BLOGBEITRAG



9 Respekt:
Der Auftritt des hessischen Wirtschaftsministers
im Wirtschaftsrat der CDU

Was macht einen "großen" Auftritt auf dem politischen Parkett aus? Bei Politikern oft nur zur großen Herabsetzung politischer Gegner. Der erhobene, oft der anklagende Finger prägen den Eindruck. Infragestellung und Attacke zählen als Stärke. Aber manchmal gibt es auch Erfahrungen, die sagen: "So geht's auch". Ich bin nicht der Wahlkampfmanager von Herrn Al-Wazir. Doch seine Rede im CDU-Wirtschaftsrat fand ich ... „nicht schlecht“.

Eine Annahme gilt offenbar: Wer groß reden kann, muss ein großer Führer sein. Große Emotion, großer Auftritt: Der „Politiker-Sprech“ ist ein weltweit verbreitetes Phänomen. Oft lang, sehr lang. Und laut und luftig. Der kalte Wind gilt dann den politischen Gegnern. Wenn es dann noch um weniger große Themen geht, wie die Verkehrspolitik in der Rhein-Main-Region mit Wirtschaftsminister Al-Wazir im CDU-Wirtschaftsrat: Hätten Sie dann große Erwartungen?

Große Rede, große Emotion, großer Auftritt – großer Politiker?

„Politiker-Sprech“ ist ein weltweit verbreitetes Phänomen. Spätestens seit der Rhetorik der alten Griechen und Römer kommt es jeden Tag zu unzählbaren Ansprachen und Vorträgen auf dieser Welt im politischen und nicht-politischen Kontext. Manchmal der großen, manchmal der kleinen Welt. Man könnte es für ein magisches Bewährungsritual zur großen Führerschaft halten. Wer groß reden kann, muss ein großer Führer sein. Wobei nicht immer die filigrane intellektuelle Schärfe gesucht wird, sondern eher die große Emotion.

Hierzulande reicht es bei Politikern oft nur zur großen Herabsetzung politischer Gegner. Schneidig „vor der Front“ zu stehen, gilt zumindest bei Männern gerne als Stärke, Durchsetzungsvermögen und hohe alltagsbezogene Führungsfähigkeit. Wie verhält sich also ein Politiker vor Unternehmern? Wie ein Minister, der auch Wahlen zu gewinnen hat, vor dem Auditorium mehr oder weniger selbstbewusster Unternehmer? Und dann ein „junger“ Grüner vor etwas älteren CDU-lern noch dazu?

Am 13.04.2016 also der hessische Wirtschaftsminister.

Auch wenn er von den Grünen ist, muss man ja fachliche Kompetenz nicht ausschließen. Vor einem Kreis von Unternehmern aufzutreten, die doch gerade Initiative, zupackendes Handeln und ein persönliches Profil sehr schätzen, ist nicht der schlechteste Testfall für einen Politiker. Vor allem, wenn es sich um ein zwar relevantes, aber nicht unbedingt um ein imposantes Thema handelt: Verkehrspolitik in der Rhein-Main-Region.

Für einen Psychologen ist es nicht immer der Gipfelpunkt einer intellektuellen Auseinandersetzung, über die aktuelle wie künftige Verkehrspolitik in der Rhein-Main-Region nachzudenken und einem entsprechenden Vortrag zuzuhören. Also war ich fachlich doppelt neugierig, was Al-Wazir daraus machen würde, den ich persönlich bisher noch nicht getroffen und kennengelernt hatte.

Respekt, Herr Al-Wazir

Erstaunlich, wie bodennah er war. Unspektakulär, aber konkret. Zeigte Sachkenntnis über die Themen vor Ort. Als Minister nicht abgehoben, sondern pragmatisch zielorientiert. In seinem Denken argumentationssicher, ohne andere Meinungen zu ignorieren. In seiner Situationsbeschreibung verkehrstechnischer und verkehrspolitischer Aspekte aber auch fähig zur Ansprache kritischer Punkte und ohne die in Politikerkreisen oft anzutreffende positivistische Luftbläser-Arbeit. Auch nicht das übliche Herabsetzen von politisch Andersdenkenden. Also sachlich, mit einem Schuss Humor. Aber gleichzeitig realpolitisch und problemlöseorientiert. Fähig zur Offenheit und klaren Worten, ohne die Veranstaltung mit einem verbalen Truppenübungsplatz zu verwechseln. Mit anderen Worten: Ein vertrauenswürdiger Gesprächspartner!

Ich bin nicht der Wahlkampfmanager von Herrn Al-Wazir, auch nicht sein Parteimitglied. Aber ich würde ernsthaft und partnerschaftlich mit ihm arbeiten.

Das Beispiel unterstreicht die Möglichkeit, auch mit unaufwändig „authentischer“ Kommunikation Politik zu machen. Nicht immer ist der „große“ emotionale Auftritt das Richtige oder Verlangte. Auch das unaggressive Vertreten eigener Positionen, wenn sie klar sind, kann überzeugen. Es gilt der Satz des Sängers Peter Horton:
„Wer etwas zu sagen hat, bediene sich nicht der Aggression! Deutlichkeit genügt!“
Wobei noch hinzugefügt werden kann: Aber Deutlichkeit muss sein!













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