BLOGBEITRAG



32 „Nicht ohne meinen Coach!“ …

Heute ist festzustellen, dass sich fast jeder bei Anwendung eines einfühlsamen Blickes und einer nachsichtigen Stimme zum Coach erklären kann. Was ist aus dem Titelschutz im Coaching geworden? Bleiben Kunden auf die Qualitäts-Glaskugel angewiesen?

„Nicht ohne meinen Coach!“

So lautet die Überschrift eines neuen Artikels von Nadine Oberhuber zum Thema „Coaching“ in der am Sonntag erschienenen „FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG“ (S. 19).

Zwar nicht in aller Tiefenschärfe, aber in einer guten allgemeinverständlichen Übersicht. Und die Grundaussagen wie Tendenzen stimmen im Wesentlichen, auch wenn neueste Entwicklungen in der aktuellen Coaching-internen Diskussion noch nicht aufgenommen werden konnten.

 … und schon gar nicht ohne Titelschutz!

  1. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts taucht der aus dem Ungarischen entlehnte und zur Beschreibung von Kutschen verwendete Begriff auf, von wo aus er nach England und Amerika auswandert. Von dort wird er auf die Arbeit von Studenten-Tutoren übertragen und springt seit etwa Ende des 19. Jahrhunderts auf den Sport über, wo er seinen Lauf nimmt. Auch wenn der Begriff Coach heute dort immer noch für den bei uns eher verwendeten Begriff „Trainer“ steht, werden beide Begriffe nahezu parallel verwendet – obwohl der Begriff „Coaching“ längst einen eigenständigen Entwicklungsweg genommen hat: Seit Ende der 70er Jahre aufgekommen bei amerikanischen Firmen zur Kennzeichnung eines entwicklungsorientierten Führungsstils von Führungskräften hat er sich seit Mitte der 80er Jahre in Deutschland als Bezeichnung externer Berater für Topmanager etabliert über. Von dort sprang er zunehmend auch auf die Entwicklungsarbeit von und mit Senior- und Mittelmanager in Großunternehmen über. Seit ca. 10-15 Jahren macht der Begriff weltweit Karriere und hat sich zu einem Selbstveredelungsbegriff für alle möglichen Beratungsleistungen sowie für Dienstleistungen fast jedweder Art entwickelt, wie Böning/Fritschle schon früh (2008) die Situation unter dem Stichwort „Containerbegriff“ kennzeichneten.
  2. Weitaus am besten durch die empirische Forschung unterlegt ist der Begriff Business-Coaching. Andere Anwendungsfelder wie z.B. Lebens- oder Berufsberatung, Sinnfindung und Weiterbildungen verschiedenster Art (u.a. IT-Training, Rhetorik-Training, usw.) haben zwar auch einige eigenständige Forschungsaktivitäten entwickelt, aber bei weitem nicht so ausführlich wie das Business-Coaching (siehe hierzu Böning/Kegel 2015) .
  3. Heute ist festzustellen, dass sich fast jeder bei Anwendung eines einfühlsamen Blickes und einer nachsichtigen Stimme zum Coach erklären kann. Das nutzen viele ehemalige (gute wie entlassene) Führungskräfte oder Trainer für spezifische Tätigkeiten, die sie gerne adeln wollen. Und viele Menschen wollen und tun das in der Zwischenzeit. Sehr viele! Zu viele! U.a. selbsternannte Experten für Schlagfertigkeit, IT-Einführung und -Unterstützung durch verbale Hinweise, Reisemanager die zu Reise-Coaches mutieren, aber auch spezielle Friseure, die zu Hair-Coaches werden… Die Aufzählung könnte fast Seiten lang weitergehen. Die Supervisoren des größten deutschen Verbandes für Supervision haben interessanterweise im letzten Herbst den Verbandsnamen geändert und „Coaching“ in den Verbandsnamen hinein genommen. Sie fühlen sich selbstverständlich auch für Coaching zuständig, auch wenn sie durch ihre Ausbildung nicht für alle Beratungstätigkeiten im beruflichen Bereich qualifiziert sind. Begründung: Ihre Tätigkeit, die Herkunft vieler Methoden und Konzepte überschneidet sich mit manchen Coaching-Tätigkeiten, z.B. bei der Selbstreflexion, bei Situations- und Beziehungs-Klärungen usw. Kontrovers ist das demgegenüber mit den Positionen der (aller?) Coaching-Verbände, die sowohl methodische wie ziel- und zielgruppenbezogene Unterschiede reklamieren. Das Thema der beruflichen Inhalte, der legitimierten Ausbildungen und Ausbildungskriterien sowie der Anerkennungsthematik nur für ausgewiesene, ausgebildete und seriöse (Business-Coaches) ist heftig umstritten. Und ca. 20-30 Coaching-Verbände in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum machen die politische Revier- und Zulassungsdiskussion nicht einfacher. Sie schaffen keinen gemeinsamen Nenner.

Dies fordert eine klare Konsequenz:

Eine nicht nur verbandsinterne – und politisch wie rechtlich nicht immer transparente – Klärung der anerkannten Ausbildungen sowie der seriösen „Berufsträger“, sondern eine akademisierte und staatlich anerkannte Ausbildung mit Zulassungsvoraussetzung und Titelschutz. Diese unter dem verkürzten Stichwort „Titelschutz“ sich neu formierende Diskussion könnte Bewegung in das schwierige Thema und die im RTC (Round Table der Coaching-Verbände) sich nur zäh entwickelnde Diskussion in Bewegung bringen.

Dies jedenfalls ist das erklärte Ziel eines von mir initiierten und mit 7 weiteren Berufskollegen abgestimmten offenen Briefes an den Vorstand des DBVC (Deutscher Bundesverband Coaching) und den RTC, der dort an beiden Stellen offen diskutiert wurde.

Bisher allerdings ohne erkennbares Ergebnis. Auf diese Weise sind die Kunden immer noch auf die Qualitäts-Glaskugel angewiesen und werden es auf lange Sicht auch bleiben.

Weitere Aktivitäten mit der oben genannten Zielsetzung sind aus meiner Sicht unerlässlich.





Kommentieren Sie diesen Beitrag

*

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht

 









TOP SCHLAGWÖRTER