BLOGBEITRAG



11 Beifall und Distanz:
Der Auftritt des Ayurveda-Meisters

Meine „indische Woche“: drei Abende Ayurveda. Wann hat man das schon als Business-Coach in Deutschland? Und so traf ich einen Meister aus Indien. Es gab große Gewissheiten und einfache Weisheiten für ein kompliziertes Leben. Der Westen hat solche Erlösung offensichtlich nicht mehr zu bieten. Keine kritische oder wissenschaftliche Diskussion. Keine Erörterung von komplexen Zusammenhängen und möglichen Widersprüchen, sondern klare und eindeutige Wahrheiten.

Meine „indische Woche“: drei Abende Ayurveda. Wann hat man das schon als Business-Coach in Deutschland?

Montags der Vortrag eines indisch-deutschen Unternehmers in der Stadtbibliothek eines Städtchens nahe Frankfurt. Der Vortragende möchte sich nach Jahren der eigenen Erfahrung jetzt auch unternehmerisch mit Ayurveda beschäftigen. Am Mittwoch ein Dinner mit ihm als Nachgespräch zum Montag.

Am Dienstag der Vortrag eines renommierten Ayurveda-Experten aus Indien im Hotel Interconti, Frankfurt. Eine fast festliche Einladung in den 21. Stock des Hotels. Blick über die Dächer Frankfurts und weltlich-metaphysischer Überblick über Ayurveda. Voller Saal, viele Frauen. Heterogenes Publikum, darunter Freunde und Bekannte des Gastgebers.

Ayurveda-Meister aus Indien

Zur Einleitung eine Begrüßung und ein Testimonial des Gastgebers. Persönlich, aufrichtig und wohlwollendend: Eine kurze Geschichte der eigenen Heilung. Dann große Vorstellung von Dr. Tambe, der in Indien eine große Ayurveda-Schule betreibt und weltweit tätig ist.

Der Meister verbreitet seine Lehre am Mikro. Sitzend, etwas füllig, im indischen Ornat. Im Rücken des Auditoriums in einer Kabine der Simultandolmetscher (Englisch-Deutsch). Headsets werden angeboten. Etwa ein Drittel der Zuhörer greift zu.

Große Erzählung: Die Veden als wichtigste uralte Quelle. Es geht um Stress und Stressmanagement in unserem Alltag. Um die Arbeitswelt. Es geht um Burnout und Depressionen und überhaupt um den überlasteten westlichen Menschen. Tagesnachrichten dienen als Beleg-Beispiele für eigene Lehrauffassungen und dafür, wie alles mit allem zusammenhängt. Es geht um Weisheit und Lebenshaltung, um Blüten, Honig und die richtige Ernährung. Magenprobleme seien relativ leicht zu heilen, Diabetes ebenfalls. Von einigen Heilungen wird erzählt, die das Odium des Wundersamen spüren lassen, aber wie mögliche Selbstverständlichkeiten der Lehre daherkommen. Kein Thema ist zu klein (Eier und Cholesterin) oder zu groß (Krebs). Die Heilung, die Erlösung und die glücklichen Gesichter von Betroffenen werden zitiert. Einfache Körper-Übungen werden angespielt, um die Achtsamkeit auf die eigenen Verspannungen zu lenken: sekundenlange kleine Yoga-Übungen mit den Fingern, den Armen und den Schultern… Nein, zum richtigen Atmen kam man noch nicht…

Die Zuhörer

Von den Zuhörern sitzen viele mit gespannter Aufmerksamkeit da, einige mit offenem Mund. Manche schreiben auf bereitliegenden kleinen Blöcken mit. Zettel liegen bereit, auf denen Fragen und Kommentare notiert werden können – für irgendwann später.

Ein folgsames Publikum. Viele nicken. Einige nicken heftig über die ausgeführten Zusammenhänge vom gutem und vom schlechten Leben. Andere nicken bestätigend zum Nachbarn, der meist erwidert. Man scheint unter sich.

Nach dem einstündigen Vortrag sind ausdrücklich Fragen zugelassen. Es melden sich Frager – mit erstaunlich schlichten Fragen an den Meister. Ein Oben und Unten stellt sich schnell und mit Leichtigkeit ein. Kein Zusammentreffen oder Zusammenprallen zwischen westlichen und östlichen Lebensauffassungen, Kulturen oder Gesellschaften. Nur individuelles Interesse an kleinen zu klärenden Stellen. Man klatscht am Ende laut Beifall. Intellektuelle könnten darüber überrascht sein.

Am Ende die leicht unvollendete Verheißung

Nicht nur herzlicher Dank an Dr. Tambe, den unternehmerischen Weltreisenden in Sachen Ayurveda, auch an das Publikum. Ein fürsorgliches Angebot, dass irgendwann später auf die noch offenen Fragen gerne eingegangen würde, schließt die offizielle Veranstaltung ab.

Der Abschied ist kurz: Der Einladende und Dr. Tambe sitzen mit kleinem Gefolge in einem Nebenzimmer beim Dinner. Freundlich-wohlwollende Atmosphäre unter den Wartenden, für die sich der Gastgeber kurz vom Dinner löst, um sich zu verabschieden…

Was ich als Psychologe dazu sage

Es gab große Gewissheiten und einfache Weisheiten für ein kompliziertes Leben. Der Westen hat solche Erlösung offensichtlich nicht mehr zu bieten. Keine kritische oder wissenschaftliche Diskussion. Keine Erörterung von komplexen Zusammenhängen und möglichen Widersprüchen, sondern klare und eindeutige Wahrheiten. Keine Frage nach Selbstsuggestion oder Placebo. Der Kommentar eines Gastes beim ayurvedischen Dinner nebenan: „Naja, das hatte den Tiefgang von leistungsgesteigerten Kalendersprüchen!“ Er habe Erfahrung mit Indern und habe einige Monate in Indien gelebt. Er nähme es mit Toleranz und niemandem übel, aber es sei nichts für seinen westlichen Geist.

Ich selbst empfinde Wertschätzung für die Offenheit des Gastgebers: Er vermittelt Dankbarkeit nach großer persönlicher Hilfe und Wohlwollen gegenüber anderen, die das noch nicht erleben durften, aber erleben sollten. Er bot ihnen etwas an. Er steht zu sich – nach einem entfremdenden Leben als Investmentbanker.

Es zeigte sich die Anziehungskraft eines geschlossenen Weltbildes, einer alten Lehre aus einer anderen Zeit. Bei der das lange Überleben der Lehre als Beleg für deren Richtigkeit zählt. Ganzheitlichkeit fasziniert die Suchenden, nicht die analytische Methode oder gar deren fehlerhafte Anwendung. Es überzeugen die erzählten Beispiele, vor allem, wenn sie aufgeladen sind mit der Erfahrung des eigenen Erlebens als Evidenz-Beweis. Ein gemeinschaftliches Erleben und wechselseitiges Bestätigen in der Unmittelbarkeit des suggestiven Augenblicks, die konstruktivistisch jede Erläuterung mit dem Anschein der Wahrheit adeln. Die amerikanischen Psychologen Chabris & Simons (Der unsichtbare Gorilla, 2011), die eine Fülle von empirischen Forschungsergebnissen über die Psychologie der Erwartung, der Wahrnehmung und der Kommunikation zitieren, würden vermutlich nicken: Das Gehirn konstruiert sich seine Wirklichkeit einfach selber.  Und Indizien lassen sich fast immer finden. Auch mentale Abwehrmechanismen, die das Selbstwertgefühl stabilisieren. „Der Westen“ mit seiner mehr als tausendjährigen Wanderung hin zum Fetisch Individualismus kann das nicht mehr denken, was die alte Welt im Osten noch bereithält: Die einfache Erklärung. Vor allem in einer harmonischen Gemeinschaft. Die komplizierteren Erklärungen der rationalen Vernunft und der Empirie trösten und wärmen weniger als die großen Vereinfachungen. Die Seele will einfach entspannen.













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