BLOGBEITRAG



18 Impressionen aus Japan

Juli/August 2016. Unser Besuch in Japan. Von Hokkaidō bis Tokio. Von heißen Schwefelbädern über Tempelbesichtigungen bis Kindererziehung. Auf den Spuren der Ainu und über die Spuren einer Reise.

Jüngster Japan-Besuch jetzt im Juli-August. Der sechste. Wir waren zuerst auf Hokkaidō, um dort die Landschaft, alte Vulkane und immer noch aktive Geysire und Schwefel-Ausstöße zu besichtigen. Auch den Ainu waren wir auf der Spur, um mehr Verständnis für die ethnologische Geschichte der ersten Japaner zu gewinnen, bevor wir in Sapporo, Sendai und letztlich in Tokio landeten. Dort war das Leben der Stadt zu beobachten.

Vier Stadtumzüge und die gegenwärtige auf der Straße zu beobachtende Kinderziehung prägten unsere Eindrücke am meisten – obwohl natürlich Schreine, Tempel, die japanische Geschichte und die moderne Stadt auf dem Programm standen. Pflichtprogramm und Kür-Beobachtung für den Psychologen also.

Die Spuren der Ainu

Die Spuren der Ainu waren interessant, weil man die schwierige Suche der Japaner nach ihren Ursprüngen verfolgen konnte. Wir haben gelernt, dass die Ainu nur eine Gruppe unter mehreren waren, die das ethnologische Fundament der japanischen Gesellschaft darstellen. Und eine, die sich lange Zeit auf Hokaido aufhielt. Und zudem lange nicht akzeptiert war. Schließlich dann irgendwie doch – neben einer Reihe anderer Volksgruppen, deren Vermischung kompliziert und nicht immer eindeutig nachvollziehbar ist. Heute gelten die Ainu quasi programmatisch als Kerngruppe der Vorfahren. Aber eigentlich halten sich viele Japaner schon für etwas Eigenes: Japaner zu sein, ist etwas mehr. Ist etwas Höheres. Da kann man schon einige andere integrieren…

Die Stadtumzüge

Die Stadtumzüge, weil sieBlog_Bild_Japan_Trommler durch ihre Präsentationen einen Eindruck zur Verbindung zwischen den Generationen, Stadtteilbewohnern, Behinderten und Nichtbehinderten, Jungen und Alten verdeutlichten und am Straßenrand happening-artige Zuschauergewohnheiten zu beobachten waren: Stadtfeste, Fischerfeste mit fassnachtsartigen Umzügen, in denen die Stadtviertel und besondere Gruppen vertreten waren. Und neben am Straßenrand lagerten die Familien. Jung und Alt. Sehr Jung und sehr Alt. Faszinierend, wie 80-90-Jährige und 3-4-Jährige in gemeinsamen Tanzformationen Zusammenspiel und Zusammenhalt demonstrierten. Und alle anderen Jahrgänge dazwischen.

Die Kindererziehung

Die Kindererziehung, weil sie eine deutliche Veränderung zu unserem ersten Besuch in 1992 zeigten, der uns faszinierte. Ohne idyllisieren zu wollen: Der Umgang der Eltern mit den Kleinen ist ein anderer als hier bei uns in Deutschland: Kaum schreiende Kinder auf der Straße. Mütter wie Väter im engen Körperkontakt mit den Kleinsten. Freier sich bewegende ältere Kinder, die ihrem Spiel- und Bewegungsdrang offensiv nachgingen. Wenn aber die Eltern einen Stopp setzten, ging das auch relativ ruhig ab. Genauer gesagt: auffallend ruhig! Ein kurzer, unaufgeregter Ruf, ein, zwei sofortige Blickkontakte – und die Situation ging geklärt weiter. Alles viel leiser, weniger emanzipativ umkämpft wie hier bei uns. Kaum angestrengte und lange Überzeugungsreden genervter Eltern gegenüber sich wehrenden Kindern. Eine auffallende Ruhe und Sicherheit beider Seiten, Eltern wie Kinder, kurze Abstimmungen und wenig langes Gezeter, wer sich endlich durchsetzt. Vielmehr blickorientierte Abstimmung, schnelle Einigung, getragen von einer selbstverständlichen Grundruhe und einem Grundvertrauen.

Den längsten KampfBlog_Bild_Japan - Kopie zwischen Eltern und Kindern haben wir in einer wunderschönen großen, weiten und ganz ruhigen und gepflegten Tempelanlage erlebt: Ein endlos laut und grell schreiender kleiner Junge, der sich lange Minuten nicht beruhigte – und nebendran am Stand mit vielen kleinen Wunschzetteln die Mutter mit einem Kleinkind auf dem Arm, die anscheinend demonstrativ nicht reagierte. Vielleicht, um den schreienden Kleinen ausschreien zu lassen, der trotzig versuchte, bei den Eltern etwas auszulösen. Zu erzwingen? Der Vater stand daneben und schaute aus einiger Entfernung zu, ohne sich einzumischen… Eine quälende Szene. Ein gemischtes Paar: Sie Japanerin, er eine blonde Langnase…

Die Frage nach den unterschiedlichen Erziehungsstilen und dem die Persönlichkeit fundierenden Erziehungssystem in Deutschland und Japan war zwingend. Freud hätte sich wahrscheinlich selbst auf die Couch gelegt, um darüber frei zu assoziieren, wo die Unterschiede sind…

Die langen Schlangen

Die langen Schlangen junger Leute vor Restaurants oder Geschäften gerade in Tokio waren überraschend: Vor In-Geschäften, die ein neues Eis verkauften oder eine neue Kleidermode in einer der zentralen In-Straßen in der City ausstellten, vor Cafés oder irgendeinem Eingang eines Geschäftes, das gerade im Fernsehen aus irgendeinem Grunde besonders herausgestellt wurde. Und das Interessante an diesen Schlangen: Keine gähnende oder mürrische Langeweile, wie man sie aus Hungerländern kennt, aus ausgesaugten Armutsländern, sondern gut gekleidete Jugendliche oder junge Erwachsene, die sich entspannt unterhielten oder ihr Handy oder das Smartphone in der Hand hielten und irgendwelche Spiele darauf spielten… Die Ruhe, die gute Laune und die Selbstverständlichkeit des Wartens waren bemerkenswert – nicht nur auf dem neuen Messegelände und den Spiel- und Belustigungshöllen der Stadt vor dem Eingang.

Was ich als Psychologe dazu sage 

Nichts Überdrehtes. Nichts fantasievoll Spekulatives. Nichts Spektakuläres. Vielmehr etwas scheinbar Selbstverständliches, Leichtes, das trotzdem nicht immer gelingt: Die Erfahrung, wie wichtig es ist, andere Kulturen kennen zu lernen, um sich selbst zu betrachten und die eigene Kultur zu verstehen. Wie wichtig es ist, das selbst Gewohnte vom Selbstverständlichen und zwingend Natürlichen zu unterscheiden. Und wie schwierig es ist, die Hintergründe davon zu erfassen und zu verstehen. Es wurde wiederholt, was niemals als Erfahrung ersetzbar ist, nicht zuletzt für Führungskräfte: Internationale Erfahrungen und interkulturelle Kompetenz sind heute nicht nur möglich, sondern unersetzbar für die persönliche Entwicklung, für Zusammenarbeit und Karriere.













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