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39 Mythen des Unternehmertums:
Nr. 1 „Echte Unternehmer sind Draufgänger und risikobereit“

Unternehmertum hat viele Facetten. Und Unternehmerpersönlichkeiten sind sehr verschieden. Und doch hält sich der Mythos hartnäckig: „Echte Unternehmer sind Draufgänger und risikobereit“. Ist da etwas dran?

Der Mythos: Unternehmer sind risikobereite Draufgänger. Richard Branson soll so einer sein. Oder Oliver Samwer. Und natürlich auch Peter Thiel, der heue offensiv auch Präsident Donald Trump berät und unterstützt. Aber stimmt dieser weit verbreitete Mythos tatsächlich? Zweifel sind berechtigt. Eine Reihe von Untersuchungen widersprechen dem Alltags-Mythos!

Wem das Silicon Valley einfällt, diese paradiesische Geburtsstätte moderner Entrepreneure, der fühlt sich leicht bestätigt. Das risikobereite Unternehmertum wird dort gepredigt. Sagt man. Und die Amerikaner haben eine andere Lebens- und Unternehmenskultur als wir Deutschen. Sagt man.  „Die trauen sich eher und finden Fehlschläge nicht so schlimm!“ Sagt man. „Die Amerikaner ziehen auch schneller um und wechseln viel öfter ihren Job als die Deutschen. Die sind an Wechsel viel mehr gewöhnt als wir Deutschen.“ So oder so ähnlich lauten gängige Annahmen oder auch schlichte Vorurteile über Amerikaner, Deutsche oder Menschen überhaupt.

Denkt man aber speziell an Unternehmer, die ja risikobereiter sein sollen als „normale“ Menschen, dann ist die Annahme schnell im Raum, gerade diese Gruppe von Menschen sei deutlich risikobereiter als der Durchschnitt der Menschen.  Echte „Entrepreneure“ scheuen nicht das Risiko zu scheitern. Oder sollten es zumindest nicht scheuen. Und an die Deutschen geht die selbstgestellte Aufforderung von wohlmeinenden bis besserwissenden Beratern, den Mut zum Risiko aufzubauen und sich vom möglichen Scheitern nicht abschrecken zu lassen.

Oder doch eher risikoscheu?

Aber Adam Grant, von Sheryl Sandberg (COO Facebook Inc.) zum neuen psychologischen Guru ausgerufen, weiß es anders. Nach seiner Erfahrung und der von ihm eingesehenen Forschung sieht die Wirklichkeit bei erfolgreichen Unternehmern und heutigen Startups meist umgekehrt aus. In seinem Buch Nonkonformisten, das im Herbst 2016 auf der Top-Ten-Liste der Jury bei der Auszeichnung der besten Wirtschaftssachbücher auf der Buchmesse 2016 landete, illustriert seine Einschätzung anhand einiger prominenter Beispiele:

Abraham Lincoln, der vielen als der bedeutendste Präsident der USA gilt, war im täglichen Regieren jemand, der stark danach trachtete, andere Menschen zufriedenzustellen und Konflikte möglichst zu vermeiden – auch wenn er den amerikanischen Bürgerkrieg führte. Und nach der von Grant zitierten Linda Rottenberg, die Jahrzehnte lang weltweit große Unternehmer coachte, lassen sich ihre Erfahrungen so zusammenfassen: „Sie machen sich ihr Risiko so risikolos wie möglich“ (Grant, S. 26).  Und auch in einer repräsentativen empirischen Studie in den USA von Hongwei Xu und Martin Ruef von 2004 mit Unternehmern und Angestellten zeigten sich Unternehmer signifikant risikoscheuer als die allgemeine Bevölkerung (Grant, S.29, 329)!

Unter Wirtschaftswissenschaftlern ist durchaus die Meinung verbreitet, dass im realen Wirtschaftsleben viele erfolgreiche Unternehmer als Jugendliche auffallend mehr allgemeine Regeln überschritten und unerlaubte Sachen getan haben, aber später als Unternehmer nur begrenzte Risiken eingegangen sind. Und ergänzend sei hinzugefügt, dass auch psychologische Studien an amerikanischen und schwedischen Zwillingen Ergebnisse zeigten, die in die gleiche Richtung wiesen.

Fazit

Unternehmertum hat viele Facetten. Und Unternehmerpersönlichkeiten sind sehr verschieden. Auch die Marktsituationen und weitere Rahmenbedingungen wie Finanzierungen, Qualität der Mitarbeiter und der Berater, aber auch eine Portion Glück und günstige Umstände gehören zu der Gesamtheit der wesentlichen Erfolgsfaktoren für Unternehmer. Aber die reine Überdosis an Testosteron alleine ist es jedenfalls nicht, die zum Erfolg führt. Und die reine Las Vegas-Lust ist es offenbar auch nicht, die die Mehrzahl der erfolgreichen Unternehmer oder der Startups kennzeichnet. Das Risikoverhalten in verschiedenen Situationen kann recht unterschiedlich sein. Also scheint es zutreffender zu sein, von einem „realistischen situationsangemessenen Risikoverhalten zu sprechen, worauf es ankommt“. Chance und Risiko müssen sich in einer abgewogenen Balance befinden. Und das kann ich mit der Erfahrung von über 30 Jahren Böning-Consult als Coach und Management-Berater nur bestätigen.

Aber nicht zu vergessen ist: Das besprochene Risikoverhalten ist nicht die einzige Dimension, die erfolgreiche Unternehmer ausmacht. Welches Beispiel könnte das heute ganz aktuell besser bestätigen als dasjenige von Boris Becker, der in seinen besten Jahren oftmals im letzten Satz und mit vollem Risiko und einem Ass das ganze Match gewann – im wahren Leben aber erst vor Tagen von einem Londoner Gericht als Unternehmer für bankrott erklärt wurde?













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