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3 Die neue Empfindlichkeit:
„trigger warnings“ and „microaggressions“

Amerikanische Universitäten sind wieder einmal vorne dran. Zweifelhaft diesmal, ob das so gut ist. Im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres tauchten sie verstärkt auf: „trigger warnings“ und „micoraggressions“.

Nina Rehfeld hat in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG vom 27. März 2016 einen lesenswerten Bericht geschrieben.

„Trigger warnings“ stehen für eine neue intellektuelle und emotionale Dünnhäutigkeit an amerikanischen Hochschulen, die zu befremdlichen Reaktionen führt, die man beobachten sollte. Betroffen war 2014 z.B. schon das Wellesley College nahe Boston wegen eines Kunstwerkes. Und im Mai 2015 war die Columbia University in New York wegen Texten des alten Lateiners Ovid Schauplatz des Themas. Aber auch in Harvard, an der Rutgers University in New Jersey, an der University of California in Santa Barbara der George Washington University und anderen Hochschulen zeigen sich die seltsamen neuen Blüten.

In Harvard verlangten Juristen, nicht an Vorlesungen und Seminaren zum Tatbestand der Vergewaltigung teilnehmen zu müssen, um sich nicht mit traumatisierenden Informationen zu belasten. Ursprünglich sollte mit diesem Vorgehen Opfern von Vergewaltigungen oder auch ehemaligen Soldaten geholfen werden, einem posttraumatischen Stress durch Vermeidung auszuweichen. Die zum Konzept geronnene Einstellung soll aber in der Zwischenzeit anscheinend grundsätzlich dazu beitragen, junge Menschen vor den unterschiedlichsten unangenehmen oder vielleicht verstörenden Inhalten zu schützen.

Am Wellesley College ging es konkret darum, dass Studierende gegen eine Plastik des Künstlers David Mattelli protestierten: Sie hatten sich durch die Darstellung eines Mannes in Unterhose und Schlafwandler-Haltung zu Gedanken an sexuelle Übergriffen provoziert gefühlt. An Ovids Texten wurde an der Columbia University moniert, dass sie wegen der antiken Erzählung über sozialen Ausschluss und Unterdrückung für Menschen dunkler Hautfarbe oder Studierende aus bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen „schwierig zu lesen“ seien. Die Beschwerde an der Rutgers University bezog sich auf F. Scott Fitzgeralds Opus „Der große Gatsby“. Der vorbereitete Entwurf der diesbezüglichen Warnung lautete: „TW: Selbstmord, häusliche Gewalt, anschauliche Gewaltdarstellungen“ (N.R.)

Wie? Warnung vor alter Literatur? Praktischer Seelenschutz vor der konkreten eigenen Erfahrung?

Aber „trigger warnings“ ist nicht das einzige Vermeidungs-Zeichen der neuen Empfindlichkeit im Unibereich. Auch die andere Variante der neuen Empfindlichkeit, die sogenannten „Mikroaggressionen“, haben es in sich. Gemeint sind schon solche als aggressiv empfundenen Fragen, wie sie z.B. asiatischen Studis gestellt wurden und die möglicherweise mit bestimmten Stereotypen assoziiert werden könnten: „Müsstest Du nicht gut in Mathe sein?“, vor allem, wenn sie im Zusammenhang mit der Feststellung fallen: „Du bist mein Lieblingsasiate.“ Die Hersteller der entsprechenden Kunstinstallation an der Brandeis University, die eigentlich kritisch aufklärerisch wirkend wollten, mussten sich den Vorwurf der Mikroaggression gefallen lassen und sich entschuldigen.

War die Reaktion in den USA anfangs noch amüsiert und nachsichtig, so lösten die Empfindlichkeits-Überreaktionen in der amerikanischen Öffentlichkeit allmählich eine andere Betrachtung aus. Die „Time“ konterte auf die in ihrer Sicht überempfindliche – weil überbehütete – Generation mit der Aufforderung: „Werdet endlich erwachsen!“

Der Psychologe Prof. Jonathan Haidt und der Jurist Greg Lukianoff veröffentlichten im Wochenmagazin „The Atlantic“ im September 2015 schließlich eine Titelstory dazu. Tenor: Das Konzept über die zu vermeidenden „Verstörungen“ sei eine Ausweitung des Konzepts der „political correctness“. Was mit Blick auf die Geschichte Amerikas berechtigt sei bezüglich der Sklaverei und des Rassismus, das aber sei mit Blick auf die Auseinandersetzung mit intellektuellen Inhalten das falsche Vorgehen und für die intellektuelle Auseinandersetzung an Hochschulen übertrieben. Hier aber stünde lediglich der Schutz vor emotionalen Unbehaglichkeiten im Vordergrund. Universitäten aber sollten Orte der intellektuellen Auseinandersetzung und keine „sicheren Zonen“ sein, die die kritische Auseinandersetzung verhindern. Gemeint war offenbar das Ziel, die Möglichkeit zur geistigen und emotionalen Reifung junger Leute zu erhalten.

Haidt führt das Phänomen auf die Erziehungspraktiken seit den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zurück, auf die (damals) kleiner werdenden Familien und die hohe Kriminalitätsrate in den USA. Und die Heranwachsenden trügen nun das implantierte Sicherheitsverlangen ihrer Eltern weiter in ihre neue Umgebung hinein. Haidt verweist auch auf die verhaltenstherapeutische Grunderfahrung, dass sich Ängste, speziell Phobien, besser durch eine systematische Art der Annäherung bewältigen lassen als durch konsequente Vermeidung. Man weiß es ja seit vielen Jahrzehnten: Vermeidungsverhalten stabilisiert die Ängste!

Schließlich spricht Nina Rehfeldt, Journalistin, die Geschichte der Yale-Dozentin Erika Christakis und ihres Mannes Nikolas Christakis an. Erika hatte ihr Amt aus Protest gegen die Politik der Vorwärts-Vermeidung ihrer Uni (Yale) niedergelegt und eine kritische Mail geschrieben. Im Disput ihres Ehemannes mit Studierenden über die Mail seiner Frau, der auf einem Handy-Video aufgenommen wurde, ist zu hören, wie eine Studentin den Dozenten anschrie: „Sie verdienen es nicht, nachts zu schlafen. Sie sind ekelhaft!“ Nikolas „hatte auf die Vorhaltung, die E-Mail unterminiere eine sichere Atmosphäre auf dem Campus, nur gesagt: 'Ich stimme Ihnen nicht zu.' (N.R.)“

Nach Haidts Meinung gehe hier nicht einfach eine gut gemeinte Idee im Laufe der Zeit in die Irre. Vielmehr betont er, dass es sich nach seiner Auffassung klar um ein politisches Statement handele. Frau R. zitiert aus einem Gespräch mit Haidt: „Es geht darum, die Haltung und Vorstellungen des Gegners nicht nur als falsch, sondern als gefährlich darzustellen, als so gefährlich, dass niemand ihnen ausgesetzt werden sollte.“ (N.R.)

Sogar der Präsident der USA, Barack Obama ging im vergangenen September vor Oberschülern auf das brisant werdende Thema ein. N.R. zitiert Obama: „Sie sollten in der Lage sein, mit jemandem eine Diskussion zu führen, dessen Meinung Sie nicht teilen, anstatt zu sagen: Sie können nicht herkommen, weil ich zu empfindlich bin, um zu hören, was Sie zu sagen haben.“ Unabhängig davon, dass bei diesem übersetzten Zitat unklar bleibt, wer mit dem Wörtchen „ich“ gemeint war, der Präsident oder ein fiktiver Studierender, geht Haidt noch einen Schritt weiter und sagt: Wir müssen uns eigentlich nur noch vergegenwärtigen, dass wir uns in Amerika dem Prinzip der Vielfalt verschrieben haben. Wir müssen uns eigentlich nur noch vergegenwärtigen, dass Meinungsvielfalt die womöglich wichtigste ist. Sie ist unser drängendstes Problem – nicht Ethnie, nicht Geschlecht, sondern politische Vielfalt und die Vielfalt der Standpunkte.“ (N.R.)

Obama hat recht. Wobei nicht zu vergessen ist, dass er ja schon viel Gutes gesagt hat – auch wenn sein Schicksal ist, dass er viel sagen kann, ohne dass viel passiert! Aber so ist das nun im glorreichen Amerika, in dem die beiden politischen Lager ja mit Kräften dabei sind, das amerikanische System lahmzulegen. Widersprüchliche Positionen haben in Amerika doch eine lange Tradition, siehe Freiheitrechte des Individuums auf der einen Seite – und das Schicksal der Indianer und der Schwarzen auf der anderen Seite. Guantanamo, Irak und Syrien auf der einen Seite - und irrwitzige Entschädigungssummen für Beleidigungen oder gewonnene Rechtsstreitigkeiten auf der anderen Seite.

Ich könnte der Position des Psychologie-Professors Haidt einfach zustimmen, wenn es nicht noch andere Assoziationen in meinem Kopf gäbe: Wir beobachten die neue Empfindsamkeit in einem Kernstaat des Westens. Wir sprachen bisher von Ereignissen in Amerika. Kommt diese Welle mit Verspätung auch zu uns? Oder ist sie schon da? Gibt es Beispiele zu beobachten aus Deutschland oder anderen europäischen Ländern? Immerhin setzen wir uns schon mit dem Thema der Achtsamkeit auseinander, nicht nur unter Esoterikern, sondern auch im „Handelsblatt“ – einem unserer mentalen Vorsänger für Manager und Politiker?

Eine selbstkritische Reflexion führt auf den Punkt: Welche Werte und Prioritäten leben wir als Eltern unseren Kindern vor? Welche Zukunft bereiten wir damit für unsere Kinder? Oder: Welche Zukunft bereitet unsere Nachfolgegeneration?

Halten wir bald keine normalen und zum Leben gehörenden intellektuellen und emotionalen Auseinandersetzungen mehr aus? Wo ist die Grenze: bei Böhmermanns bösen Überschreitungen der Satire-Grenzen oder bald schon bei den mimosenhaften Reaktionen unserer Studies?

Ich höre schon die Antworten: Da mischt jemand Dinge durcheinander, die gar nichts miteinander zu tun haben! Vergessen Sie nicht, Herr Böning: „Schwarzseher und Warner werden nicht gerne gehört! Man muss die Lage ganz anders sehen. Sie ist doch viel positiver! Zumindest bei uns…“

Ehrlich gesagt: Solche Antworten kommen mir genauso einfach und realistisch vor wie die Reaktionen von Fußballern, die noch im schon verlorenen Abstiegskampf ihres Vereins ins Mikro des Fernsehinterviewers sagen: Wir werden das nächste Spiel gewinnen!

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Tag!













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