BLOGBEITRAG

19. Oktober 2018
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„Aufklärung jetzt!“ – eine Kampfschrift

„Aufklärung jetzt!“, so lautet der Titel von Steven Pinkers neuem Buch, das gerade noch rechtzeitig zur Buchmesse 2018 auf Deutsch erschien. Ein trotziger, belehrender, streckenweise dogmatischer Gegenentwurf zum Zeitalter des Pessimismus und Negativismus mit ihrer völlig falschen Weltwahrnehmung und ihren düsteren Zukunftsaussichten. Ungeliebte Kritik eingeschlossen. So jedenfalls sieht das Pinker im Wesentlichen. […]

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Er steht weit vorne in der Reihe der rationalistisch überzeugten Sach-Argumentatoren, die die Vernunft, die Sache, die klaren wie messbaren Befunde von Statistiken und logische Argumentationen nicht nur in den Vordergrund stellen, sondern sie für zwingend halten. Und die dafür kämpfen! Selbstüberzeugt natürlich!
Er wendet sich gegen die emotionalistisch verqueren Journalisten, die Intellektuellen und Schwarzseher, die einfach nicht kapieren können oder wollen, dass die Welt viel besser geworden ist als früher. „Früher“ heißt bei ihm „in den letzten 250 Jahren“, also seit Beginn der industriellen Revolution.

Von oben schaut er auf die Geschichte – und auch die Andersdenkenden oder Andersfühlenden -, denen er in einer worteleganten und geistvollen Ansprache die Leviten liest. Denn gelesen hat er ja viel. Und zwar nicht nur psychologische Literatur, sondern vor allem auch wirtschaftswissenschaftliche Denker und Schreiber. Z.B. den Wirtschafts-Nobelpreisträger Angus Deaton, dessen Werk „Der große Ausbruch“ (2013 engl./2017 dt.) es ihm besonders angetan hat, weshalb sich Pinkers Buch streckenweise wie eine Paraphrase von Deatons Denken und Argumentieren liest. Macht ja nichts. Er benutzt ja auch andere Statistiken und Grafiken als nur die von Deaton, hängt aber ähnlich wie dieser seine Sichtweise und Argumente stark bis ausschließlich an wirtschaftliche, technische, wohlstandsorientierte und ausgewählte gesundheitsbezogene Kriterien. Diese ergänzt er durch die Gesichtspunkte Frieden, Sicherheit und Terrorismus, Demokratie, gleiche Rechte, Wissen, Lebensqualität Glück und Existenzbedrohungen. Ein gewaltiges Programm, das er panoramamäßig und wortgewaltig ausbreitet.

Wer Kleidung als psychologische und/oder soziale Positionierung versteht, dem können Pinkers Cowboy-Stiefel auffallen, die er gerne trägt. Denn so argumentiert er auch: Was andere Intellektuelle denken, vor allem, wenn sie in der „New York Times“ schreiben: Falsch! Und zu negativistisch! Die europäische Denkweise der Gegenwart: Stark depressions-verdächtig, negativ weltillusionär und schon lange vor allem von dem schwarzen Denken Nietzsches beeinflusst. So wie er explizit u.a. Sartre anspricht, darf man vermuten, dass er nicht nur den Existenzialismus damit meint. Dabei kennt er sich mit der europäischen Philosophie doch anscheinend nicht schlecht aus… Aber die Soziologen scheinen ihm offenbar schon so grundverdächtig, dass er deren Ergebnisse und Positionen nur erwähnt, wenn er sie für falsch hält oder einfach und pauschal abwertet.

Steven Pinker kommt als Professor von der Harvard-University, die ja den Heiligenschein des Außergewöhnlichen und der hoch nobilierten Geistesschmiede schon immer gleich mit sich trägt. Harvard! Wer wollte sich da trauen zu widersprechen? Die non-rationalistischen Schamanen sind anderswo! Aber denen liest er auf 570 Seiten (und ca. 130 Seiten Anmerkungen) ganz schnell mit mehr als einem Ordner an Statistiken und Argumenten die Leviten. Er zeigt eine Vielzahl von technischen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Statistiken und Daten, die quasi nur Fortschritte zeigen und die er in genüsslich wissender, manchmal auch besserwissender Art und Weise ausbreitet. Methoden-Zweifel oder (Selbst-) Kritik? Fehlanzeige. Es zählt die Botschaft! Nicht die Untersuchungs-und Studienergebnisse Andersdenkender, die auf andere Punkte, andere Kriterien und andere Themen hinweisen.

Bemerkenswert, wie selbstüberzeugt und argumentativ-siegesgewiss Pinker an seine selbstgestellte Aufgabe herangeht: Lockere und unbewiesene Verallgemeinerungen garnieren seine lustvoll vorgetragenen Beweise. Dafür füllt er die Seiten mit jeder Menge an vernünftigen Gedanken und logischen Sachargumenten, die manchmal allerdings erstaunlich scharf an der kritisierten Politik- und Gesellschafts-Skepsis der Andersdenkenden und den Bedenken und Sorgen der Andersfühlenden vorbeigeht. Denen kommt er bezüglich ihrer Zweifel, Befürchtungen, dem Gefühl des Verlustes und ihrer Zukunftsängste recht lapidar mit der Feststellung: „Das ist falsch!“ Und seine Position unterstreicht er oft mit seinen wörtlich verwendeten „Punkt“ und „Schluss jetzt!“ – eine Tonalität, die er nicht nur in seinem Buch, sondern auch in einem Focus-Interview verwendet.

Der Mann muss es wissen: Wer eine solche Haarpracht trägt, die aus bestimmten Winkeln fotografiert unwillkürlich an Einstein erinnert, der kann nicht irren!
Man darf nicht vergessen: Pinker ist Psychologe, ein allgemein anerkannter Vertreter der Kognitionspsychologie. Und mit welch rationalistischer und „faktologischer“ Raffinesse er das Denken der Anderen infrage stellt, dürfte manchem Gefallen, der sich Pinker als Vorbild für seine Selbstsicherheit nehmen möchte. Warum er aber so wenig empathisch und so abwertend kritische Gedanken über die Gegenwart, Sorgen und Ängste bezüglich der Zukunft so logisch-lapidar glaubt beiseite räumen zu können, ohne vertieft auf die dahinter liegenden Mechanismen einzugehen, das erstaunt doch! Und selbst der Hinweis auf die „Verfügbarkeits-Heuristiken“ der Schlechterdenkenden kommt bei ihm in einer Weise herüber, als ob ein 15-Jähriger missmutig seinen alten Eltern erklären würde, dass sie eben keine Ahnung haben … Natürlich erwähnt er auch den Mechanismus der sozialen Vergleiche, aber er fertigt das weniger unter der Perspektive eines aufklärenden Verstehens als vielmehr eines evolutionsbedingten fehlerhaften Denkens ab – dem er selbstverständlich nicht unterliegt. Und warum er mit den Durchschnittswerten seiner beeindruckenden Statistiken den Andersfühlenden logisch-mathematisch das soziale Erfrieren oder das schmerzhafte Leiden an der gesellschaftlichen Entwicklung wegzureden versucht, bleibt eine nachdenkenswerte Frage.

Streckenweise liest sich Pinkers Buch wie eine hochintelligente, aber auch etwas ignorante neoliberale Streitschrift, obwohl er sich ausdrücklich gegen eine solche Verortung wehrt. Aber nur schwach.
Sein Appell ist klar: „Leute, jammert nicht so! Seit 250 Jahren geht es uns fast permanent besser. Und das werde ich Euch knallhart beweisen. Wer jammert, kennt nicht die Geschichte: Fehlerhaftes Wissen und fehlerhafte Logik.“ So oder so ähnlich lauten seine Zeitdiagnosen. Also nichts für etwas schwache Gemüter, die er mit seiner Eloquenz locker in die Ecke jagen kann.

Ein Professor als Weltenretter gegen die nur intuitiv gefassten Urteile Anderer, das falsche Wissen und die falschen emotionalen Einschätzungen der Anderen. Folglich: Gegenwartskummer, Sorgen um aktuelle Gesellschaftsentwicklungen oder durchdachte Zukunftsängste: Total falsch! Irgendwelche Zweifel an seinen Statistiken? Keine Spur! Dafür aber eine geradezu orthodoxe Lehrmeinung: Wie ein Erzbischof der neoliberalen Ökonomie-Schule verkündet er seine Botschaft. Glück hängt einfach an Wohlstand und Wohlstand an Technik, Kühlschränken, vollen Supermärkten und den neuesten Errungenschaften der Computertechnik und den ausschließlich segensreichen Fortschritten der Digitalisierung. Über Aspekte wie z.B. der Reduktion der zwischenmenschlichen Kommunikation durch Smartphones und ähnliches: Lächerlich, wenn man die Vorteile der weltweiten potentiellen Dauererreichbarkeit betrachtet. Und diese gibt es nahezu ausschließlich! Über andere Themen redet man doch erst gar nicht, was da so alles behauptet wird. Und was für Amerika gilt, gilt natürlich auch für den Rest der Welt… Nein, Sie haben richtig gelesen. Das sind keine Aussagen von Herrn Trump. Wir reden über Steven Pinker.

Folglich: Wer die Vergangenheit der letzten 250 Jahre aus seiner Perspektive betrachtet, dann gibt es nicht nur vieles Positive, sondern geradezu ausschließlich Positives, so sieht es Pinker. Über die Kolonialzeiten z.B., über die Depression der 30-er Jahre reden wir nur beiläufig und über die Ausrottung der Indianer in den USA und die zwei Weltkriege mit Ihren Toten und ihre entsetzlichen Vorläufer reden wir hier jetzt überhaupt nicht. Und über die unrealistischen Beschwerden von Intellektuellen brauchen wir auch nicht zu reden! (Vermutlich auch nicht über die Ankündigung von ca. 180 Millionen verloren Arbeitsplätzen weiblicher Mitarbeiter, mit denen in den nächsten Jahren angeblich zu rechnen ist) Pinker donnert es seinen Lesern und Zuhörern entgegen: Vergangenheit gut! Zukunft gut! Schwächlich Empfindsame mit ihren falschen Realitätseinschätzungen und falschen Generalisierungen sollten den Mund halten.
Die Zukunft wird gut. Und über die schwächlichen Gemüter und Jammerer, die Zukunftsängste haben, weil Sie vielleicht zu Gefangenen der Künstlichen Intelligenz werden könnten: Absurd! Da wird es schon genügend technische Experten und Wissenschaftler geben, die jeden Missbrauch verhindern und auch die Menschheit vor dem Wirklichwerden der grotesken Phantasie von der Abschaffung der Menschheit durch Computer und Roboter mit Sicherheit bewahren werden. Also was sollen solche „Narrative“?!

Vielleicht habe ich auch etwas missverstanden. Oder ich bin von einer falschen Annahme ausgegangen: Steven Pinker ist gar kein rationaler Erzbischof! Nein! Nein! Er ist vielleicht in Wirklichkeit das für Marketing und externe Kommunikation verantwortliche Board-Mitglied bei Microsoft. Und deshalb hat Bill Gates vielleicht auch das Jubelstatement auf dem hinteren Buchdeckel zu Pinkers neuem Buch geschrieben. Vielleicht aber täusche ich mich auch dieses Mal wieder. Vielleicht hat er in der Zwischenzeit schon einen neuen Vertrag bei Google, wo er weltweit mit einer psychologischen Aufrüstung der Aufklärung auf die Sprünge helfen soll, was gerade eine gewisse Image-Krise durchzumachen scheint…


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