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17 Liebe in Zeiten des Kapitalismus

Liebe im Jahr 2016. „PARSHIP“ und "Tinder": die verheißungsvollen Online-Portale für schnellen Sex oder die große Liebe? Was macht der- oder diejenige, in dem oder in der die große Sehnsucht brennt? Den Bedürftigen kann abgeholfen werden...

Die Liebe: Anscheinend seit Menschengedenken ein Thema. Im Schlagerformat würde man sagen: ein Evergreen! Die unendliche Sehnsucht von Milliarden. Ist sie unwandelbar und ein unerforschbares Geheimnis? Ein Gipfel des Glücks für fast jeden und fast jeden Tag? Die Frage ist jetzt: Was macht die Liebe in Zeiten der Social Media?

„PARSHIP“, das offenbar größte Online-Portal für schnelle Verbindungen in Deutschland meldet stolz auf seinen Werbeplakaten in Bahnhöfen und auf Straßen: „Alle 11 Minuten verliebt sich…“ Wenn das nicht lockt! Das Internet macht die Anbahnung leicht: Per App ins Universum der unzähligen Angebote. Nach wenigen Tagen ein Angebot von Paarungswilligen – für eine Nacht oder auch etwas länger. Vorbereitet durch einen Fragenbogen, der verschiedene Übereinstimmungsmöglichkeiten abfragt. Also halbwissenschaftlich in die Castingshow...

Aber es geht auch schneller. Sie müssen nur in die USA, am besten nach New York. Dort gibt es „Tinder“, das Dating-Portal für schnellen Sex und manchmal mehr. Eine offene Nachbarschaftshilfe sozusagen. Nach Angabe der New York Times sind es z.Zt. etwa 50 Millionen Menschen weltweit, die wenigstens einmal im Monat sich anhand der App eine Freude gönnen, berichtet die „DIE ZEIT“ vom 7. Juli 2016…

Die Interviewerin der ZEIT hat dort mit Ramos gesprochen, einem bekennenden „Tinder“: Z.Zt. des Interviews hatte er gerade mal 4 Frauen. Die letzten zwei Tage hatte er mit drei Frauen verbracht und wirkte deshalb körperlich etwas müde. Er hat etwa 350 Frauen auf seiner App und keine Sorge, dass er zu wenig von dem bekäme, was er suche. Schneller Zugriff auf eines der Bilder im Angebot und er fände etwas in der Nachbarschaft. Dank GPS.

Auch das 2004 von dem Mathematiker Christian Rudder gegründete und gerade für 50 Millionen Dollar an Match.com verkaufte Dating-Portal „OkCupid“ ist interessant. Auch hier werden nach einem Ähnlichkeitsschlüssel Paare zusammengestellt oder wenigstens Kontakte gemacht. Rudder hat Infos aus seinem riesigen Datenberg herausgefiltert: Für die Anziehung im Internet – und damit im Leben - sind über alles gesehen weder die politische noch die religiöse Einstellung oder bestimmte Persönlichkeitsmerkmale entscheidend, sondern mit weitem Abstand das äußere Aussehen! Schönheit lockt! Konkreter: Männer jeden Alters zwischen 20 -50 finden Frauen zwischen 20 -24 Jahren am attraktivsten. Bei Frauen zeigt sich ein Unterschied: Finden sie im Alter von 20 bis etwa 30 Jahren Männer am attraktivsten, die 1-2 Jahre älter sind, so dreht die Kurve der Bevorzugung ab 32 Jahren deutlich ab: zunehmend werden jüngere Männer attraktiv gefunden. Zwischen 40-48 Jahren ist der Abstand am größten, etwa 8 Jahre. Kein Wunder also, dass „Tinder“ die Reduktion auf das Oberflächliche radikalisiert hat und nur noch ein Bild pro Kandidat einstellt, das den Wunsch signalisiert, jemanden kennenlernen zu wollen. Der Wisch nach links verweigert, der nach rechts stimmt zu. Rudder sagt: „Alles auf ein einziges Foto zu reduzieren, das ist die neue, universelle Weltsprache.“ (ZEIT, a.a.O, S. 27)

Was ich als Psychologe dazu sage

Es ist ja nicht alleine die Folge unserer spätkapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsform sowie der Globalisierung, wie von dem Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch und anderen Autoren interpretiert wird. Die verschiedensten Entwicklungen tragen selbstverständlich dazu bei: Die Kommunikationstechnik, die Mobiles, das Internet und das GPS. Aber auch die Wohlstandsverhältnisse, in denen wir leben. Völkerwanderungen und Flüchtlingsströme. Die Werte der nach Autonomie, Selbstverwirklichung und Work-Life-Balance strebenden Individuen, die die Jungen für unglaublich selbstverständlich und die Alten für völlig unverständlich halten. Die Emanzipation der Frauen und ihre historisch offensive Selbstdarstellung und Beziehungsanbahnung im Westen gehören ebenso dazu wie die Entwicklung der Single-Existenzen und deren Übersetzung in die körperbetonten und androgynen Trends im Modebereich. Nicht zu vergessen: die revolutionären Entwicklungen in der Medizin im Allgemeinen und der Reproduktionsmedizin im Besonderen. Die Bildungsentwicklung der Frauen, die allmählich die Männer überholen. Alles Teile eines epochalen Wandels in den letzten 20-50 Jahren. Er erinnert an die fundamentalen Veränderungen in der Renaissance, die zu einem neuen Weltbild führten.

Auch das „Benching“ („Warmhalten“) gehört zu den neuen sozialen Phänomenen. So jedenfalls nannte vor kurzem der Journalist Jasen Chen im „New York Magazin“ die zunehmende Beobachtung, dass Menschen die Neigung entwickeln, Dating-Partner über längere Zeit in einer Kontaktschleife zu halten, ohne sich jedoch für eine tiefere Beziehung zu entscheiden (siehe „DIE WELT Kompakt“ vom 5. Juli 2016). Posts, Smileys und Nachrichten auf Facebook würden ausgetauscht, die die Hoffnung auf mehr wachhielten. Oder gelegentliche Treffen vereinbart, die wieder kurzfristig abgesagt würden. Als Phänomen nicht neu, aber durch die heute verfügbaren Kommunikationsmittel stark gefördert, führt dies zu einem latenten Beziehungsgefühl, das allerdings nur Scheinverbindlichkeit suggeriert, die ohne wirkliche Entscheidung bleibt: Weniger oder mehr?

Man kann die Frage stellen: Warum machen Menschen dies? Und warum machen die Anderen das bis zur Frustration mit – bevor es vielleicht sogar zum „ghosting“ kommt, dem überraschenden und unerklärt bleibenden Verschwinden des Anderen von der Bildfläche?

Michael Nast hat über dies und anderes seiner Generation einen Bestseller geschrieben. Titel: „GENERATION BEZIEHUNGSUNFÄHIG“! Vermutlich kommt er darin der Erklärung ziemlich nahe. Auch wenn der Berliner Drehbuchautor mit seiner narzisstischen Selbstdarstellung und Vulgärpsychologie nur Erzähltes berichtet und über keine echten Untersuchungsergebnisse verfügt: Das Millioneninteresse seiner Buchkäufer und die von ihm berichteten eindeutigen Angebote nach seinen Lesepräsentationen aber sprechen eine klare Sprache.

Der Markt ist da: Etwa jeder dritte Erwachsene in Deutschland ist ein Single. Für gebildete und erfolgreiche Single-Frauen wird es schwerer, einen richtigen Partner zu finden. Männer stürzen sich nach „OkCupid“- Erkenntnissen massenweise gerade auf die schönen Frauen und folgen damit dem Jäger-Modell des homo sapiens, während Frauen dies umgekehrt extrem viel weniger tun. Männer gleichen das aber durch eine sechsmal höhere Jagdaktivität aus, wie Rudder berichtet. Nach Lisa Fischbach, der Psychologin bei „ElitePartner“ haben die emanzipierten Frauen heute auch noch höhere Ansprüche an Männer, was dem gegenseitigen Jagdverhalten im liberalisierten Westen keine Grenze gesetzt. Auch Schwulen nicht, wie die Plattform „Grindr“ zeigt. Wer aber eher romantische Beziehungen sucht und nicht (nur) schnellen Sex, der sollte den Hoffnungsweg auf der kleinen Plattform „Im Gegenteil“ wählen.

Fazit

Sex gibt es heute schneller und auch mehr. Die Liebe ist so vielgestaltig wie noch nie.  Aber ob Zufriedenheit und Glück die Rekorde brechen, ist noch offen!

 

Anmerkung der Redaktion: Aus Versehen ist in der Erstfassung "ElitePartner" anstelle von "PARSHIP" als Urheber des Werbeslogans "Alle 11 Minuten..." genannt worden. Wir bitten um Entschuldigung.













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