BLOGBEITRAG



33 COACHING OHNE TITELSCHUTZ?
Spieglein, Spieglein an der Wand:
Wer macht das beste Coaching im Land?

Die große Zeit des Coaching ist schon lange da. Und die Zahl der Regenbogen-Varianten ist nahezu unbegrenzt. „Ich bin Coach!“ ist schick, ist Marketing. Und ob die Vorgehensweise dem aktuellen, wissenschaftlich unterlegten Methoden-Kanon entspricht oder nicht, ist dabei fast egal. Was wird aus Coaching ohne "Titelschutz"?

1. Ausgangslage

Die große Zeit des Coachings ist schon lange da: Der ehemalige Edelbegriff für die psychologische Beratung von Topmanagern – also von hochpositionierten Einzelpersonen – hat unter einer Marketingperspektive eine geradezu klassische Karriere gemacht: Von der Beratung einer begrenzten Zahl von Spitzenmanagern zu einer Vielzahl von inhaltlichen und zielgruppenbezogenen Varianten in ganz unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbereichen. Wer etwas besonders Gutes, Hochwertiges und Individuelles in der persönlichen Entwicklung Anderer tut, denkt und spricht über sich und seine Tätigkeit so: „Ich bin Coach!“. Ob seine Vorgehensweise dem aktuellen, wissenschaftlich unterlegten Methoden-Kanon entspricht oder nicht, ist dabei fast egal. Nach dem Motto „Was gut ist, kann ich auch!“ hat sich unter den lange geltenden Pionierbedingungen Coaching auch als „Commodity-Produkt“ für die verschiedensten Beratungsleistungen auf dem Markt durchgesetzt. In einer kritischen Betrachtung kann man auch von einem Containerbegriff sprechen (siehe Böning/Fritschle schon 2005/2008), der sich auch international durchgesetzt hat – wenn auch mit völlig unterschiedlichen Bedeutungen, Inhalten, Zielen, Methoden und Zielgruppen. Aber er ist da! Folglich gibt es z.B. Sportcoaches in ganz verschiedenen Sportarten, Jobcoaches, Karrierecoaches oder Kochcoaches, die seit einiger Zeit im TV besonders angesagt sind: Sie leiten Koch- und Restaurant-Versager an, wie sie ihr Geschäft wieder ankurbeln können oder geben in Kochwettbewerben ein scharfes Feedback an diejenigen, die nicht rechtzeitig fertiggeworden sind oder zu viel Zitronensauce auf den Salat oder das Dessert geträufelt haben.

Die Zahl der Regenbogen-Varianten ist nahezu unbegrenzt: Man findet Schlagfertigkeitcoaches, Frisur-Coaches, Design-Coaches, Tanzcoaches oder auch Garten-Coaches. Für die Liebhaber eher etwas handfesterer Problembewältigungen stehen IT-Coaches oder Musik-Coaches zur Verfügung. Für die gehobenen intellektuellen Anforderungen kann man Strategie-Coaches zu Rate ziehen und für die etwas komplexeren emotionalen Probleme Konflikt-Coaches, Partnerschaftscoaches usw. – mit völlig verschiedenen beruflichen Qualifikationen, anzuwendenden Verfahren und beruflichen Zielsetzungen. Unabhängig von der Schreibweise (mit oder ohne Bindestrich), dem Blutdruck und der Pulsfrequenz des jeweils Bezeichneten schwingt eine edle, hochwertige Konnotation bei der Begriffsverwendung mit. Man ist ja nicht mehr einfacher Trainer oder schlichter Berater, sondern jemand, der sich in besonderer Weise individuell und tiefer als üblich um ein Individuum kümmert. Folglich ist zu vermuten: Gerade der Astrologie-Coach oder der Aktien-Coach verfügt über eine fast übernatürliche Fähigkeit zur Bezähmung des Ungewissen und der Zukunft, die er irgendwie anders erspüren und weissagen zu können glaubt. (Man müsste eigentlich fragen, ob das Orakel von Delphi wegen seiner Uneindeutigkeit marketingmäßig schlecht beraten war oder vielleicht doch das Richtige tat, weil ja Könige und Heerführer vom Range eines Alexander des Großen „bezeugte“ Kunden dieser okkulten Praxis waren. Aber solche Glaubensfragen regeln sich ja, wie man weiß, meistens nach dem Gesetz des Marktes von Angebot und Nachfrage und sind relativ unabhängig von Wirklichkeitsnachweisen, was nahezu unzählige psychologische Experimente und Untersuchungen nachgewiesen haben.)

2. Die feinen Unterschiede

Über die feinen Unterschiede in den Inhalten oder den Methoden haben wir noch gar nicht gesprochen: von dem sich nur für Eingeweihte offenbarenden Geheimnis der Unterschiede von „Coaching“. Dahinter verbirgt sich das besondere inhaltliche und methodische Grundverständnis als Basis des Vorgehens durch eine „Schule“ oder einen Verband.

„Coach“ kann ja jeder zu sich selber sagen, wenn er sich morgens voller Bewunderung im Spiegel anschaut. Denn rein sachlich, d.h. definitorisch und vermutlich auch juristisch besehen, stellen die bei XING und in der abgeleiteten FOCUS-Liste des letzten Herbstes aufgelisteten TOP-Coaches in der Regel ja nicht einfach die Behauptung auf, dass sie „Coaching“ machen würden.

Sie bezeugen sich selbst und andern im eigenen Netzwerk verankerten Menschen überwiegend, dass sie Coaches seien, was nicht zwingend einschließt, dass sie sich in ihrer Tätigkeit eines tatsächlichen „Coaching“-Vorgehens oder gar eines wissenschaftlich fundierten Coaching-Ansatzes bedienen. Auch fühlen sie sich nicht unbedingt von der Tatsache irritiert, dass in vielen Fällen gewisse interkulturelle Unterschiede zusätzlich zu sehr verschiedenen Coaching-Verständnissen und -Methoden führen können. Für Japan z.B. bedeutet das, dass der sog. Coaching-Markt in einem erheblichen Umfang von alten Zen-Techniken dominiert wird, in denen die Rolle des Coaching-Partners (die Böning-Consult-Begriffsverwendung anstelle von „Coachee“) eher die Rolle eines subordinierten Schülers bedeutet. Dies hat u.a. die Folge, dass in diesem Verständnis von „Coaching“ der Prozess oft keine persönlichen Gespräche, sondern oft nur schriftlich vermittelte Lebensweisheiten und Regelanweisungen beinhaltet. Dieses Fehlen einer im westlichen Sinne erforderlichen Selbstreflexion illustriert – auch für den Westen –, welche erheblichen inhaltlichen Unterschiede einem beschworenen „Coaching“ zugrunde liegen können. Aus der Perspektive des lustvoll selbst-konstruktivistischen Individuums, scheint dies für westliche Gesprächs- und Resonanzsucher ein Vorzug zu sein, die sich gerne ohne eine Einbeziehung von beeinflussenden Realitätsbezügen und ohne wissenschaftliche Überprüfungen wie raunende Seelen betätigen, die gerne den Weltgeist treffen. Peter Sloterdijk und Hartmut Rosa können hier sehr stimulierend wirken.

Strategie-Coaching mag ja ähnlich wie Sinn-Coaching durchaus seinen Sinn haben. Aber, ob Fragen nach dem letzten Lebenssinn in jedem Coaching notwendig sind oder sein sollten, ist zu bezweifeln. Demgegenüber weist Leadership-Coaching als „Ur-Domäne“ des Coachings bisher die beste wissenschaftliche Untermauerung im Vergleich zu allen anderen Anwendungsfeldern auf. Eine Vielzahl von „Fällen“ außerhalb des Business-Bereichs scheint diese Erfordernis aber wenig bis gar nicht zu sehen. Das Ergebnis ist eine schier undurchdringliche Vielfalt von „Coaching“-Angeboten , bei denen man weder Inhalt, noch Prozess, noch Qualität noch faktische Ergebnisse einschätzen kann. Die Seriosität manchen Angebote und mancher Homepages darf folglich nicht nur bezweifelt werden. Sie muss vielmehr bezweifelt werden!

3. Was muss also passieren?

Die heutige Coaching-Szene zeigt seriös arbeitende und gut ausgebildete Coaches auf der einen Seite, aber auch eine Vielzahl von fragwürdigen Qualifikationen auf der anderen Seite: fachlich und juristisch-formal nur begrenzt wasserdichte Beglaubigungen, die als Zertifikate ausgegeben werden, von denen man keineswegs weiß, ob sie verbandsübergreifend die gleiche oder wenigstens eine vergleichbare Qualität und Gewichtung haben. Daneben die fast unglaubliche Vielzahl der selbsternannten Coaches, die als ausgeschiedene Führungskräfte sich ihrer neu entdeckten Selbstbestimmung hingeben und anderen das Glück bringen wollen.

Die Situation verlangt nach einem weiteren Schritt in der Professionsbildung von Coaching, nämlich einer systematischen Durchdringung und Ordnung, die der echten Bedeutung der in der Zwischenzeit entstandenen Branche, ihrer Dienstleistung, ihrer wissenschaftlichen Unterlegung und ihres gesellschaftlichen Bedarfes entspricht. Es sind dringend Qualitäts-Kriterien für die Ausbildung und verbindliche Voraussetzungen für die Zulassung zur Ausübung der Coaching-Praxis zu entwickeln (vereinfacht: „Titelschutz“), die den praxisbezogenen und wissenschaftlichen Standards einer seriösen Profession entsprechen. Das bedeutet u.a. auch die Einbeziehung bzw. Einrichtung von staatlichen, akademischen und verbandsabgesicherten Institutionen, die einen entsprechenden Einfluss auf die Ausbildung, die Anerkennung und die qualitätsgesicherte Berufsausübung geltend machen.

Die rein experimentelle Wachstumsoffenheit für alle Konzepte, alle Praktiken, alle Methoden, alle Bezeichnungen und alle Spezifikationen darf nicht weiterhin die Basis für die Arbeit in der Branche sein. Wir dürfen nicht weiterhin spekulieren, wie viele Coaches es in Deutschland, Europa und der Welt gibt, wenn nicht die Begriffe, Methoden und Ergebnisse klar sind. Hier sind wissenschaftlich abgesicherte Marktanalysen durchzuführen und nicht reine Spekulationen immer wieder ohne Beleg zu wiederholen.

Das Zeitalter des auf Kreativität und Innovation abzielenden Mottos der Gründerphase („Anything goes!“) muss dringend in das Zeitalter einer sich gesellschaftlich verantwortungsvoll verhaltenden Berufsgruppe, transferiert werden die sich ihrer Verantwortung bewusst ist. Dabei sollten selbstverständlich die bisherigen Pionierleistungen derer entsprechend berücksichtigt werden, die das neue Arbeitsfeld bis heute aufgebaut und qualifizierend weiterentwickelt haben. Dabei müssen wir uns auch positiv auf neue gesellschaftliche Entwicklungen und fachliche Methoden einstellen, die den wissenschaftlich aufgebauten Standards der Gegenwart entsprechen und gleichzeitig auf die Zukunft verweisen.

Was passiert jetzt?

Ein „offener Brief“ zum Thema „Titelschutz“ – von sieben Kolleginnen und Kollegen sowie mir unterzeichnet –, der im November 2016 im obigen Sinne an den DBVC (Deutscher Bundesverband Coaching) und den RTC („Round Table Coaching“) geschickt und in beiden Strukturen andiskutiert wurde, war hierfür der Anfang.

Ich selbst werde mit Kollegen die „Anerkennungs-Initiative zum Titelschutz von (Business) Coaching“ gründen (mit diesem oder einem anderen Namen), die sich um die Umsetzung der hier vorläufig angesprochenen Ziele bemüht. Sie soll nicht nur seriösen Coaches und dem seriösen Coaching nutzen, sondern gerade auch den Menschen, den Führungskräften und einer Gesellschaft, die diese Beratung und ihren Nutzen eindeutig durch „Abstimmung per Fuß“ fordert und in Anspruch nimmt.

Natürlich kann diese Initiative gelingen oder scheitern. Solange eine Aussicht auf Erfolg besteht, wird sie weitergehen. Was macht es schon, wenn es übermorgen wird?





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