BLOGBEITRAG

05. November 2018
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Die Erlösung der Welt durch Zahlen…

Noch vor dem amerikanischen Kanadier Steven Pinker war der Schwede Hans Roslin auf der aktuellen Welle des Beweisens: „Unsere Welt ist besser als ihr (fast) alle denkt!“
Sein aktuelles Buch “Factfulness“ zeigt die Welt in Zahlen und Statistiken. Diese zeigen, dass nur der geringste Teil von mehr als 12 000 getesteten Personen die Welt schlechter einschätzt, als sie wirklich ist! […]

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Beide Professoren setzen sich für die Aufklärung ein, die seit einiger Zeit eine größere Image-Krise durchmacht. Wenn man den Medien und den Intellektuellen glaubt. Angeblich trifft man überall und jederzeit verdrossene Bürger, die sich nur beschweren und etwas anderes wollen, als sie haben oder bekommen: von der Polizei, den Politikern, den Managern, den Unternehmen, den Vorgesetzten, den Mitarbeitern…den Menschen eben. Natürlich auch vom Lebenspartner oder den Kindern. Die also unverständlicher Weise Schwarzseher sind, die ständig über die Arbeitszeiten und den Syrienkrieg klagen – und selbstverständlich auch wegen der Klimaverschlechterung zetern, nicht zuletzt auch wegen des drohenden Zerfalls der Demokratie und wegen des Stresses im Leben überhaupt…

Bemerkenswert, wie beide Professoren mit angeblich objektiven Fakten gegen subjektive Gefühle, intuitive Überzeugungen und eine subjektiv erlebte Weltsicht der Menschen arbeiten, denen die Psychologie seit Jahrzehnten schon klar zu machen versucht: In einer konstruktivistischen Perspektive sind alle Weltbilder Konstruktionen. Gerade im Verhalten von Menschen und deren Wahrnehmungen gelten nicht nur rationale Regeln, sondern auch emotionale Überzeugungen. Eine Mischung aus Fakten, emotionalen Bewertungen und subjektiven Einschätzungen, die alten psychologischen Mechanismen folgen bis hin zu unerschütterlichen Glaubensüberzeugungen. Siehe Gottesfragen oder Religionen.

Roslin scheint wie Pinker ein Anhänger des Rationalismus zu sein, dabei ist er ein kluger Mann, belesen und hat wie Pinker vermutlich nur gute Absichten, andere zu überzeugen. Aber er ist mildtätiger mit seinen Mitmenschen: Er will dazu beitragen, dass die Welt besser wird und die Menschen sich durch das Fernglas der Vernunft jene Seelenruhe holen, die durch gemessene Daten und das Urteil der Vernunft überzeugen. Er will andere Menschen nicht beschämen, wenn sich herausstellt, dass sie den aktuellen Zustand der Welt schlechter einschätzen, als dieser in Wirklichkeit ist!

Anders als Pinker, der faktisch ein massives Reframing einer gegebenen Weltsicht und Stimmung herbeiführen will, indem er die Welt von heute mit der Welt von gestern vergleicht – und damit heutige Verhältnisse als nicht wirklich beklagenswert suggeriert. Roslin will vielmehr die Einsicht und das Verstehen wie Akzeptieren der Daten erreichen. Diese sollen ein besseres Bild der heutigen Welt ergeben, als von vielen Menschen vermutet. Dazu nutzt er regelmäßig kurze Wissens- und Einschätzungs-Tests. Dabei schneiden Normalmenschen sehr gut, gut ausgebildete Intellektuelle, Nobelpreisträger und hochkarätige Teilnehmer des Word Economic Forums in Davos erstaunlich schlecht ab. Ja, sie liegen sogar unter der zu erwartenden statistischen Trefferquote von drei Schimpansen, die auf die gleichen Fragen antworten (würden): unter 33%!

Auch Roslin identifiziert Journalisten und Medien als Mitverursacher. Aber er ist nachsichtiger als Pinker. Er schiebt die Schuld nicht allein auf diese, sondern auf alte Verarbeitungsmechanismen des Gehirns, die zu falschen Verallgemeinerungen führen. Vor vielen Jahrtausenden dienten sie vermutlich als Hilfe zur Bewältigung einer feindlichen Umwelt. Weswegen die Menschen heute noch an dieser überlebenssichernden Perspektive festhalten.

Roslins Stichworte heißen ebenfalls Rationalität, empirische und messbare Daten über eine sich dramatisch verändernde Welt, die etwas mit dem steigenden Wohlstand und den dadurch ermöglichten vielseitigen Verbesserungen und Fortschritten in ganz verschiedenen Bereichen und Branchen in aller Welt zu tun haben. Nicht zuletzt in der Medizin und im Gesundheitsbereich.

Seine Message heißt nicht: Früher war (fast) alles schlechter – und deshalb ist die Welt heute besser als ihr denkt. Seine Botschaft heißt: Die heutige Welt ist besser als ihr vermutet! Aber Euer Wissen ist veraltet und falsch! Euer Gehirn spielt Euch einen Streich, immer wieder. Prüft neu – und kommt zu besseren Ergebnissen!

Das Buch ist lesenswert, alleine wegen seiner vielen schönen Statistiken. Auch wenn diese die subjektiven Gefühle von Menschen, die aus ganz verschiedenen Quellen stammen, – deren unmittelbare Erlebniswelt oder das tägliche Erleben – oft nicht tangieren.

Die Fragen bleiben: Beeinflusst der Blick auf die zahlenmäßig fassbare Welt die innere Erlebniswelt des Individuums oder tönt die innere Erlebniswelt des Einzelnen seine Sicht auf die Welt da draußen? Oder haben wir die Wechselbeziehungen zwischen beiden Welten noch gar nicht richtig aufgeklärt?
Es scheint, als könne man die beiden Welten – die psychologische und die rationale Welt der Zahlen – nicht einfach gegeneinander ausspielen! Der Bereich des inneren Erlebens dieser Welt funktioniert nun einmal nicht allein nach rationalen Gesichtspunkten, sondern auch nach evolutions-psychologisch geprägten Strukturen und Emotionen.

Werden die so erzeugten Gefühle – Ängste, Sorgen, enttäuschte Hoffnungen über das eigene Leben, Ärger und Wut über belastende politische Entwicklungen, Kummer in der Ehe usw., die alle in einem Individuum zusammenfließen und verarbeitet werden müssen durch vernünftig präsentierte Statistiken einfach weggeblasen? Kann Angst so einfach durch eine rationale Aufforderung egalisiert werden, wenn man den Beteiligten noch dazu sagt, dass sie dummerweise einfach nicht richtig denken können?

Die Aussage, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden, wäre die Verniedlichung einer fragwürdigen pädagogisch-psychologischen Vorgehensweise. Dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten Vieles besser geworden ist – absolut oder relativ -, bedeutet noch lange nicht, dass man nicht berechtigt ist, um seinen Besitz zu bangen. Wird hier einfach vergessen, dass Menschen verschiedene Bezugssysteme und Erwartungshaltungen haben? Zufriedenheit und Glück hängen nicht nur von einzelnen absoluten ökonomischen Größen, sondern gerade von sehr subjektiven Betrachtungen und Zielen ab. Wieviel Geld jemand verdient macht nicht glücklich, sondern wieviel man erwartet hat. Der Abstand ist (mit-) entscheidend, nicht nur die absolute Höhe. Der allgemeine wirtschaftliche Wohlstand alleine bestimmt nicht die Zufriedenheit der Bürger, sondern auch die Erwartungen an die familiären und gesellschaftlichen Bindungen, die zu erwartenden wirtschaftlichen Verhältnisse in der Zukunft, die Gespräche im Freundeskreis, die eigene Gesundheit usw.

Hans Roslin, ein vergleichsweise milder Schwede, der zu Demonstrationszwecken bei seinen Präsentationen auch mal ein Schwert verschluckt, um seine Zuhörer zu beeindrucken. Mit dieser Zirkusattraktion versucht er seine Zuhörer besser von der Sinnhaftigkeit seiner rationalen Weltsicht zu überzeugen.

Eines kann man Pinker nicht nehmen: Seine Wortgewandtheit und seine demonstrativ zur Schau getragene intellektuelle Überlegenheit, mit der er die „Falschgläubigen“ konfrontiert verlangt, dass sie es endlich einsehen, dass die Stimmung besser ist ….

So, wie er die Welt sieht!


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