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13 MANAGER – NEIN DANKE?!
Zwei Bilder und eine Wutrede in der „ZEIT“

2.6.2016 - 24. Ausgabe der „ZEIT“! Obere Hälfte der Titelseite: Eine kampfrote, ringbewehrte Faust schlägt auf einen imaginären Tisch. Donnerwetter ist angesagt. Seite 19: Thomas Sattelberger, Topmanager im Ruhestand, hat eine große Wutrede gegen Manager geschrieben. Der Artikel hat einen interessanten Opener: Das Bild eines weiten Ausblicks durch vier lange Fenster auf die Dächer Frankfurts.

Das Pikante daran: Im Vordergrund ist unter jedem Fenster bis Brusthöhe eine Herrentoilettenschale installiert. Spätestens die blanke Notdurft zwingt die Nutzer dazu, diesen Blick auf die Umgebung einzunehmen: Es ist die Herrentoilette im Tower der Frankfurter Commerzbank. Mitten im Bild stehen die Worte: „Wir hier oben“. Unterschrift des Bildes: „Selbst beim Pinkeln die Welt im Blick: Cheftoilette im Frankfurter Commerzbank Tower.“

Was für ein Blick! Unappetitlich? Unwürdig? Zynisch? Oder alles zusammen?

Jedenfalls eine drastische Botschaft. Man braucht den Artikel fast nicht zu lesen – was ich dann aber doch getan habe. Bis zum Schluss auf die nächste Seite, auf der in der oberen Hälfte 6 angeschnittene Kopfbilder zu sehen sind: Joe Kaeser von Siemens, Martin Winterkorn von VW, Karl-Josef Neukirchen von der Metallgesellschaft, Jürgen Großmann von RWE, Jürgen Schrempp von Daimler und Ferdinand Piech von VW. Mitten im Artikel noch ein Ankündigungstext für weitere Lesestellen im Heft: „Wenn Manager versagen“. „Daimler mogelte bei der Diesel-Werbung“. „Wenige entscheiden, viele leiden: Ein Interview“.

Die Bilder im Text zeigen eine auserlesene Garde von „Großen Egos“ – alle herrschaftsverdächtig.

Sattelberger schreibt Managern ihres Schlages einen „zweifelhaften Ruhm“ und herrisches Verhalten sowie Unbelehrbarkeit zu. Er hat keine Probleme, weitere Namen aufzuzählen: Markus Pinker bei Celesio oder Anshu Jain sowie Jürgen Fitschen bei der Deutschen Bank oder Klaus Volkert, den ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden von VW, der seine brasilianische Geliebte mit Konzerngeld unterhielt, usw. usw.

Was sage ich als Psychologe dazu

Nicht, dass die Reihe der schließlich aufgezählten Personen nicht eindrucksvoll wäre. Nicht, dass die aufgezählten Verhaltens-und Persönlichkeitsmängel von mir ignoriert oder gutgeheißen würden. Im Gegenteil. Und auch nicht, dass die dramatisch negativen Folgen für die Kultur und die Performance der erwähnten Unternehmen von mir bagatellisiert werden. Im Gegenteil. Seiner Analyse des Zusammenhangs zwischen Topmanagement-Verhalten und den Auswirkungen auf die Unternehmenskultur kann ich aufgrund eigener Erfahrung als Business-Coach in Unternehmen und der Arbeit mit Topmanagern weitgehend zustimmen. Ich könnte selbst auch eine Reihe von kritischen bis deprimierenden Beispielen anführen. Und ich unterstreiche ohne Einschränkung die Notwendigkeit einer offenen Diskussion und die Notwendigkeit einer Veränderung bzw. Weiterentwicklung auf der Topmanagement-Ebene, um den zeitgeistgemäßen gesellschaftlichen Moral- und Ethik-Ansprüchen zu genügen. Und nicht zuletzt teile ich die Aufforderung, dass Manager eine Verantwortung für Unternehmen wie Mitarbeiter tragen, der niemand mit blankem Narzissmus überschäumender Ego-Befriedigung oder gar soziopathischen Zügen gerecht werden kann. Als letztes will ich auch unterstreichen, dass der Dieselgate-Betrug das Vertrauen vieler Menschen und Konsumenten gekostet hat, was eine desaströse Bilanz hinterlässt. Ich verzichte an dieser Stelle auf eine vertiefte Debatte der Manager-Gehälter und der skandalösen Entgleisung der angloamerikanisch infizierten Auszahlung von Boni- und Ablösesummen etc., die sich in den letzten 15 Jahren entwickelt haben.

Aber trotzdem will ich nicht verhehlen, dass „das Ding“ in der „ZEIT“ zwiespältige Gefühle bei mir auslöst. Zwei Punkte sind es, die diesen Punch in meinen Augen stören:

Erstens ist es der kommunikative Charakter dieser Attacke auf die Gilde der Topmanager, die als Gesamtheit in einen vorurteilsübervollen Verruf gebracht wird. Ich kann dieses gesellschaftliche Ritual des öffentlichen „An-den-Pranger-Stellens“ einer Gruppe, einer Branche oder einer Unternehmensebene Ebene nicht gutheißen, weil es viele sehr positive Manager mit Persönlichkeit und Charakter auf verschiedenen Hierarchie-Ebenen gleich mit in Verdacht und Verruf bringt. Unberechtigter Weise. Ich halte es auch nicht für realistisch oder für moralisch/ethisch „exzellent“, die beklagenswerten Geschehnisse gleich mit einem Verruf der gesamten Automobilbranche, der Wirtschaft als Ganzes oder Deutschland überhaupt in Verbindung zu bringen. Bei allem Wissen um Imagebildung und faktischem Vertrauensverlust: Eine Stigmatisierung eines wichtigen Teiles unserer gesellschaftlichen Elite ist weder berechtigt noch hilfreich.

Zweitens finde ich es nicht besonders geschmackvoll, wenn Sattelberger sich selbst in eine „Vom Saulus-zum-Paulus-Rolle“ hineinstilisiert (oder von der „ZEIT“ geradezu hineinstilisiert wird) und von seiner eigenen „Wandlung“ spricht, nachdem er sich selbst nach eigenem Bekenntnis 20 Jahre im Topmanagement aufgehalten hat. Jetzt greift er aus der gesicherten Position des Pensionärs zur verbalen Keule und liest den ehemaligen (noch größeren) Kollegen als er selbst geräuschvoll die Leviten. Ist er selbstgerecht? Braucht er eine nachträgliche Genugtuung? Nachdem er ein pauschales Sündenbekenntnis über seine eigenen Management-Verfehlungen abgegeben hat, weiß er wortstark und genau zu beschreiben, was die da „oben“ alles falsch machen. Und wo er selbst Lösungen sieht, um die Zukunftsanforderungen der Digitalisierung, der gesellschaftlichen Werteentwicklungen und überhaupt der Entwicklung Deutschlands liegen. Als scheinbar selbstloser Robin Hood der „Nicht-mehr dazu-Gehörenden“ greift er zum verbalen Pfeil und urteilt ab. Allerdings – und das sei ebenfalls nicht vergessen – weiß er eine Menge moderner Führungs-Trends anzuführen und als Versprechen der sicher geglaubten Zukunft anzupreisen. Bekanntes und Wagemutiges ist ebenso darunter wie Zweifelhaftes und bloß Populäres. Aber fast „alles“ scheint eine Diskussion zu verdienen.

Aber warum Sattelberger so tut, wie er tut, darüber kann man als Psychologe spekulieren. Aber nicht an dieser Stelle. Jeder Zuschauer der Szene und jeder Leser möge selbst beurteilen, wie er die Szene sieht und wie er möglicherweise die motivationalen Gründe interpretiert. Vielleicht ist die Confessio auch eine angestrengte Reue, sozusagen eine öffentliche Bitte um Vergebung für die früher selbst begangenen Sünden.

Aber vielleicht wollen Sie als Leser meiner Darstellung erst einmal gar nichts glauben – und lesen den entsprechenden Artikel einfach selber. Am wichtigsten allerdings ist mir eine Diskussion ohne jede Vorverurteilung, weder der „Täter“ (als Personen oder als Unternehmen) noch als „Opfer“. Denn alle Veränderungsversuche, die Schuldzuweisungen verwenden, haben meistens kurze Beine. Change setzt nicht zuerst bei den anderen an, sondern bei sich selbst – ohne die anderen außen vor zu lassen. Auch die Kultur der zwischen-menschlichen Kommunikation ist ein Teil der erforderlichen Veränderung…



Link/s zum Artikel:
Artikelübersicht: ZEIT 24/2016
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