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19. November 2018
49

Die psychologischen Mechanismen

Das Buch von Walter Wüllenweber (WW) „Frohe Botschaft“ ist keine schlichte Wiederholung der Thesen der beiden Bestseller von Hans Rosling („Factfulness“, Schweden) und Steven Pinker („Aufklärung jetzt“, USA). Es ist eine gute Übertragung auf deutsche Verhältnisse. […]

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Das Buch von Walter Wüllenweber (WW) „Frohe Botschaft“ ist keine schlichte Wiederholung der Thesen der beiden Bestseller von Hans Rosling („Factfulness“, Schweden) und Steven Pinker („Aufklärung jetzt“, USA). Es ist eine gute Übertragung auf deutsche Verhältnisse.

Seine „Frohe Botschaft“ heißt: „Es steht nicht gut um die Menschheit – aber besser als jemals zuvor!“ Und: “Heute ist alles besser…Aber wir…ignorieren…unsere Erfolge, leugnen sie sogar und lassen zu, dass unser Pessimismus-Reflex anspringt und die frohe Botschaft nicht gehört wird.“

Wüllenweber ist „nur“ Journalist, verhebt sich aber nicht an der philosophischen Aufklärung. Und die Ansätze von Roslin und Pinker überträgt er gut auf deutsche Verhältnisse. Das macht die Betrachtung konkreter und nachvollziehbarer, als bei den beiden anderen Autoren. Die betonen gerne die Dummheit und das fehlende Wissen anderer Menschen.

Aber alle drei Autoren bevorzugen einen scheinvernünftigen Vergleich. Der geht aber kaum auf wichtige psychologische Gründe für die aktuell in Deutschland, Europa und in anderen Ländern beobachtbare Eintrübung der gesellschaftlichen Stimmung ein. Alle drei schieben die Schuld den Medien zu, die die Stimmung mit einer Überlast an negativen Nachrichten und sorgenvollen Analysen herunterziehen.

  1. Pinker und Roslin nutzen beide einen mentalen Trick, der aus der Therapie wohlbekannt ist. „Reframing“ nennen ihn die kognitiven Verhaltenstherapeuten denen Pinker als „Kognitiver Psychologe“ recht nahesteht.
  2. Von allen drei Autoren wird so eine psychologische Erklärung für den infrage gestellten „negativen Blick“ auf die gegenwärtigen Verhältnisse angeführt, die sich im besten Falle bei (neurotisch) gestörten Menschen gut bewähren kann. Im negativen Fall und unsachgemäß angewendet würde man ganz einfach davon sprechen, dass Besserwisser anderen Menschen einfach etwas auszureden oder wegzureden versuchen.
    Was hat das mit der philosophischen Aufklärung zu tun?
  3. Die Frage ist ja unter anderem: Wieso sind die von Roslin, Pinker und Wüllenweber angeführten Fortschritte bzw. Verbesserungsbereiche die einzig wichtigen und relevanten Merkmale, um auf breiter Front, quasi total, vom Fortschritt der Menschheit zu sprechen? Ohne die zitierten Dimensionen und die diesbezüglichen Ergebnisse der historischen Vergleiche in Ihrer Faktizität bestreiten zu wollen: Wieso sind nicht viele andere Merkmale gleichzeitig in die Betrachtung einbezogen worden, als da z.B. sind: Plastik in den Ozeanen, die ungelöste Atommüll-Endlager-Frage, die Häufigkeit von Krebs im Alter, die Verheerungen und Toten zweier Weltkriege, Entdeckungen neuer Krankheiten, die abgeholzten und verschwundenen Wälder auf der Erde, die Häufigkeit der Krankheiten, die zum Formenkreis des Herzkreislauf-Systems gehören,  die Anzahl der Krebstoten und die Vielzahl der aktuellen Stressbelastungen mit ihren z.T. erheblichen psychischen Krankheiten, die aktuelle Flüchtlingskrise in Deutschland und Europa, um nur einige mögliche Aspekte zu nennen. Oder einfacher: Was hat das mit dem Liebeskummer jener zu tun, die an völligen Übererwartungen an die Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen leiden?
    Was hat das mit der politischen Unzufriedenheit jener zu kurz Gekommenen zu tun, die wissen, dass andere in der Gesellschaft unter viel besseren Lebensbedingungen und Wohlstandsverhältnissen leben? Und was hat das mit den Klagen jener zu tun, die als Kunden die Warenhäuser mit dem Paradies verwechseln?
  1. Denken wir an die psychologischen Befindlichkeiten von Individuen, Gruppen, Organisationen und Gesellschaften:
    • Sind nicht gerade die Vergleiche zwischen fremdgesetzten oder eigenen Erwartungen und Zielen in der heutigen Zeit ein zentrales Zufriedenheitsthema bei Transformationsprozessen mit disruptiven Merkmalen, die selbst unter absoluten Wohlstandsbedingungen zum Frust der Nicht-Berücksichtigten oder Verlierer führt Man vergesse nicht: Psychologisch kann auf jedem Wohlstands- und Zufriedenheitsniveau aus der Differenz von „Soll und Ist“ Frust entstehen!
    • Denken wir an die Vergleiche der eigenen Situation/Befindlichkeit und der Situation/Befindlichkeit von Anderen. Wie stehe ich im Vergleich da?
    • Vergessen wir nicht als Ausgangspunkt der aufgeschaukelten und sich wechselseitig verstärkenden Addition bis Multiplikation verschiedener einzelner Stressoren das sich aufschaukelnde Stress-Niveau, das auch kleine Stressoren groß erscheinen lässt
    • Vergessen wir nicht die „Emotionale Ansteckung durch andere Sozialpartner“, die ihre Unzufriedenheit in aller Öffentlichkeit durch Medien, Zeitungen, TV und Internet weltweit verbreiten können…
    • Bedenken wir die Empathie und das Mitleiden nicht nur gegenüber bedrängt lebenden Mitmenschen in der unmittelbaren Nähe, sondern auch die weltweite Anteilnahme am Schicksal der Hutus, der Indios in den Regelwäldern oder den Kriegen auf der Krim, in der Ukraine oder in Syrien
    • All das führt zu Erregungen, Beschwerden und der Erhöhung des Stresslevels durch die allgemeine Informationsflut vieler Menschen – was einen gesellschaftlichen Stress ungeahnten Ausmaßes auslöst, bei dem man die Ursachen kaum noch zusammentragen kann
    • Was machen da die 18 – 20 Tausend TV-Krimitoten noch aus, die jedes Kind  „inhaliert“, bis es erwachsen ist?
    • Und schließlich: Übersehen wir nicht den Faktor der erhöhten körperlichen, seelischen und moralischen Empfindlichkeiten durch neu gewonnene medizinische oder psychologische Standards und kulturelle Gewohnheiten bzw. Werte, die eine „fortschreitende Befindlichkeitserwartung“ nach sich ziehen, die selbst bei nur kleinen Abweichungen vom Soll schnell zum Empfinden von großer Unzufriedenheit oder Ungerechtigkeit führen können.
  2. Auch wenn hier nicht alle denkbaren psychologischen Mechanismen aufgeführt werden, so erscheinen mir die Beispiele doch ausreichend, um die übervereinfachte Erklärung eines evolutionsbedingten „Pessimismusreflexes“ nicht einfach stehen zu lassen. Die politische Killerphrase ist zu überwinden, die das Hadern oder gar Leiden unter gegenwärtigen Lebensbedingungen mit rein vernunftbezogenen historischen Vergleichen in einer geradezu kaiserlich-arroganten Ignoranz wegreden will!

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