BLOGBEITRAG



19 Männer:
„Kerlschmelze“ (SZ) und „Stark durch Therapie“ (DIE ZEIT)

Männer und Psychotherapie in DIE ZEIT und ein "Essay über Frauenhass" in der Süddeutschen Zeitung. Cowboys auf der Couch, chauvinistische Trolle im Netz. Sommertheater? Oder ein ernstzunehmendes Thema?

Am Donnerstag der letzten Woche hatte DIE ZEIT auf der Titelseite die Botschaft verkündet „Stark durch Therapie – So viele Männer wie nie trauen sich auf die Psycho-Couch. Das tut ihnen gut“. Also eine frohe Botschaft für die zurückgedrängten Männer, sich doch der erleichternden Psychotherapie (oder auch einem Coaching) zu unterziehen, um die unverarbeiteten Konflikte mit ihrer Rolle und in ihrem Leben selbstreflexiv und konstruktiv zu lösen. Am besten vielleicht in einer „Männertherapie“, für die sich viele Therapeuten oder Coaches offenbar berufen fühlen. Unter dem reißerischen Titel „Kerlschmelze“ meditierte die Süddeutsche Zeitung (SZ) zwei Tage später etwas soziologisch-psychologisch über die heftigen anonymen Reaktionen vieler Männer im Netz auf den nicht mehr zu übersehenden Vor-Schritt der Frauen an vielen Stellen des täglichen Lebens.

Reines Sommertheater, das die Beteiligten und Betroffenen auch schon mal am Strand lesen können, wenn sie im spätsommerlichen Urlaub zu leicht gehobener Lektüre greifen? Oder setzt sich hier ein Thema fort, das in der Zwischenzeit eine solche Wucht der Veränderung mit sich gebracht hat, dass den Männern nur noch mit innerer Einkehr und therapeutischer Selbstreflexion geholfen werden kann?

DIE ZEIT legt auf der ersten Seite einen Cowboy auf die plüschige Liege der tiefenpsychologischen Kur und bringt im ZEIT-MAGAZIN noch drei weitere Bilder: Jeweils auf einem blutroten Ledersofa liegend zuerst einen abgeschnittenen (kastrierten?) dunklen Anzugträger mit schwarzen Socken und schwarzen Lederschuhen. Auf dem zweiten Bild einen abgeschnittenen Mann mit traditionellen Jeans und hellbraunen geschnürten Stiefeln. Vielleicht ein Arbeiter. Und auf dem dritten Bild einen jungen Mann in engen grauen und umgekrempelten Jeans mit Turnschuhen. Anscheinend will man den Männern kein Zuviel an soziologischer Analyse zumuten. Die alle sozialen Schichten wie Generationen umfassenden Veränderungen müssen einfach und ästhetisch rüberkommen. Die Botschaft wird ergänzt durch die gesammelten Selbsterfahrungen von drei Therapeuten und/oder Coaches, die sich mit Begeisterung der Aufrichtung der geschundenen Männerseelen widmen.

Die SZ konzentriert sich auf die wirtschaftlichen und soziologischen Ursachen des Männerfrusts und kommt zu einer psychologischen Zustandsbeschreibung, die sie wortfundamentalistisch mit einem Katastrophenwort belegt: „Kerlschmelze“! Hier geht es wortfiligran um die Shitstorm-Pöbler, die sich schnell auf ihre bevorzugt weiblichen Mobbingopfer stürzen. Ob in den USA, Deutschland oder England! Ein Fakt als Beispiel: Der britische „Guardian“ zeigte in diesem Jahr die Tabelle der Top Ten unter den Autoren mit den meisten erhaltenen Hasskommentaren: Acht davon sind Frauen.

Was ich als Psychologe und Mensch dazu sage

Erstens: Als ehemaliger Psychotherapeut freue ich mich über die gutgemeinte Akquisitionshilfe der humanistischen Gesellschaftslehrerin namens DIE ZEIT.

Zweitens finde ich persönlich diese bis zu Vergewaltigungs- und Todesdrohungen gehenden anonymen Tiraden im Netz entsetzlich! Ich habe kein Verständnis dafür, dass die so kreativen und innovativen Netzgestalter bis heute angeblich noch kein Mittel gefunden haben, diesen Psychoterror zu unterbinden. Schlimm genug, dass diese Drohungen und Beschimpfungen – wie DIE ZEIT am Beispiel von Politikern vor einigen Monaten selbst zeigte – auch über anonyme Briefe laufen können, die selbst vor mörderischen Ankündigungen nicht zurückschrecken!

Drittens finde ich die soziologische Erklärung erkenntnisreich wie beschämend, die in der SZ im Ansatz gebracht wird: Es sind offenbar die Modernisierungs- und Globalisierungsopfer der wirtschaftlichen und damit auch der gesellschaftlichen Entwicklung, die sich im Netz unter dem Schutz der Anonymität so enthemmt und brutal Luft machen: Selbst die bloße Gleichstellung von Männern und Frauen empfinden viele Männer auch hierzulande als bedrohlich und wehren sich mit ihren letzten Waffen, der aggressiven Kommunikation und der rückwärtsgewandten Abwertung, dagegen. Die weniger gebildeten Männer, die nicht weiblich, nicht schwarz, nicht homosexuell sind oder auch sonst keine attraktive Benachteiligung ins Feld führen können außer der Tatsache, dass sie keine guten oder überhaupt keine Jobs mehr haben, kommen in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit schlicht zu kurz. Die gering Qualifizierten (Männer) aus den reichen Industriestaaten stehen auf der Verliererliste: weniger Jobs, sinkende Löhne, Zeitarbeit, Teilzeitarbeit, drohende Wohlstandsverluste, drohende Altersarmut, benachteiligte Nachfolgegenerations-Verhältnisse usw. In den aufgeblähten Toleranzdiskussionen unserer Zeit kommen sie eklatant zu kurz. Und in den z.Zt. aktuellen, politisch aber folgenarmen Gerechtigkeits-Diskussionen sind sie nicht viel mehr als die Bestandteile von Zahlen und Statistiken. Hier stimme ich dem Soziologen Heinz Bude zu, der von der „stillen Revolution“ der Verbitterten spricht, die allmählich immer lauter und jetzt unüberhörbar wird – nicht nur in den wirtschaftlich benachteiligten Regionen, sondern überall auch in den benachteiligten Seelen.

Für diese vom Leben Verbitterten sind die emanzipatorischen Fortschritte, wie die im Westen schon „lange“ gegebene rechtliche Gleichstellung, die aktuelle Frauenquote und die sexuelle Offensive der Frauen auf Bühnen und Straßen eine emotionale und existenzielle Bedrohung. Sie wird nur noch von der Flüchtlingskrise und den wachsenden Gefahren des internationalen Terrorismus übertroffen – und geht mit ihnen eine gefährliche Melange ein. Die Gegensätze zu den akademisch gut ausgebildeten und supertoleranten Männern (und Frauen) der Großstädte werden immer größer, heftiger und hässlicher. Und die Anlässe für den Protest immer kleiner. Der Notruf der gesellschaftlich Schiffbrüchigen hat 3 Buchstaben, aber nicht SOS, sondern AfD. Das zeigen ihre programmatischen Reflexe im familienpolitischen Bereich: Abtreibungsverbot und „natürliche Geschlechterordnung“, Abschaffung der Frauenquoten und der Gleichstellungsbeauftragten, Abschaffung des Gender Mainstreaming, Wiedergewinnung der „Männlichkeit“, der „Wehrhaftigkeit“, „Gewehre an den Grenzen“ usw. Der Mentalmix der verschiedenen Bedrohungsebenen und Bedrohungsgefühle droht zu einem unheilvollen Amalgam zu werden: Wo die Bedrohung durch Flüchtlinge als potenzielle Vergewaltiger intoniert wird, ist offensichtlich die Vitalgrenze einer erlebten Zumutung erreicht!

Viertens: Gerade die Intonierung des aktuellen öffentlichen Dialogs als eines die sexuellen Themen betonenden Diskurses zeigt die Grenze der empfundenen Vitalbedrohung durch die erlebten Veränderungen. Wo das sexuelle Thema in vielen Varianten so virulent wird, geht es nicht nur ums Private, sondern in Chiffren um fundamentale gesellschaftliche Veränderungen. Angesichts vieler schon erreichter Fortschritte für Frauen kann ich aber Herrn Stremmel von der SZ in einem Punkt nicht zustimmen. Er findet es bedauerlich, dass „nur magere 37% der Männer“ es befürworten, „dass die Frau die Hauptverdienerin der Familie ist“. Er hat diesbezüglich auch mehr als nur 43% zustimmende Frauen erwartet. Was für ihn wenig ist, halte ich für relativ viel – wenn auch nicht für alles! Geschichtliche Änderungen dieses Ausmaßes geschehen weder schnell im Urlaub noch in 50 Jahren. Es ist nicht zu übersehen: Auch unrealistische Erwartungen können zum Frust führen! Unsere Schnellverfügbarkeits-Gesellschaft, die an Handy, Internet und Amazon gewöhnt ist, hat das Augenmaß für die reale Geschwindigkeit gesellschaftlichen Transformationen selbst historischen Ausmaßes verloren. Das ist kein Trost für die Verlierer. Also: Nichts gegen individuelle Therapie, aber das wirtschaftliche und gesellschaftliche Problem liegt auf einer anderen Ebene. Hier werden zwei Zielgruppen verwechselt: Wo bei wirtschaftlichen Verlierern das Geld fehlt, hilft eben keine Therapie. Diese hilft nur den akademischen und selbstreflexiven Gewinnern aus den großen Städten. Es gilt offenbar das bei Spielen stimulierende Motto „The winner takes it all!“. Im großen Gesellschaftsspiel droht hier aber keine Katastrophe. Es ist schon eine!













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