BLOGBEITRAG

10. Oktober 2018
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Besuch bei Hugendubel, kurz vor der Buchmesse

Schwache Gemüter sollten am besten nicht mehr in gute Buchläden gehen: Die apokalyptischen Gegenwartsanalysen und Zukunftsbetrachtungen werden zunehmend düster. Viele neue Titel erinnern an eine Mail, die mir ein guter Freund vor wenigen Tagen nach einem Besuch am folgenden Morgen schrieb: „Das war ja wieder mal ein apokalyptischer Abend. Wir sollten uns bald mal wieder zu einem konstruktiven Gespräch über die Zukunft treffen…“! […]

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Ob das Buch von Yvonne Hofstetter über das mögliche Ende der westlichen Demokratie (2017?), das neue Warnungs-Buch des Internetpioniers Jaron Lanier und der neue 700-Seiter von Shoshana Zuboff über „Das Zeitalter des Überwachungs-Kapitalismus“: Die heftig sich steigernden Digitalisierungs-Warnungen nehmen spürbar zu. Die allseitigen Meldungen über den hochschießenden Rechtspopulismus nehmen zu. Und das gerade noch an einem Samstag, an dem in den Zeitungen landauf, landab das Bestätigungs-Theater in Washington für den unseligen Richter Kavanaugh plus die Megawahl in Brasilien mit dem vermutlich bevorstehenden Sieg des neuen Rechtsextremen Jair Bolsonaro beschallt wurde. Da passte der aktuelle Buch-Bestseller von Bob Woodward („Furcht“, 2018) über den amerikanischen Rechtsausleger im Präsidentenamt der USA gerade in das aktuelle Zeitgeistgefühl, der nicht weit weg von Thilo Sarrazins neuem Bestseller über die Auseinandersetzung mit dem Islam im Bestseller-Regal stand. Ich habe mich gefragt, was Frank Schirrmachers Bestseller dazu gesagt hätte, der seinen fast schon prophetischen Bestseller „EGO – Das Spiel des Lebens“ schon 2013 publiziert hatte. Die aktuellen Titel der Verlage zur diesjährigen Buchmesse signalisieren eine seit Jahren zunehmende Zuspitzung der wahrzunehmenden tiefen Verunsicherung vieler Menschen angesichts vielfältigster dunkler Wolken am Himmel der gesellschaftlichen Entwicklungen und der aktuellen weltpolitischen Lage: Syrienkrieg seit Jahren und Hundert Tausenden von Toten, der Europa verändernde Migrationsschub in 2015, Chinas Einkaufzug überall auf der Welt, Rechtspopulisten in Polen, der Türkei, in Ungarn, in Schweden, in den USA und in Brasilien… Viele weitere Beispielen aus Afrika, Asien und Lateinamerika könnten als Beleg hinzugefügt werden….

Sieben Jahrzehnte nach dem Ende des 2. Weltkrieges formiert sich offenbar eine neue Weltordnung, die viele und vieles erschüttert. Die Globalisierung wirft ihre Schatten. Die Digitalisierung wird nicht mehr nur von Außenseitern angegriffen, sondern auch von besonnenen Köpfen kritisch und warnend untersucht. Die Welt-Finanzkrise wird nicht nur wegen ihres nun 10-jährigen Jubiläums, sondern gerade wegen ihrer immer noch andauernden Krisenfolgen in Erinnerung gerufen, auch wenn die Oberfläche sich beruhigt zu haben schein. Der drohende Zerfall Europas ist nicht mehr nur ein Thema am europäischen Politikerstammtisch, sondern findet sich gemeinsam mit der Flüchtlingskrise in Partygesprächen und Abendveranstaltungen und auch in Familiendiskussionen wieder. Und nur vereinzelt dringt eine Stimme durch, wie sie z.B. Walter Wüllenweber in seinem aktuellen Buch markiert, das auch auf dem Ladentisch liegt: „Frohe Botschaft: Es steht nicht gut um die Menschheit – aber besser als jemals zuvor“. Natürlich, es ließen sich noch drei oder vier, ja zehn oder zwanzig, dreißig Themen anführen, die alle System-Ebenen unseres Erlebens ansprechen: Den Stress auf der Seite des täglichen „Arbeitswahnsinns“ in Betrieben und Büros. Die versagenden Eliten, die Michael Hartmann anklagt in seinem Buch „Die ABGEHOBENEN – Wie die Eliten die Demokratie gefährden“ (2018). Oder die separatistischen Entwicklungen bis hin zu den identitären Bewegungen in Europa und aller Welt, die das Thema der Identität nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene, sondern in einer anderen Variante auf einer nachgeordneten System-Ebene aufreißen. Auf der Ebene des Individuums geht es um das Selbstwertgefühl, um Sinn und das eigene Selbst – bis zum Extremum der Geschlechteridentität, die in den westlichen Staaten in einer wahrhaft populären #MeToo-Bewegung gipfelt. Zwischen den Staaten geht es um Globalität/Internationalität auf der einen Seite oder Nationalität auf der anderen Seite. Institutionen wie die katholische Kirche wanken und scheinbar überkommene Religionskriege zwischen dem gesellschaftlich modernen Westen und den traditionellen islamischen Staaten lösen fulminante Spannungen aus. Und der revolutionäre Wiederaufstieg Chinas nach 500 Jahren Renaissance und technischem Vorsprung im Westen kommt noch als Wirtschaftsereignis dazu, das lange ignoriert und verkannt wurde.

Wie der Drift der Kontinente zu unterschwelligen Spannungen und tsunami-artigen Katastrophen führt, stehen wir in einem radikalen Verwandlungs-Prozess unserer Gesellschaften, die es in einer naiv-positiven Weltsicht gar nicht geben kann. Ob der einfältige Glaube an die „Herausforderung“ in jeder Bedrohung seine Wirkung als magische Beschwörungsformel uralter Regenmacher verliert?
Hand aufs Herz: Die Mehrheit der Menschen scheint doch noch in der magischen Steinzeit zu leben. Oder irre ich mich da?
Doch Hoffnung wird beschworen: Steven Pinker wirft sich vernunftbegabt in die Bresche und beschwört große Hoffnungen in seinem neuesten Bestseller „Aufklärung jetzt“ (2018)? Befinden wir uns wirklich schon in einem paradiesischen Reich der Vernunft und des Fortschritts, wie er doziert?


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