BLOGBEITRAG



16 Der Brexit:
Werden wir von Politikern, von Spielern oder von Ver-Rückten regiert?

Man wusste es lange nicht ganz genau – und wollte es nach der Entscheidung kaum glauben, dass die Briten aus der EU aussteigen würden. Jetzt aber ist es so weit und die Lage stellt sich wie in einem Tollhaus dar:

Die Brexit-Befürworter, die schnell die EU verlassen wollten, haben jetzt keine Eile mehr, den Austritts-Antrag zu stellen. Die von Nigel Farage angekündigten 350 Millionen Pfund, die wöchentlich in die EU transferiert würden, werden nach dessen eigener Erklärung wohl nicht wie angekündigt in das Gesundheitswesen fließen. Boris Johnson, ein alter Studienkollege von David Cameron und das Gesicht der Leave-Kampagne, wird sich nach der gewonnenen Schlacht eingestandenermaßen nicht der Wahl zum Premier-Minister stellen. Er macht vielmehr den Platz frei – vielleicht für Michael Gove, der als Justizminister offen unter Cameron arbeitete und jetzt sowohl Cameron als auch Johnson, die er ebenfalls aus Studienzeiten in Oxford kennt, durch Tricks aus dem Rennen warf. Gove hatte vor gar nicht langer Zeit offen erklärt, dass er für dieses Amt nicht kandidieren würde. Jetzt – also nach knapp mehr als einer Woche nach der Brexit Entscheidung – ist zu hören und zu lesen, dass es nun drei - fünf Kandidaten bei den Torys gibt: am aussichtsreichsten scheint Theresa May zu sein, die Innenministerin im Kabinett Cameron.  Auch nicht schlecht für eine traditionsreiche britische Partei, der man als Regierungspartei ein klein wenig strategische Langfristigkeit wünschen würde. Aber für die diesbezüglichen Zweifel hat ja schon Cameron selbst gesorgt, der sich schlichtweg mit seiner „Remain“-Wette verzockt hat. Na ja, kann ja mal passieren bei Profis, die Dauerwetter auf die Zukunft sind… Dass aber die Namen Brutus für Gove und Eiskönigin für May in der Öffentlichkeit zirkulieren, verspricht noch großes Theater, vielleicht aber auch einen großen Katzenjammer…

Was ich als Psychologe dazu sage

Dass Laien, die nicht viel Ahnung vom Ballett haben, aufgrund einer intuitiven Einschätzung oftmals besser liegen als die Experten (aber nicht immer), hat schon Gerd Gigerenzer mit seinen psychologischen Forschungen eindrucksvoll bewiesen. Was soll man also davon halten, wenn ein Finanzexperte schätzt, dass die Folgen des Brexit allein nach den ersten Tagen etwa 5 Billionen Dollar weltweit ausgemacht haben dürften: wegen der Aktienverluste unmittelbar nach Bekanntwerden der Ergebnisse. Zu hoch oder zu niedrig geschätzt? Ist ja fast egal. Ist ja eine Schätzung. Wer rechnet denn schon wirklich sofort seine Verluste nach, die er gar nicht sehen will? Außerdem: Die Briten sind ja große Verzichte gewöhnt, ob sich das auf Geld bezieht oder eine CO-Leadership-Rolle in Europa, auf die Rolle einer führenden Kolonialmacht, auf den neuen wirtschaftlichen Wohlstand im Lande, auf Investitionen und Arbeitsplätze, auf Firmen und auf die führende Rolle als Finanzplatz der Welt usw. Am eindrucksvollsten aber war ja schon die Rolle der Briten als Selbstvernichter im Rahmen eines gemeinsamen Theater-Stückes mit den Amerikanern, mit denen sie das Drehbuch für das Stück „Weltfinanzkrise“ geschrieben haben. Jetzt haben sie als United Kingdom alleine die Selbstzerstörung ihres Königsreiches inszeniert und das Stück mit einem Erschauern ganz Europas garniert: In diesem Lehrstück wird gezeigt, wie man sich gleichzeitig selbst um die eigene persönliche Glaubwürdigkeit von Repräsentanten einer Gesellschaft, also hier der Kaste der Politiker, dazu außerdem des ganzen Landes, also UK, bringen kann - und dabei so ganz nebenbei alle Völker und Länder  Europas mit in den Schlamassel ziehen kann.

Dann muss man in einer systemischen Betrachtung auch bedenken, ob sich die Österreicher vielleicht mit Hilfe der FPÖ mit den Briten abgestimmt haben, als sie bei ihrem Klamaukstück um die Position des Bundespräsidenten nicht nur die Glaubwürdigkeit der staatstragenden Parteien SPÖ und ÖVP (mit den Grünen auf jeder Schulter) infrage stellten, sondern sogar das Kunstwerk fertigbrachten, mit der Zeitgleichheit der beiden Stücke Politiker in ganz Europa der Lächerlichkeit preisgegeben zu haben. Es ist ja fast so wie bei Molière: Dummheit schützt vor Lächerlichkeit nicht.  Immerhin haben sie mit ihrer Variante des aktuellen Bestsellers „Alle Macht den Regionen“, dem Sehnsuchtsstück aller gegenwärtigen Rechtspopulisten, mitgeschrieben, das diese ermutigen wird, mit dem Versuch fortzufahren, Europa um mindestens 100 Jahre zurückzuwerfen.

Nur eine Frage ist in diesem Tragödienstück Shakespearschen Ausmaßes noch offen: Spielten denn nun allein die sogenannten „Eliten“ die Hauptrolle in dem Horrorstück oder vielleicht nur die „Medien“ oder doch das ganze sogenannte „Volk“?  In einer Demokratie ist ihm ja eine gewisse Weisheit zugedacht – woran wohl nicht erst heute mit den allergrößten Bedenken gezweifelt werden muss.

Fazit

Muss man jetzt an der Demokratie als Staatsform verzweifeln? Natürlich nicht: Man hätte es schon längst tun müssen! Dass wir es nicht getan haben, hat uns allerdings vor einer Depression gerettet! Und die Eliten Europas (nicht nur die Politiker) hat es in jedem Fall vor einer Einsicht bewahrt: dass nämlich die Eliten dabei sind, ihre Völker zu verlieren…

Falls Sie den Eindruck haben, in meinen Ausführungen läge wenigstens die pure Ironie oder schlimmstenfalls die pure Traurigkeit über diese absurde Entwicklung, dann haben Sie recht! Vermutlich wird es viele Menschen geben, die das Ganze einfach überhaupt nicht glauben werden, da sich Träume nur schwer von der Realität unterscheiden lassen. Erst wenn sie ihre Beulen sehen werden, werden sie glauben können, dass es nun leider zu spät ist. Und erst die Zukunft wird zeigen, ob es die Beulen nach einem Kopfstoß sind oder schlicht die Zeichen der Pest.

Aber eines sollten wir nicht tun: Einfach zur Tagesordnung übergehen! Und dabei ist es egal, ob Sie sich aus purem Zukunftsoptimismus oder aus einem handlungsorientierten Pessimismus beteiligen. Und wenn möglich nicht an bloßen Debatten, sondern an konkreten Aktionen!













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