfenen Arroganz-Vorhaltung „Die Fakten sind aber anders!“ üblicherweise enthalten sind.

Streiten wir uns also mit Vereinfachungen weiter, die die Meinung von  Andersdenkenden nur verhärten können. Sie sichern wenigstens die subjektive Gewissheit, es besser zu wissen als die anderen – auch wenn man nicht recht hat. Der Evolution ist mit reiner Logik und Sachverstand nicht beizukommen. Emotionen sind ein bisschen komplexer. Die Befürworter der angeblich weltverändernden künstlichen Intelligenz (KI) werden es noch merken. Schachcomputer zu bauen, die immer gewinnen, ist einfacher, als basale Gefühle des Spezies Mensch (also des homo sapiens) zu verstehen und lösungsfördernd zu beeinflussen – vor allem, wenn es um Angst geht.













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