BLOGBEITRAG



25 Der beleidigte Mensch:
Von den „trigger warnings“ einer neuen Generation

Bleibt in einer Welt mit schwindender Klarheit von Orientierungen, von Überkomplexität und extrem schnellen Veränderungen nur noch das eigene Gefühl als anerkannter Maßstab?

DIE ZEIT vom 6.10.2016 hat wieder einmal ein Gegenwarts-Thema aufs Titelblatt gebracht: „Die Macht der Beleidigten“ (siehe auch meinen Blog vom 29.08.2016)

Vor den „trigger warnings“ an amerikanischen Universitäten scheint kein Thema mehr sicher zu sein. Von antiken Frauenschilderungen, von Flüchtlingsdebatten, Schwulen-Themen bis zum beleidigten Islam reicht offenbar die Palette der Erscheinungen: Hochschullehrer in den USA müssen ihre Theorien, Ausführungen und Unterlagen mit einem Warnhinweis versehen, dass durch die mitgeteilten Inhalte die Gefühle von irgendjemandem verletzt werden könnten.

Das schwappt nun auch auf Europa und Deutschland über. Auch hier machen Hochschullehrer die kritische Erfahrung, dass nicht einfach ihre eigene Meinung das Entscheidende ist, sondern die bloße Erwähnung von Tatsachen reicht, dass sich ein Angehöriger eines betroffenen Kollektivs verletzt fühlt oder fühlen könnte. Dies können schwule Studenten sein, heutige Nachfahren von Indianern, gläubige Muslime z.B. oder afroamerikanische Studenten, die sich Umstände der Sklavenbefreiung anhören („müssen“). Von dem britischen Althistoriker Robin Lane Fox wird berichtet, dass dessen Vorlesungs-Erwähnung der prekären Situation der Frauen in der Antike zu heftigen Protesten führte. Oder von dem Soziologen Ruud Koopmans in Berlin, der die „Statistik zur Integrationsfähigkeit von Zuwanderern“ analysiert hatte – und einen Shitstorms erntete, wie Jens Jessen in „Warum sich heute so viele Menschen gekränkt zeigen“ berichtet (DIE ZEIT, 6.10.2016, S. 41). Die blitzartig auftretenden Shitstorms im Netz können zu bedrückenden Bedrohungen für jene werden, die anders denken als die, die sich in der dunklen Anonymität des Netzes gekränkt fühlen und massenhaft zurückschlagen. Die Kommentare selbst sind oft nicht nur beleidigend, sondern reichen über Hassäußerungen bis zur Morddrohung, zu der die Gekränkten sich berechtigt fühlen – wie Politiker zahlreich berichten. Der Eindruck ist: Nicht die persönlichen Meinungsäußerungen sind es immer, sondern die bloße Erwähnung von Fakten gilt als beleidigend oder verletzend.

Was ich als Psychologe dazu sage

Der Artikel in der ZEIT von Jens Jessen bezieht sich interessanterweise nicht auf den Bereich der Außenpolitik und die Tatsache, dass sich im Nahen Osten, in Afrika, Südamerika und Asien ganze Staaten und ihre Ethnien mordend zerlegen, sondern verbleibt explizit bei dem innerstaatlichen Phänomen der beleidigten Einzelgruppen und ihrem Kampf um Beachtung, Anerkennung und ihre schier endlose emotionale Wiedergutmachungsforderung.

Meine psychologische Perspektive ist: Der demokratische Gesellschaftsrahmen, die politische Freiheit, die wir genießen, die kaum beherrschbare Komplexität des heutigen Lebens, die Vielfältigkeit von Werten und Lebensformen, der Wegfall von weithin gültigen Normen und Maßstäben, schlicht die Pluralität der heutigen Lebensmöglichkeiten im wohlstandsübersättigten Westen führt zu neuen Empfindsamkeiten und zu archaischen Reaktionen gleichzeitig. Die sich verabsolutierende Fokussierung auf das Individuum, seine eigene Entscheidung, seine persönliche Wertehaltung, seine Authentizität und seine persönlichen Gefühle öffnen die Tür für endlose Empfindlichkeiten, Verletzungen und Beschwerden einerseits, aber auch für egoistische Interessen und Machtbedürfnisse andererseits, die sich primär im Universum der eigenen Weltsicht bewegen. „Meine Welt ist d i e Welt. Meine Wünsche gelten für alle Menschen, weil sie für mich gelten. Wie ich die Welt sehe, das ist wertvoller und wichtiger, als das, was die anderen sehen. Mich und meine Welt nicht zu berücksichtigen, heißt, die Welt auf dem Weg in die Hölle zu lassen. Keinesfalls aber in das Paradies! Schuld tragt ihr auf Euren Schultern. Und mindestens ein schlechtes Gewissen müsst Ihr haben!“

Es ist sozusagen eine umgekehrte Jesus-Version. „Nicht durch ihn wird die Welt errettet, sondern durch mich, das gekränkte Individuum. Wenn Ihr mich errettet aus Eurer Schuld, dann wird Euch zeitweilig vergeben! Bis ich mich wieder schlecht fühle…!“

Wer das für eine unverschämte Beleidigung hält, für blanken Zynismus oder für eine rohe menschenverachtende Äußerung, der sollte sich mit den Empfindsamkeiten von Kindern beschäftigen. Er sollte sich vor allem mit den fantasiegesättigten und manchmal auch überbordenden Emotionen, den Empfindlichkeiten und Ängsten von Kindern beschäftigen, die sicherlich beschützt werden müssen. Aber ist das eine reife, erwachsene Position, die mit den Realitäten des Lebens umgehen kann?

Mir scheint, es handelt sich bei den angesprochenen Problemabläufen um eine selbstgerechte Regression, bei der das gefühlte Opfer selbst zum Täter wird.

Es gibt kein Naturrecht, das zu jeder Forderung berechtigt, auch wenn es um das verständliche Bedürfnis nach Beachtung, Zuwendung, Berücksichtigung oder Anerkennung geht. Empathie und Rücksichtnahme: Ja! Aber Dauerleid und Dauerklage oder auch Dauerbestrafung? Nein! Die Form des gekränkten Gefühls, das sich schon bei der Darstellung von Sachverhalten äußert und nicht einmal mit der echten Position des Sprechers in Verbindung stehen muss, ist kommunikativ die Figur eines sozialen Machtanspruches gegen eine gefühlte Zurücksetzung, der die eigenen Emotionen, Perspektiven und Wertungen ins Absolute setzt.

Bleibt in einer Welt mit schwindender Klarheit von Orientierungen, von Überkomplexität und extrem schnellen Veränderungen nur noch das eigene Gefühl als anerkannter Maßstab?

Es sind ja unsere Kinder, die sich als Kinder in der Masse als Macht verhalten. Wir – die Erwachsenen – sind es ja, die diese Welt geschaffen haben. Müssen wir – neben vielen neuen Maßstäben, die wir schaffen müssen – nicht auch das Erwachsenwerden neu definieren?!













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