BLOGBEITRAG



29 Beben! Europa? Oder die ganze Welt?

Wenn man hier in Frankfurt an einem November-Wochenende mit schönem Wetter über die Welt nachdenkt, können viele Dinge und Geschehnisse wie richtige Beben anmuten, auch wenn sie ein bisschen darunter liegen.

Eine Wahl wie in Österreich …

Eine Wahl wie in Österreich z.B., die die Schande der zweiten Wahl mit einem neuen Versuch wieder ausgleichen soll. Es geht ja nur um das Amt des Bundespräsidenten. Und es ist insgesamt schon der dritte Wahlgang, der ein Ergebnis bringen soll. Ein Schelm, der glaubt, das sei eine Operette von Strauß. Vielleicht eher eine Tragödie von Shakespeare. Oder vielleicht auch eine ironische Altersspezialität von Philip Roth, der trotzdem keinen Nobelpreis dafür kriegt. Nein, der grüne Kandidat Alexander van der Bellen und der rechtspopulistische Kandidat Norbert Hofer proben zwar ein echtes Alpenstück, aber ob es echtes Alpenglück bringen wird, weiß man spätestens Montag!

In Rom eine Verfassungsreform …

Und nicht weit davon, in Rom, da geht es schlicht „nur“ um eine Verfassungsreform, an der selbstverständlich eine andere Kleinigkeit hängt, nämlich das politische Überleben des Ministerpräsidenten Matteo Renzi, der den Senat von einer üppig dotierten wie mächtigen Kammer zu einem kleinen Vorkämmerchen der Macht zurechtschneiden will. Aber Renzi ist ja noch jung, um eine alte Volksweisheit zu zitieren. Falls er die Volksabstimmung in Italien verliert und zurücktritt, dann ist das nicht so schlimm, weil er ja noch jung ist. Mit 42 Jahren ist das Leben in der Regel ja noch nicht zu Ende. Und da das „Scheitern“ neuerdings zum gewollten Frühsport junger Start-Upper erkoren worden ist, hat er ja später noch viele Chancen, wie uns in Deutschland das Beispiel des Herrn zu Guttenberg lehrt.

Nein, wir reden hier nicht von einer neuen Sparte des politischen Unterhaltungsbetriebes. Sondern in Zeiten von Le Pen, Kaczynski, Orbán, Erdogan und Trump – also in den westlichen Ländern Frankreich, Polen, Ungarn, dazu der Türkei von Erdogan und den USA des Donald Trump – von einem Erstarken eines politischen Flächenbrandes im Westen, der als kleines Steppen-Qualmen begann, aber zunehmend zu einem gefährlichen Flächenbrand nicht nur in den westlichen Staaten zu werden droht. An die Vorgehensweisen und das Politikverständnis eines Herrn Netanjahu oder Assad, um nur einige Beispiele zu nennen, hat man sich schon fast gewöhnt. Geht es in Malaysia und auf den Philippinen etwa ähnlich zu? Und wie war es in Venezuela und noch weiter zurück im Iran…?

Bleiben wir also in Deutschland …

Aber wir sollten zuerst möglichst in der geografischen und kulturellen Nähe bleiben, um die Verallgemeinerung nicht zu weit zu treiben, und um zu verhindern, dass wesentliche Strukturähnlichkeiten wegen einiger unzutreffender Aspekte einfach übersehen werden. Bleiben wir also in Deutschland und bei den Pegida-Demonstrationen und auch der AfD. Heute also Frau Petry, Prof. Meuthen und früher mal Prof. Lucke.

Dazu muss ich erzählen, dass ich gerade das neueste Buch von Gabor Steingart lese „Weltbeben – Leben im Zeitalter der Überforderung“ und seine Thesen vom „revolutionären Bürgertum“. Also im letzten Kapitel seines Buches. Da schwärmt er von den Verheißungen der Aufklärung und betont deren rationale Vernunftgewinne. Steingart entdeckt in den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen – z.B. der Abkehr von Hierarchie-Strukturen, der Ablehnung der alten Stillstands-Apparate, die man bisher noch Parteien nennt und vielen damit zusammenhängenden Beispielen ein gemeinsames Band. Dieses wirft er wie ein gedankliches Netz über alle möglichen gesellschaftlichen Phänomene – auf linke wie rechts-populistische Strömungen. Schließlich führt er quasi alles auf eine alles energetisierende Kraft zurückführt: das „stille revolutionäre Bürgertum“! Donnerwetter! Erst ein verachtendes Lamento über die alten Eliten, denen er nur noch ein Möchtegern-Dasein bescheinigt – und dann eine so einfache wie pathetische Großerklärung, die nach einer neuen Verheißung klingt. Er weiß auch genau, wo sie sitzt: in der Mitte der Gesellschaft. Und auf ihren unsichtbaren Bannern liest er überall die revolutionäre Forderung nach Transparenz und Partizipation. Und ihr gemeinsamer Nenner heißt nach ihm schlicht „Populismus“. Aha!

My psychological statement:

Ich hätte Populismus nicht mit jedem Protest und nicht mit allen möglichen Protestformen gegen „die Eliten“ in Verbindung gebracht. Sondern in spezifischer Weise mit den rüden und z.T. brutalen Protestformen eines rückwärtsgewandten bis klar rechtspopulistischen Milieus. Die Proteste kommen ja aus ganz verschiedenen Richtungen oder Lagern. Und inwieweit sie immer im Rahmen oder ganz am Rande eines demokratischen Rahmens stehen, verlangt eine differenzierte Betrachtung. Auch wenn der schlichte Nenner „gegen die Eliten“ eine Summe vieler unterschiedlicher politischer Distanzierungen, scharfen Abgrenzungen und Verweigerungen sein könnte, ist der rettende Engel des „still revolutionären Bürgertums“, das sich neuer Protestformen bedient, nicht so einfach wie behauptet im Nebel der verschiedenen Widerstände auszumachen. Aber da Gabor Steingart ein begnadeter Journalist, ein geschätzter Vereinfacher sowie ein an Sloterdijk geschulter Sprachlüstling und Metaphern-König ist, verdichtet er in analytisch unzulässiger Weise die vielgestaltigen Protestströmungen unserer – wie er selbst sagt – überkomplexen Welt zu einem einheitlichen Phänomen, um ihm das Gesicht eines greifbaren Wesens zu geben, das er einfach sprachlich erfindet. Ein klassischer Fall einer konstruktivistischen Erfindung, die man erfinden muss, um sie zu finden. Mag er auch recht haben mit vielen kritischen Diagnosen, so (!) das Weihwasser der Würdigung blind über die Menge, die Masse, die verschiedensten Gruppen, Ziele, Motive und Formen des Protestes und des Kampfes gegen die „Eliten“ zu kippen, geht haarscharf an der Wirklichkeit vorbei. Aber es ist wenigstens eine fassbare Imagination des Bösen, denn an den Teufel glaubt Herr Steingart vermutlich nicht mehr. So konfiguriert er sich eine Lichtgestalt gegenüber den bösen Buben wie Bush und Obama, die für ihn plastisch greifbar erscheint. Ihnen ordnet er eine mentale Schlägertruppe von Psychologen, Verhaltensforschern, Neurologen und Gehirnspezialisten als Okkupanten zu, die gemeinsam die Spielregeln der psychologischen Kriegsführung auf die innergesellschaftlichen Kämpfe und politischen Auseinandersetzungen übertragen. So kann er sich als scharfsinnigen Drachentöter inszenieren, der sich geradezu poetisch an der Vielzahl der Versager wie Merkel oder Anderen abarbeiten kann – und dabei die von anderen aufgebrachten Vorurteile durch eigene ersetzt. Mit diesem Vergröberungsglas kann man dann nahezu überall die Phänomene beobachten, die der konstruktivistisch geschaffenen revolutionären „Bürger“-Figur dann angehängt werden können. Aber so aufgeklärt und gleich ausgerichtet und so einig wie unterstellt, sind die verschiedenen Abwendungen, der Widerstand, die Wut, der Protest und die Change-Prozesse und Change-Modelle der neuen Löwen mit ihren neuen Lösungen nicht.

Reich-Ranicki hätte mit seiner lispelnden Sprache daraus vermutlich einen großen Tusch gemacht und gesagt: „Herr Steingart, Sie sind ein großßßer Wortemacher. Dathththth können Sie gut. Aber, mein lieber Freund, das ithththththtt noch keine Analyyyythththe! Und schon gar nicht eine gute Geschichte! Denn eine gute Geschichte muththth, mein lieber Herr Steingart, auch dann stimmen, wenn Sie von Ihnen ithththtt!“













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