BLOGBEITRAG



6 Digitalisierung im Bett?

Man kann ja an vielen Stellen nachdenken über die Digitalisierung, über ihre Chancen und ihre Risiken. Sie verändert ja nicht nur die Arbeit (siehe Industrie 4.0), sondern das ganze Leben auf diesem Planeten. Auch das Intimleben.

Die Firma Uber hat es in kürzester Zeit zu einem beachtlichen Milliarden-Unternehmen gebracht. Mit der offenen Kannibalisierung der Taxi-Unternehmen weltweit. Aber so ganz nebenbei hat Uber auch einen Beitrag zum Verschwinden der Privatsphäre geleistet. Aus den Daten der Bestellanrufe und der getätigten Fahrten konnte Uber ein spezifisches Nutzungsprofil isolieren. Bestellungen nach 22.00 h abends mit Rückkehr bis 4.00 h morgens in einem engen Umkreis der Wohnenden haben es in sich: Es handelt sich offenbar um Menschen, die der Neigung des One-Night-Stands nachgehen.

Noch im letzten Jahrhundert hätte man das als Privatsache oder als erregende Heimlichkeit behandelt, die den einen gelegentliche Lust, den anderen gelegentliche Last bereiten konnte. Dank Uber erhalten wir jetzt Aufklärung über die zahlenmäßige Verbreitung dieser menschlichen Gewohnheit. Anscheinend wird dies nicht als Eingriff in die Verschwiegenheit der Intimsphäre gewertet, sondern vermutlich als Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung menschlicher Evolutionsbedingungen.

Von der Digitalisierung des Intimen: Liebesleben 2.0

Eine direkt anschlussfähige Innovation hat nun ein galicischer Matratzen-Hersteller auf den Markt gebracht. Die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Nr. 88 vom 16./17. April meldete: Die „smarte Matratze“, erlaubt dem abwesenden Hauptliebespartner mit Hilfe einer App von jedem Punkt der Erde digitale Daten abzufragen. Dem Eifersüchtigen oder Misstrauischen, wie dem lustvollen Voyeur gelingt es so, unerhört verräterische Gewichts- und Bewegungsvorgänge gemeldet zu bekommen. Wenn die erhobenen Lust-, Last- bzw. Bewegungsprofile nicht dem Gewohnheitsprofil Alleinschlafender oder dem Normalprofil des abwesenden Partners entsprechen, ist die Sache ziemlich klar. Der Hersteller lässt dazu wissen, dass die Sensoren nur in Federkernmatratzen, nicht aber in Wasserbetten eingelassenen werden können. Allerdings verfügen sie über eine bemerkenswerte Sensibilität zur Unterscheidung verschiedener Bewegungs- und Belastungsprofile, je nachdem, welche Vergleichsdaten vorher eingespeist wurden.

Der Hersteller versteht das angeblich als praktischen Beitrag zur Abwehr internetbedingter Verschärfungen der wachsenden sexuellen Freizügigkeit. Bei den Spaniern soll sie schon zu einer Seitensprungzahl von 2,3 im Jahresschnitt geführt haben.

Wie berichtet wird, liegen mit dieser Innovation bereits entsprechende praktisch-technische Erfahrungen vor. Über mögliche interaktionelle Interferenzen als Folgeschäden des vertieften Wissens gibt es keine verbürgten psychologischen Kenntnisse. Auch die Auswirkungen dieser Neuerung auf die Wirtschaftlichkeit der internetbasierten Paarship-Agenturen scheinen noch nicht aufgeklärt zu sein. Es gibt also noch viel zu untersuchen.

Hier stellt der Psychologe natürlich Fragen nach dem sich in der Zukunft entwickelnden Liebesverständnis der Menschen. Der Soziologe fragt nach den gesellschaftlichen Auswirkungen dieser neuen Transparenz des Liebeslebens. Und der Managementberater fragt sich, wie sich die „smarte Matratze“ wohl verkaufen lässt. Sind die Zielgruppe nur eifersüchtige Männer und Frauen oder gibt es noch andere Interessenten, denen der Entdeckungsreiz besondere Erregung verschafft?

Die „Bild“-Zeitung zumindest macht sich in der gewohnten Vertiefung ganz besondere Gedanken und berichtet am 21.4.2016 auf der ersten Seite von einer Warnung der Bundesregierung in Berlin: „Mehr Sex-Krankheiten wegen Dating-Portalen!“ Der Hintergrund: „Die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke verändern und erleichtern die Kontaktaufnahme…Dies hat Einfluss auf das Sexualverhalten.“

Diesen Kommentar wird man sich merken müssen. Denn die offene Frage ist doch jetzt: Ist das besser oder schlechter für den Hersteller aus Galicien?













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