BLOGBEITRAG



15 „Europa in der Zeitenwende“
Wirtschaftstag der CDU 2016. In Berlin

Es war ein Großereignis mit Besucherrekord und Spitzenvertretern aus Wirtschaft und Politik auf dem Podium.

Der Auftritt: Neben den Inhalten

21. Juni 2016. Wirtschaftstag in Berlin. Der CDU Wirtschaftsrat hatte eingeladen. Zuerst Unternehmerfrühstück, dann Delegiertenversammlung. Die Moderation mit Herrn Riesenhuber wie man ihn kennt: In einer Mischung aus Lässigkeit und Lustkommentator sorgte er mit seinen kurzen Überleitungen für jene pointierte Aufmerksamkeit, die den Rahmen gab für eine sportive-kritische Diskussion.

Nach der Eröffnung durch den Präsidenten des Wirtschaftsrates, Werner M. Bahlsen, der Einstieg des kämpferischen Generalsekretärs Wolfgang Steiger, der die Delegierten mit seinen Statements, seinen Pointen und seinem Humor in Stimmung brachte.

Danach großes Publikum: 3200 Teilnehmer. Vorträge und Podien zu verschiedenen Themen. Unternehmensvertreter von Rang: Nach dem Präsidenten, Werner M. Bahlsen, John Cryan, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, der in überkontrollierter und unterkühlter Art seinen Vortrag hielt. Vermutlich war seine Rede von Juristen vorbereitet worden. Auch Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender von Daimler war da. Er redete einfach über E-Autos. Und viele andere waren da. Renommierte und weniger Renommierte.

Die Politik vertraten u.a. der Finanzminister Wolfgang Schäuble, der seinen Vortrag in der gewohnt kritisch und offen reflektierenden Form spitz ablieferte. Dazu der Kopf der Euro-Gruppe, der Niederländer Jeroen Dijsselbloem, der seine Antworten nach dem Vortrag u.a. mit der genüsslichen Verweigerung auf eine spitze Frage garnierte, er habe von seinem Kollegen Schäuble viel gelernt: u.a., dass man nicht alles öffentlich aussprechen solle, womit er einen Lacher auf seinen trockenen Vortrag erntete. Dazwischen ein gut aufgelegter und energetisierter Nicolas Sarkozy, der zwar den vergangenen, aber eben den wissenden Staatspräsidenten gab. Spät abends nach dem Fußballspiel als Höhepunkt die Bundeskanzlerin Angela Merkel: Faktenreich, raumgreifend, nüchtern, humorvoll und für sich und ihre Ideen einnehmend. Ein Heimspiel!

Was mir auffiel ?!

Der Gesamteindruck: Die Manager der Wirtschaft wirkten eher wie Unternehmensvertreter und nicht wie Spitzenmanager. Vernünftige Statements, artiger Auftritt, nachvollziehbare Argumentation. Als wären sie alle gute und brave Schülern gewesen. Sie wirkten kenntnisreich und wissensstark, aber trocken-sachlich, zu brav. Nur die Politiker warfen sich rhetorisch mächtig ins Zeug. Mit sportiver Polemik und kalkulierter Absicht. Allen voran Monsieur Sarkozy, der selbstverständlich nicht zur angekündigten Zeit kam, sondern etwas später. Und bei dem bis zu seinem tatsächlichen Erscheinen ungewiss blieb, ob er überhaupt kommen würde. Also schon Spannung vor seinem Erscheinen. Als die Erscheinung kam: Schneller Schritt auf die Bühne, Tätscheln der gut bekannten Politgrößen, scheinbar braves Hinsetzen und Warten auf den großen Auftritt in letzter Minute.

Ich hörte nur zu, konnte ihn aber inhaltlich wegen meiner fehlenden Französisch-Kenntnisse kaum verstehen. War aber auch nicht nötig. Die rituelle Wiederholung der verstehbaren Kernbotschaft war klar: „France et Allemagne!“ und „Allemagne et France!“ Alles klar! In Europa sollen führen Angela und …

Aber das Schönste war: Man musste gar nicht viel verstehen. Die Botschaft war klar: ER! ER erklärte die Welt. ER war der Staatenlenker, der die Welt versteht.  Der sie in komplexen, komplizierten und volatilen Zeiten lenken kann. Nein, nicht göttergleich, aber kaisergleich schon. Und als Staatspräsident allemal. Wenn auch als vergangener. Aber was macht das schon?

Den Zeigefinger vibrierend erhoben. Rechte Hand, dann linke Hand. Pause zwischen den Sätzen – und steigende Spannung im Publikum. Pause zwischen den wesentlichen Schlussfolgerungen – und steigende Spannung im Publikum. Lächeln im Gesicht, das sekundenschnell zerfallen konnte. Bohrender Finger zur rechten Seite und zur linken Seite. Pause. Schlussfolgerung. Nicken nach der Wirkung im Publikum. Wie selbstverständlich nach größerem Beifall, wenn man sich aussuchen konnte, ob er dem Publikum dankte oder sich selbst zunickte. Pause. Vorgereckter Arm und mit zusammengeführtem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand: kurz vor dem Abschluss einer Pointe. Dann die donnernde Schlussfolgerung. Messerscharf die Aussage und am Ende ein nickender Kopf. Pause. Beifall. Aufgereckter Oberkörper des kleinen Mannes und energisches Zusammenrücken des Anzug-Revers in der Mitte der Brust. So, das saß! Ich erinnerte mich spontan an die Westernfilme in meiner Jugendzeit: Wenn sich der Held nach einem Duell den Stetson wieder aufsetzte oder den Sheriffstern gerade rückte…

Nachtrag von Sarkozy mit der linken Hand mit dem zusammengeführten Daumen und dem Mittelfinger.  Zerfurchte Stirn. Immer wieder die Stirn mit schweren Querfalten. Ein gedankenschwer lächelndes Gesicht, das immer wieder in Sekundenbruchteilen nach unten fiel. Ohne lächelnde Augen, wie sich auf den 3 überlebensgroßen Bildschirmen beobachten ließ.  Ausgebreitete Arme und Hände. Zeigefinger spitz nach oben rechts. Zeigefinger spitz nach oben links. Vibrierend. Oder auch zitternd? Und manchmal ein demonstratives Rollen der Augen, die die Antwort auf eine selbstgestellte Frage gaben – ohne die dazugehörenden Worte sprechen zu müssen. Huldvolles Entgegennehmen des aufbrandenden Beifalls am Ende. Nicken. Zuwinken. Lächelndes Gesicht – ohne die Augen. Nicken. Mächtiger Beifall.

Nach der Verabschiedung ein kurzes Drücken einiger Mitkämpen. Kleiner Gunstbeweis. Natürlich nicht bei allen. Dann schneller Schritt vom Podium und aus dem Saal.

Danach musste einfach Pause sein. Darüber musste man einfach reden können…

Kommentar eines Kollegen in der Pause im Foyer: „Eindrucksvoll! Sehr eindrucksvoll. Hm: Reden kann er ja. Aber irgendwie klang es auch ziemlich bedrohlich…!“

Gedanken danach

Es war ein fulminanter Auftritt von Herrn Sarkozy auf deutscher Bühne in Berlin. Große Gedanken. Große Gefühle. Große Gesten. Er beherrschte die Bühne. Nein, falsch: Sarkozy war nicht der Hauptdarsteller eines Stückes von geradezu Shakespeare-haftem Format. Nein, Sarkozy war mehr: Er war Autor und Schauspieler. Geradezu die Bühne selbst.

Der Abend klang aus mit einer beeindruckenden Angela Merkel. Dauer der Rede: etwa 45 Minuten. Weitestgehend freisprechend, locker, entspannt.  Ohne die merkelsche Grundgeste, mit der sie das nonverbale Alphabet der Selbstpräsentation bereichert hat: Schiffsbugartige Haltung der Hände vor dem Bauch. Lebhafter fachkundiger Überblick. Differenzierte Darstellung verschiedenster Themen. Eine bürgerlich-mächtige Souveränin eigener Art.

Das Publikum: Rauschender Beifall. Standing Ovations! Zum Abschluss noch die Nationalhymne. Gänsehaut-Atmosphäre. Was wollte man mehr?

Was ich als Psychologe dazu sage

Nichts gegen sachliche Argumente und einen guten Intellekt. Nichts gegen Vernunft und Logik, aber die überzeugen die eh schon Überzeugten. Aber sie bewegen nicht das, was Emotionen auslösen können: Der Mensch wird nicht von Rationalität und Abstraktion regiert, sondern primär von Leidenschaften. Das wussten wir schon. Aber es ist jedes Mal aufs Neue bewegend, wenn Personen, Emotionen und Persönlichkeiten im Spiel sind. Wenn eine menschliche Begegnung zündet. Nur die Leidenschaft reißt mit, nicht das artige Vermeiden von Fehlern!

 

 



Link/s zum Artikel:
Homepage CDU Wirtschaftsrat










TOP SCHLAGWÖRTER