BLOGBEITRAG



40 Mythen des Unternehmertums:
Nr. 2 „Scheitern gehört zum Unternehmer“

"Fail early and often", ein Mantra des Silicon Valley. "Mut zum Scheitern" heißt es in der Startup-Szene. Oder auch Arbeit an der "Fehlerkultur" in deutschen Unternehmen. Was ist wirklich dran am Unternehmer-Mythos Scheitern?

Es wird ja immer wieder davon gesprochen, dass die Bereitschaft zum Risiko den echten Unternehmer auszeichne. Von Startups gerne noch drastischer bezeichnet als „Mut zum Scheitern“. Als ob Scheitern schon fast eine Sehnsucht wäre, zumindest für coole Typen mit offenem Hemdkragen. Tenor: „Geld verbrennen? Na und?“

Oliver Samwer kann ein Lied davon singen und weiterhin leidenschaftlich die großen Aussichten für Investoren beschwören, obwohl er – wie die „Wirtschaftswoche“ im März 2017 beschrieb (Ausgabe 12 vom 17.3.2017) – bis dahin mit seinem einst gerühmten Konzern Rocket Internet schon etwa 642 Millionen Euro verbrannt hat... Oder Catherine Powell von Euro Disney z.B., wo allein im vergangenen Jahr ein Verlust von ca. 700 Millionen Euro aufgelaufen ist. Man kann sich an die alten Versuche zu Schillers und Wallensteins Zeiten erinnert fühlen, als der Versuch, aus Blei doch Gold zu gewinnen, noch hoch im Kurs stand – trotz unzähliger gescheiterter Versuche...

Scheitern, ganz zuversichtlich

Aber es gibt ja die vielen Zuversichtlichen wie Peer Schulz von helpcheck (der Anwälte überflüssig machen will) oder Ralf Koenzen von LANCOM (der die Steuerung der Kommunikationstechnik in die Cloud verlegen möchte). Was erschüttert forsche Startups schon, wenn sie am Anfang stehen? Da gibt es noch nicht viel zu verlieren, weil noch gar nicht so viel aufgebaut wurde. Da lebt man gerne von der Verliebtheit in das Gelingen des eigenen Projektes – und der Sehnsucht in die eigene Größe. Da ist das Ziel maßgebend, möglichst ein großes, aber weniger die Gefahr. In dieser Phase scheint das positive Denken das richtige Mittel der Wahl. Hier wird die Macht der positiven Perspektive beschworen, die das Zutrauen in die gewollte Zukunft adelt. Der amerikanische Psychologe Adam Grant, der sich intensiv mit den Merkmalen von Nonkonformisten beschäftigt hat, würde an dieser Stelle vielleicht oder vermutlich von der Gefahr der „fälschlich positiven Erwartung“ sprechen, die jedem Blick in die Zukunft innewohnen kann. Aber die Evolution, diese anonyme Macht mit den vielen Gesichtern der Wirklichkeit, sie kann sich freuen, liegt ihr Gewinn doch nicht in der unmittelbaren Gegenwart, sondern in der weiten Zukunft, die den Einzelnen überragt, und in der Macht der großen Zahl der Versuche überhaupt. Also in dem Wettbewerb als solchem, der dann irgendwie und irgendwann zum Finden der überlebensfähigsten Lösung der jeweiligen ungezählten Versuche in den verschiedenen Branchen, der Ideen, der Konzepte, der Projekte und der Produkte liegt. Darwin hat uns beigebracht, dass wir uns darüber freuen können. Vielleicht erst in ein paar hundert, in ein paar tausend oder erst in Millionen Jahren. Naja, wenn es die Evolution so will und der Erfolg einiger Weniger dann das Scheitern der Vielen schließlich rechtfertigt...

Scheitern, ganz philosophisch

Alby Moritz schrieb in der Philosophie-Zeitschrift „HOHE LUFT“ schon 2015 in ganz elegischer Weise von den drei Formen des Scheiterns (Heft 6, S. 54)

  1. „Etwas scheitert“ – ein Vorhaben, eine Verhandlung oder ein Projekt oder eine Finanzierung z.B.
  2. „Ich scheitere an etwas“ – einer Idee, einer Aufgabe oder einem Ziel z.B.
  3. „Ich selbst bin gescheitert“ mit meiner Einstellung, meiner Zuversicht, meinen Überzeugungen oder gar mit meinem Glauben.

Man könnte ohne weiteres noch eine andere Variante hinzufügen:

4. „Das Leben selbst ist ein Scheitern zum Tode hin“ – was sich auf die Gesamtheit eigener oder fremder Erfahrungen im erlebten Leben beziehen kann, wenn man die Tageschau oder die Zeitungsnachrichten mit den gemeldeten Unglücken, Hungersnöten und Kriegen in der ganzen Welt betrachtet.

Man kann die Aufzählung als eine Steigerung der Erfahrung oder der Einschätzung betrachten, die zu einer jeweils anderen Wucht der Betroffenheit bei Einzelnen oder einer Gruppe führen kann.

Es kommt dabei offensichtlich auf die Perspektive an, wie diese Betroffenheit verarbeitet wird. Selbst das Scheitern im Großen und Ganzen – z.B. der Liebe, der familiären Beziehungen, der Heimat, dem Erlebnis des Krieges usw. – muss u.U. mit der entsprechenden Perspektive und den passenden psychischen Verarbeitungsmechanismen nicht zu einer totalen Verzweiflung führen, sondern kann selbst in der äußersten menschlichen Bedrängnis zu einer Annahme der Erfahrung und des Erlebens führen, wie uns die Existenzphilosophen wie Camus  („Der Mythos des Sisyphos“) Sartre oder Jaspers  nach dem 2. Weltkrieg schon lehrten. Und damit zeigten, wie solche Extremsituationen des Daseins den Menschen sogar „zu sich selbst bringen“ können. Oder wie es Gläubige verschiedener Religionen und philosophischer Schulen fast unerschütterlich schon seit mehr als 2000 Jahren leben mit der Grundeinstellung: “In Gott sind wir aufgehoben“ oder „wir treffen uns nach der Wiedergeburt in einem anderen Leben wieder“.

Scheitern, ganz entschieden

Unternehmer – oder auch Psychologen –, junge wie alte, die sich nicht gerade mit Existenzialphilosophie, dem christlichen oder hinduistischen Glauben und ähnlichen Ansätzen beschäftigen, machen es eine Nummer kleiner. Sie reden von der nötigen Einstellung „Glas halb voll“ anstatt „Glas halb leer“. Oder von der positiven Einstellung. Oder schlicht vom ständigen Lernen aus Fehlern. Und versuchen anderen Menschen beizubringen, mit welcher Einstellung man ein wirtschaftliches Projekt, eine Beziehung, ein Unternehmen, Wahlen oder sogar das ganze Leben gut bewältigen kann. Dabei können viele helfen: Eltern, Verliebte und Liebespartner, Priester und Pfarrer, Psychologen, Lehrer, oder erfolgreiche Modelle und große Vorbilder, die der Wirklichkeit der Verlierer trotzten (am besten, wenn sie schon tot sind und heldenhaft verklärt werden können), Reiche, Selbstsichere, Unerschütterliche und die notorisch Gutgelaunten, der die Wirklichkeit nicht viel anhaben kann, weil sie diese einfach überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen.

Fragen sie also Psychologen, die die menschliche Psyche kennen, wie man das macht. Oder noch besser: jene Berater, die alle Statistiken gelesen haben und in die Zukunft schauen können (aber vielleicht nicht die in der Energiebranche oder die in den Banken oder die, die Ihnen Versicherungspolicen verkaufen wollen und auch die nicht, die die wirtschaftlichen Prognosen für die Politik erstellen, und auch die nicht, die die wichtige Entscheidung zu treffen haben, ob man viel verlorenem Geld noch neue Investitionen hinterherschieben soll...).

Oder noch besser: Fragen Sie einen Groupier im Casino, worauf Sie setzen sollen, treffen Sie die Entscheidung – und schotten Sie sich für den Rest Ihres Lebens von allen Nachrichten ab!

Oder ist das doch nicht eine so gute Entscheidung...?













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