BLOGBEITRAG



1 Das Bild. Die Bilder. Zur Flüchtlingskrise

Trainingsrunde-Nordic Walking im Frankfurter Osthafen, kurz hinter der EZB: das Bild! Das mit dem Jungen. Das aufgedunsene Gesicht. Der rote Pullover. Die blaue Hose. Ein meterlanges und meterhohes Mauer-Bild am Main-Ufer.

Frankfurt am Main im März 2016

Eine scheinbar friedliche Szene: Ein schlafender Junge am Strand. Das Gesicht uns zugewendet. Wenn da doch das Wasser nicht wäre. Das Wasser, das sich vor seinem Kopf kräuselt. Und wenn da nicht das Meer wäre, das endlose Meer. Er ist tot. Angespült von den sanften Wellen. Schock!

Das Bild kannte ich aus dem Fernsehen, aus den Zeitungen, aus Gesprächen. Ein Sinnbild der Tragödie, die sich kaum erträglich nun schon lange an Europas Küsten abspielt: Ertrinkende Flüchtlinge. Männer, Frauen, Kinder, Alleinstehende, Paare, Familien. Das tote Kind. Das Bild des Helfers, der ihn auf seinen Armen davonträgt …

Die Zeit scheint stillzustehen. Das Bild hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Es ist da und füllt mich aus. Stille. Eine fast unendliche Traurigkeit füllt mich aus.

Wie kann man da weitergehen?

 

Köln. Silvesternacht 2015/2016

Die Videobilder, die immer wieder durch die Nachrichten gehen. Der Vorplatz vor dem Kölner Dom. Jugendliche. Leuchtfeuer und zuckende Raketen. Menschengruppen. Und davor der anscheinend kreisende Polizeiwagen. Unklar. Ein irgendwie bedrohliches Durcheinander. Dann immer wieder die Kommentare der Nachrichtensprecher: Berichte von Übergriffen… Einzelne Fälle von Übergriffen auf Frauen… Anscheinend Gruppen von Ausländern unbekannter Herkunft… Flüchtlinge?... Nordafrikaner?...

Später die sich verdichtenden Informationen: Viele Übergriffe auf junge Frauen durch Gruppen von Ausländern. Diebstähle von Handys. Sexuelle Übergriffe, die in den durchdringenden Polizeiberichten immer konkreter werden. Offenbar organisierte Kriminalität und Einbruch einer anderen Kultur in die unsere. Verschwiemelte Polizeiberichte, in denen die Herkunft der Täter verschwiegen wird. Political Correctness angesichts einer Bedrohung!

 

Bildzeitung.

Erste Seite Aufmacher oben: Ein nebliges Bild. Ein langer Flüchtlingsstrom von links nach rechts. Kleine Menschen ohne Gesichter, mehr Gestalten als Menschen. Eine trostlos erscheinende Wahrheit.

 

Und am 17. März 2016 in „Die ZEIT“ im Abschnitt „Wissen“ weitere Bilder und die Frage:

„Was machen diese Bilder mit uns?“

Darunter die Unterüberschrift: „Fremde fliehen nach Deutschland – und sorgen in unserem erstarrten Alltag für Verunsicherung. Ein Gespräch mit dem Psychoanalytiker Matthias Wellershoff…“
Gut, dass aus dem Kreis der Seelenbearbeiter sich einmal jemand traut, aus seiner professionellen Sicht Stellung zu beziehen und sich in die Debatte einzumischen! Schade, dass er lediglich eine verdreht anmutende psychoanalytische Konstruktion einspielt, die bei allem persönlichen Engagement wie eine fast lebensfremde künstliche Interpretation aus individualistischer Theoriesicht eines denkenden Intellektuellen anmutet: Die Flüchtlinge beunruhigen uns, weil wir uns aus einem erstarrten Alltag durch die Anwesenheit der Flüchtlinge aufgestört fühlen! Wie bitte?

Dieser kleine Komfort-Schlenker der Seele soll die ablehnende Antwort auf das bedrückende Leid der Flüchtlinge erklären? Nicht unsere geradezu archaische Angst vor den Fremden überhaupt, die Gesellschaften zu allen Zeiten regelmäßig produzieren? Nicht die Angst vor dem sozialen und materiellen Abstieg, die gerade die unteren sozialen Schichten und die untere Mittelschicht in Deutschland und Europa seit der Weltfinanzkrise immer stärker erfassen? Was aus den Wahlanalysen der vergangenen Monate und Wochen bestätigend herausdestilliert wurde und was die Osteuropäer uns in ihren Wahlen seit Jahren schon vormachen? Nicht das bestürzende Mitgefühl und der aufopfernde Einsatz von unzähligen Flüchtlingshelfern, die vielleicht in ähnlicher Zahl den Neuankömmlingen geholfen haben wie es Leute gibt, die AfD wählen und mit rechtpopulistischem Furor gegen die Neuen sind, unter denen „doch auch Wirtschaftsflüchtlinge und Kriminelle“ sind: „Oder glauben Sie vielleicht, das sind alles Akademiker und erfolgreiche Unternehmer?“!

Wie ver-rückt sind wir eigentlich, dass wir auf das Leid von Millionen Kriegsflüchtlingen, deren Land seit etwa fünf Jahren zerbombt und unbewohnbar gemacht wird, mit dem Argument einer „Obergrenze“ reagieren? War ihre Flucht als eine der möglichen Reaktionen auf das täglich erlebte Schlachtfeld nicht als eine der Reaktionsmöglichkeiten absehbar? Wo waren die Szenarien und Strategien, was passieren würde und passieren sollte? Welche rechtzeitigen Signale haben die Geheimdienste gesendet? Was haben sie denn beobachtet und analysiert? Auf welche möglichen Szenarien wurde unser Land vorbereitet? Welche Pläne wurden für Europa aufgestellt? Kam denn die Flüchtlingskrise völlig unvorbereitet über Nacht? Und jetzt wird die Diskussion beherrscht von einer Auseinandersetzung über die Frage: Obergrenze oder nicht? Und einige osteuropäische Staaten, denen die EU vor Jahren selbst auf die Beine geholfen hat, installieren Stacheldraht-Zäune in Europa, fangen Mütter und Väter mit Kindern auf dem Arm an den Grenzen ab, die vor einem Vierteljahrhundert die Verkehrsfreiheit für Europa einläutete? Für ein freies Europa! Und wir, wir hier in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, scheitern an dem Versprechen „Das schaffen wir schon!“

Nicht, weil wir das Geld nicht hätten. Nicht, weil wir das organisatorisch nicht bewältigen könnten. Nicht, weil wir nicht genügend Mitgefühl aufbrächten für die Armen, die Geknechteten und die Hungernden. Sondern weil wir auf diese Situation nicht vorbereitet sind, von niemandem rechtzeitig vorbereitet wurden und weil wir mit einem nahezu unfassbaren technokratischen Grundverständnis nach rechtlichen Papiermöglichkeiten suchen, verschiedene Länder zu „sicheren Herkunftsländern“ zu erklären und komplizierte Rechtkonstruktionen suchen und nicht die klaren politischen Entscheidungen, um Menschen im Einzelverfahren bürokratisch zu durchleuchten, um sie abschieben, um sie zurückschicken zu können. Geht es noch unwirklicher?

Weil wir mit der Angst der hier bei uns lebenden nicht umgehen können? Weil wir uns an unseren Wohlstand klammern, als wäre es das letzte Stück Brot. Weil wir mit denen nicht reden und sie überzeugen können, die von Harz IV und ähnlichen Regelungen leben, die es nirgendwo sonst auf dieser Welt so gibt. Weil wir die Idee eines geeinten Europas heruntergewirtschaftet haben bis auf den Stacheldraht – nur 70 Jahre nach dem letzten Krieg, der 50 Millionen Menschenleben kostete und unzählbare Verwundete an Körper und Seele. Weil die Krümmung von Bananen und Gurken von wohlgenährten und wohlbezahlten Eurokraten in Brüssel als wichtiger erachtet wird für die Wirtschaft als die notwendigen Entwicklungsprojekte für die Menschen in Europa. Weil wir die Friedenspolitik nach dem 2. Weltkrieg allmählich vergessen und weil wir im globalen Dorf die Nachbarn aus dem mittleren Osten nicht verstehen und sie einfach abschieben. Und weil wir seit wenigstens einem Jahrzehnt versäumt haben, eine realistische Integrationspolitik zu betreiben, wie dies umsichtige Länder an anderer Stelle schon getan haben. Weil die Politik und die Politiker überfordert sind und mit der Komplexität der Herausforderungen und Krisen nicht mehr fertig werden?

Wer glaubt, es wäre alles viel einfacher und meine Sichtweise sei pessimistisch, negativ und sogar depressiv, der werfe das erste Argument. Keinen Stein. Er sollte erklären, warum die Zusammenhänge nicht so sind wie von mir dargestellt. Und viele sollten zuhören. Mitreden. Handeln. Auf dass es besser wird, worüber wir reden.

Wir sind keine Räterepublik, sondern eine Rederepublik. Wir gestalten keine Politik, sondern wir überlassen sie Politikern, die Wahlen gewinnen wollen. Haben wir noch Persönlichkeiten oder haben wir Personen? Solche, die an den geschlossenen Grenzen stehen und solche, deren mentale Grenzen noch enger sind als die Landschaften voller Stacheldraht.

Und in solch einem Wirrwarr erhebt sich die Stimme eines Psychoanalytikers. Und ein Journalist schreibt. Und „Die ZEIT“ druckt (Die ZEIT, 17.3.2016, S. 41): „Was machen diese Bilder mit uns?“ Müssen wir nicht fragen: „Was machen wir mit diesen Bildern?“ Ist das nicht die richtige Frage? Die notwendige Frage?

Verdrängen wir? Sind wir hilflos? Stellen wir uns öffentlich unseren Ängsten? Bekennen wir uns zu unserer ängstlichen Krämerseele, die uns einfach verleitet wegzusehen? Und fühlen wir uns wohl, wenn wir die Türkei bezahlen? Können wir unsere Verantwortung so billig weiterverkaufen wie vor Jahren die Banken ihre vergifteten Papiere? Droht uns demnächst eine moralische Krise von solchen Ausmaßen, dass die Finanzkrise nur eine Vorahnung war von dem, was auf uns zukommen wird. Ist es wahr, dass die Bundeskanzlerin, die seit Jahren den zähen Verhandlungsprozess zur EU-Integration der Türkei als Ausdruck einer „besonderen Beziehung“ zwischen EU, Deutschland und der Türkei bewertet, jetzt zu einer Geld-Lösung mit der Türkei greift, die – mit Verlaub gesagt – allem seriösen Handeln Hohn spricht? Ist das wirklich wahr? Ist die EU und sind die regierenden Politiker Europas so tief gesunken, dass sie unsere Integrität verkaufen, unsere Glaubwürdigkeit? Wissen wir jetzt, wie hoch der Preis für diese Selbsterniedrigung ist?

Und welches Problem löst dieser Ablasshandel jetzt?













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