BLOGBEITRAG



8 Gibt es das Märchen vom schönen Scheitern?

Wir Deutschen sollen das Scheitern lernen! Wie im Silicon Valley sollen wir es machen. Dort ist das richtige Ökosystem für Startups. Dagegen sehen die Gründer-Brunnen in Europa und speziell diejenigen in Deutschland vergleichsweise provinziell aus. Liegt es am fehlenden "Ja" zum Scheitern? Mangelt es an Risikobereitschaft? An Kapital? Geht es um kulturelle, mentale oder vielleicht doch nur um bürokratische Hürden?

Die Botschaft ist wunderbar: Wir Deutschen sollen das Scheitern lernen! Natürlich aus guten Gründen: Wie im Silicon Valley sollen wir es machen. Dort ist das Mekka der Wundergläubigen! Dort ist das richtige Ökosystem für Startups, die die Branche aufmischen. Dort ist das nötige Venture-Capital. Dort findet man die Gleichgesinnten, die noch Visionen haben. Dort produziert man „game changer“…

Im Schatten des Silicon Valley ...

Habe ich eines der erregenden Versprechen vergessen? Macht nichts: Fehler kann man ja machen. Sie sind nicht nur erlaubt. Sie sind sogar notwendig. Es klingt fast so, als sollte man sie machen. So jedenfalls kann man die aufschwappende Häufigkeit der Aufforderungen verstehen, die die Situation drehen sollen. Für Unternehmer. Für die Region. Für die Gesellschaft. Für Deutschland. Natürlich auch für Europa. Denn der Maßstab sind die USA. Nicht die Regionen um Cambridge und Boston, die schon seit 150 Jahren für unternehmerische Aktivitäten sorgen. Auch nicht Seattle, das dritte Gründerzentrum in den USA, sondern das fiebrige Silicon Valley mit seinen Märchengestalten wie Bill Gates und Steve Balmer von Microsoft, selbstverständlich Steve Jobs von Apple, Larry Page und Sergey Brin von Google oder Garrett Camp und Travis Kalanick von Uber. Oder Peter Thiel, der sagenumwobene Investor. Alle erfolgreich beim zweiten Goldrausch in der Nähe von San Francisco. Und viele andere, die die Digitalisierung der Welt vorantreiben. Das Motto: Think big, try big – fail big? Good! Try again.

... da mühte sich die deutsche Gründerszene.

Dagegen sehen die Gründer-Brunnen in Europa und speziell diejenigen in Deutschland vergleichsweise provinziell aus, um nicht zu sagen mickrig: München müht sich. Düsseldorf müht sich. Hamburg müht sich. Und Frankfurt müht sich. Aber Berlin ist vorne – kommt aber trotzdem nicht an London heran…

Schauen wir uns ein paar Zahlen zu den Investitionen mit Venture-Capital aus dem Focus Spezial Dez/Jan 2015/2016 an:

Deutschland:            770 Mio. €

Großbritannien:       972 Mio. €

Europa:                 4, 188 Mrd.€

USA:                  43, 263 Mrd. €

Also sollen wir das Scheitern lernen. Scheitern mit Lächeln und ohne eingetrübtes Selbstbewusstsein. Kämpfer in der Provinz sollen wir werden, die aus dem Scheitern lernen. Überhaupt und auch noch gerne. Und wer sagt uns eigentlich, was wir daraus genau lernen sollen? Weiß man denn schon das Richtige, wenn man weiß, was das Falsche war? Auf jeden Fall: Alle „Yes-butter“ sollen möglichst „Why-notter“ werden.

Aber wie geht das?

Reichen die vielfältigen Aufforderungen, das Scheitern lieben zu lernen? Wie haben die Anhänger des VFB Stuttgart am Samstag den Spielern ins Gesicht gebrüllt, als feststand, dass sie sich aus eigener Kraft nicht mehr vor dem Abstieg retten können? Wem gefällt eigentlich das Scheitern und wer steckt es wirklich schnell weg? Die Startups besser als die Fußballspieler der Bundesliga? Und was nützen diese plumpen Appelle?

Was nützen die berühmten „Failure Parties“ und „Fuck-Up Nights“, auf denen bestenfalls die „Dennoch-Erfolgreichen“ von ihren früheren Misserfolgen berichten und die falsche Vorstellung nähren, Scheitern sei so etwas wie eine Quasi-Vorbedingung für den Erfolg? Ist das psychologisch glaubwürdig oder nur kurzfristig unterhaltsam?

Hilft es, wenn man mit Amy C. Edmonton das intelligente und lobenswerte (praiseworthy) Scheitern vom dummen oder tadelnswerten (blameworthy) unterscheidet und mehrere Typen des Scheiterns kategorisiert? Macht es Mut zum eigenen Unternehmertum, wenn man wissenschaftliches Experimentieren zum Modell des mentalen Vorgehens für Unternehmer erklärt, wie Alexy, Schaller und Wüthrich (2014) das tun?

Oder sollte man einfach die Kultur, unsere Werte oder die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verantwortlich machen, die die sozialen Netze in Deutschland verschlechtern, damit eine amerikanische Risikobereitschaft gefördert wird? Würde eine größere Arbeitsplatzunsicherheit die Startup-Laune der jungen Leute in Deutschland und ihre Lust auf den großen eigenen Traum vergrößern?

Sind es die bürokratischen Hürden, die reduziert werden sollten, um an Geld zu kommen, damit wir nicht weiter die große Zahl der Nebenbei-Startups produzieren, die wir heute haben? Am Geld selbst liegt es offensichtlich nicht. Das scheint genügend vorhanden.

Wie können wir das Selbstbewusstsein einer jungen und wohlstandsverwöhnten Generation stärken, die aus keiner Not entkommen muss und auf dem leichten Weg des Sonnenstrahls ins Erfolgsparadies wandern will? Haben Sie das Verarbeiten des Scheiterns in einer perfektionsorientierten deutschen Kultur gelernt?

Hilft die Einrichtung von Lehrstühlen mit dem Studienfach „Entrepreneurship“ oder eines entsprechenden Schulfachs, um die Einstellung zum Unternehmer aber auch zum Scheitern zu ändern?

Sollten wir die Fördermaßnahmen in den passenden Startup-Phasen anders konzertieren, damit neben der inhaltlichen Zielsetzung, der Aufstellung eines Business-Plans und dem Lernen einer unternehmerischen Grundhaltung auch die Persönlichkeitsentwicklung und die Fähigkeiten zur Führung einer größeren Organisation und damit von Menschen wachsen können?

Alles nützlich, aber alles keine Kurzfristmaßnahmen, die die Situation schnell ändern werden. Wie in einem Park! Da kann man den Bäumen und Pflanzen auch nicht befehlen, schneller zu wachsen, aber man kann sie hegen und pflegen und düngen…

Sagen wir individuell und kulturell „Ja“ zum schönen Scheitern?

Wie sehen Sie das?

Auf jeden Fall hat jetzt Finanzminister Schäuble dem Hoffen auf eine kalifornische Wagniskultur eine Absage erteilt, wie das Handelsblatt vom 6. Mai schreibt. Ein Wagniskapitalgesetz zur finanziellen Förderung von Startups soll es nicht geben!

Und außerdem bleibt es dabei, dass Startups die jährlich fällige Umsatzsteuer schon mal monatlich abführen müssen…

Was sollte denn Ihrer Meinung nach getan werden?













TOP SCHLAGWÖRTER