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26 Good Night, America!

„Trump versus Clinton wird als schmutzigster Wahlkampf in die Geschichte Amerikas eingehen“ schreibt der SPIEGEL. Was soll man als Psychologe dazu noch sagen, außer vielleicht ...

Dieser Wahlkampf hat es in sich: Der SPIEGEL überschreibt seine Titelgeschichte vom 5.11.2016: „Trump versus Clinton wird als schmutzigster Wahlkampf in die Geschichte Amerikas eingehen.“

Was soll man dazu noch sagen? Sex, Pornothemen, Anschuldigungen, Unterstellungen, Verleumdungen, Lügen, Theaternummern der übelsten Sorte von überalterten Politikdarstellern kennzeichnen die Szene. Es ist zum Weinen, welches menschliche Niveau den Wahlkampf von Donald Trump und Hillary Clinton kennzeichnet. Schmutz, Schlamm, persönliche Infragestellungen, infame Behauptungen und ein Spiel mit der Wahrheit und Wirklichkeit, die von den Dramen Shakespeares nur durch die Anzahl der dort zelebrierten Morde oder Toten noch übertroffen wird. Aber an bloßer Schmutzphantasie kommen weder Shakespeare noch Goethe mit. Saul Bellow nicht oder auch nicht Philip Roth. Heinrich Böll schon mal gar nicht, auch wenn zwei der Genannten Nobelpreisträger waren. Anders gesagt: Die Phantasie von Normalbürgern wird einfach übertroffen, es sei denn, man ernährt sich mental monatelang nur von den Seifenopern, Skandalberichten und Porno-Vignetten der Bildzeitung.

Die Gosse hat gesiegt. Der Stil von Hassmails auf Facebook hat sich der politischen Elite von Amerika bemächtigt. Sozusagen als vorläufiger gesellschaftlicher Tiefpunkt auf präsidialem Niveau. Die Trennung von Politik und Privatleben, die in Deutschland immerhin noch schwach die Spielregeln der medialen Öffentlichkeitsarbeit prägt, scheint hier vollkommen überwunden. Die Ehre des Amtes, die Integrität von Amtsanwärtern eines der mächtigsten Länder der Erde und eines der hervorragendsten Ämtern auf unserem Globus sind nicht einfach in Zweifel gezogen. Der im ganzen Wahlkampf verschleuderte Dreck auf den politischen Gegner hat Formen angenommen, die sich einer ethischen Verwahrlosung nähern und die Grenzen in einigen Fällen sogar krass überschreitet. Die beiden Kandidaten um das US-Präsidentenamt und ihre Teams im Hintergrund haben sich um jede Glaubwürdigkeit von Repräsentanten unserer Demokratien gebracht. Das Einzige, was noch um einen letzten Anflug von Höflichkeit, Stil und klassischem Reglement bemüht scheint, ist der Kleidungsstil der Kandidaten. Man kann Trump nicht vorwerfen, dass er nicht genügend Gel für seine Frisur verwendet. Aber auch Clinton verdient sich keine große Anerkennung für ihre Show. Sie wirkt nur noch starrer und fassadenhafter wie früher.

Doch wenn man die Tränen nur über die grellbeleuchteten Ereignisse auf der aktuellen Bühne des politischen Betriebes und seine Hauptdarsteller vergießen würde, wäre ein tiefes Bedauern zwar noch die mildeste Form der Bestürzung über den wahrzunehmenden Politikbetrieb der USA. Viel schlimmer ist, dass sich in diesem Trauerspiel die gegenwärtige Verfassung der ganzen amerikanischen Gesellschaft widerspiegelt! Es ist ein entsetzlicher Befund über den Niedergang eines einst großen Landes, das sich in der immerwährenden Sonne des Anführers der „freien Welt“ wähnte. Diese Führung ist schon lange dahin, wie nicht nur Putin und Assad demonstrieren, sondern auch einige afrikanische Potentaten seit Jahren mit Selbstbereicherungen und dem Verkommen-Lassen ihrer eigenen Völker beweisen.

Aber Europa sollte dennoch sehr zurückhaltend sein mit einfachen Verurteilungen und einem arroganten Bewerten, denn wir haben die Flüchtlingskrise, die zu noch ganz anderen menschlichen Dramen und vielen Toten führte – und die wir mitzuverantworten haben. Sie macht es unmöglich, herabzuschauen auf Amerika und seinen Abstieg.

Aber der moralische, ethische und gesellschaftliche Niedergang Amerikas ist gleichwohl Anlass für eine große Bestürzung. Diktaturen auf dieser Welt, menschenverachtende Potentaten und geldgierige Finanzgurus, die gegen Länder-Währungen spekulieren sind ebenfalls kein Anlass zur vergnügten Gelassenheit. Wenn auch der blanke Terror des fundamentalistischen Flügels des Islam, wenn auch der IS zu in keinem Fall zu rechtfertigenden Gräueltaten und Kriegshandlungen greift, wenn Krieg auf dieser Welt in keinem Fall zu rechtfertigen sind, wenn auch die Entwicklungen in Polen und Ungarn zu schlimmen Befürchtungen Anlass geben und China oder Russland überhaupt nicht nur für nette Onkels gehalten werden dürfen, so ist doch der Niedergang Amerikas von größter Bedeutung: Hier zerlegt sich  ein Land mit großen Freiheiten, großen Errungenschaften, großen Köpfen von Männern wie Frauen,  ein Land mit einer großen wissenschaftlichen Fähigkeiten und glänzenden Strukturen gerade selbst. Und dieser Niedergang scheint überhaupt nicht aufhaltbar. Man lese nur – als ein Beispiel unter vielen – das imposante wie niederschmetternde Buch von George Packer „Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika“ von 2014 auf Deutsch, für das er den National Book Award bekam. Hier können Sie in sehr verdichteter Form den schleichenden und gleichwohl krassen Abstieg der USA in den vergangenen 20 Jahren nachlesen, den George Packer sehr eindrucksvoll an konkreten Beispielen nachvollziehbar macht. Beispielhaft wird anhand von konkreten Anlässen und Personen der Zerfall eines politischen Systems gezeigt, der sich unweigerlich tief in das umgebende menschliche und politische System hineinfrisst – ob es einem nun gefällt oder auch nicht. Wir reden also nicht von der einfachen Verknüpfung einiger aktueller Ereignisse zu einer nur vorübergehenden Eintrübung der gesellschaftlichen Stimmung. Wir reden auch nicht vereinfachend von der depressiv machenden kommunistischen Vision eines Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems.

Wir reden vielmehr von der inneren Selbstzerstörung eines Leitsterns, der leuchten soll und dies auch will, der sich aber gerade in die Dunkelheit verabschiedet. Dies hat auch der demente Ronald Reagan getan, dabei aber noch den Stil gehabt, sich in einem bewegenden Brief von seinen Mitbürgern zu verabschieden (auch wenn den Brief selbst vermutlich jemand anderes geschrieben haben dürfte). Hier aber, jetzt im amerikanischen Wahlkampf, der vielleicht am Dienstag entschieden werden wird, verabschieden sich die Schauspieler nicht von der Bühne und zeigen weder Scham noch Reue für das, was sie tun, sondern stürmen auf die Bühne und lassen ihre niveaugleichen Fans in einen seelenrostigen Applaus ausbrechen, der ihre Egos befriedet, nicht aber das Land.

Sehr zeitnah hat Georg Diez Ähnliches aus Washington für SPIEGEL ONLINE in einer dramatischen Analyse herausgearbeitet (Essay vom 6. November 2016). Er destilliert folgende Hauptpunkte heraus:

  1. Die Camorra-gleiche Installation des wirtschaftlichen Rechts des Stärkeren über alles durch Ronald Reagan und seine Follower.
  2. Die seit Bill Clinton laufende Haltung des Sich-der-Globalisierung-Ergebens, in der die Demokraten die Arbeiter und die untere Mittelschicht verrieten.
  3. Die Schmach der Weißen über Barack Obama.
  4. Donald Trump als reaktionäre Antwort der weißen Amerikaner auf den schwarzen Präsidenten – also ein lange verdeckter, aber jetzt offener Rassismus.
  5. Eine Abwehrschlacht vorwiegend weißer Verlierer der Globalisierung.

Er vergisst allerdings auch nicht, die Medien mit ihrer Leichtgläubigkeit und ihrer intellektuellen Liberalität anzusprechen, die viel reden – aber wenig bewirken und sich im Vorhandensein eines reaktionären gesellschaftlichen Bodensatzes schlicht mit Tragweite verschätzt haben. Auch wenn Hillary Clinton nicht als überzeugende Kandidatin erscheint, Trump kommt ihm wie ein Desaster an blindwütiger Arroganz und narzisstischer Überheblichkeit vor. Und trotz aller Fehler, Lügen und brutalen Angriffe wie ein charismatischer Führer der Zukurzgekommenen, die in ihm den Erlöser aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten sehen.

Was ich als Psychologe dazu sage 

Trump verkörpert das regressiv-aggressive Potential der Selbstwertgestörten, der Verlierer von heute, die in ihn die Fantasie der Erlösung einer hyperkomplexen Welt durch ganz schlichte Wahrheiten und Lösungen projizieren. Ein archaisch wild um sich schlagender Aufsteiger, der das Prinzip der Gosse so rein präsentiert wie kaum ein anderer. Er hat sich immunisiert gegen eine kritische Selbstreflexion. Der Wilde Westen inkarniert sich in ihm wie zu alten Zeiten. Amerika hat seine Reife, seine Liberalität und seine Unbeschwertheit verloren. Zumindest in Sachen der Unglaubwürdigkeit aber steht ihm Clinton leider in nichts nach. Amerikas Stern ist gesunken. Clinton wie Trump charakterisieren mit unbarmherziger Klarheit den Abstieg Amerikas, seiner Eliten und seiner alten Werte. Sie sind keine Anführer mehr der freien Welt. Sie künden mit unbarmherziger Klarheit vom Ende eines Goldenen Zeitalters.

 













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