BLOGBEITRAG

03. Dezember 2018
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Ändert sich der Zeitgeist?

Ja, er ändert sich! Das Thema „Digitalisierung“ hat die Lufthoheit über den digitalen Stammtischen erobert. Im Business scheint man mindestens einmal am Tag von „Disruption“ sprechen zu müssen, um seine Wirtschaftskompetenz oder seine Zukunftsorientierung zu unterstreichen. […]

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Ja, er ändert sich! Das Thema „Digitalisierung“ hat die Lufthoheit über den digitalen Stammtischen erobert. Im Business scheint man mindestens einmal am Tag von „Disruption“ sprechen zu müssen, um seine Wirtschaftskompetenz oder seine Zukunftsorientierung zu unterstreichen. Und unter Start-Ups scheint man keine Konferenz-Einladung oder keine Workshop-Ankündigung mehr formulieren zu dürfen, ohne ein verheißungsvolles Vokabular zu verwenden, das Aufbruchsstimmung, Erfolgszuversicht oder irgendetwas Umwerfendes ankündigt, das wenigstens nahe an einer Sensation positioniert ist. „Umbruch“ ist das Mindeste, was angekündigt werden muss…

Und dass alles an neu erfundener Technik oder weiter entwickelter Technologie selbstverständlich dazu gedacht ist, mindestens „die Menschheit“ weiterzubringen, ist man ja seit geraumer Zeit schon gewöhnt. Was fehlt, ist noch der Hinweis, dass die Künstliche Intelligenz (KI) die neue Offenbarung des Paradieses nicht nur ankündigt, sondern in den Medien oder auf Konferenzen geradezu prophetisch verspricht. Aber auch das ist keine Neuigkeit mehr, selbst wenn man bei diesem Gedanken ein kleines Hautkribbeln verspüren sollte.

Auch dass die modernen Granden des Silicon Valley voller Gewissheit über ihre sicherlich erfolgreichen Forschungen zum Ewigen Leben berichten, kann anscheinend nur noch Ewig-Gestrige zu einer vorsichtig skeptischen Erwartung beeinflussen. Denn der Glaube an das technisch Machbare ist vielerorts ins Überirische gewachsen. Heute ist es fast so, dass man in Gesprächen auf Konferenzen bei geäußerter Kritik am Thema, einer These oder an den fast religiösen Zukunftsvorstellungen der Gesprächspartner eine geradezu mildtätige Nachsicht in den Antworten der anderen hört, die einen damit aufwandsarm in die Sackgasse der Vorgestrigen einsortieren.

Fazit: Ja, der Zeitgeist ändert sich!
Er wird digital. Und er wird technisch. Dabei auch weniger human? Oder werden wir vielleicht schon auf unser Ewiges Leben vorbereitet?
Zumindest hat die Digitalisierung in den Medien und den Unternehmen solch einen Raum eingenommen, dass offenbar selbst die Bundesregierung in Berlin auf dieses Thema aufmerksam geworden ist.

Was kennzeichnet diesen neuen Zeitgeist?
Gefühle der Dramatik. Der Eindruck, einer epochalen Veränderung beizuwohnen oder gar von ihr hoffnungslos überrollt zu werden. Angst auf der einen Seite. Begeisterte Zukunftserwartungen auf der anderen Seite, bei denen die Hoffnung auf ein unsterbliches Leben fast zum Greifen nah zu sein scheint. Aber auch Angst, den Internetgiganten ohne Ausweichmöglichkeit ausgeliefert zu sein. Und überall ist China mit seinen Gesichtserkennungsmaschinen in den Köpfen, nicht nur auf der Straße, die eine soziale Kontrolle aller Bürger möglich macht – in einem Ausmaß, das es in der Geschichte der Menschheit  bisher nicht gegeben hat: „Sozialpunkte“ heißt das Projekt mit dem verniedlichenden Namen, das künftig alle Menschen in einen Käfig mit unsichtbaren Gitterstäben stecken kann, die selbst nicht spüren, hören, sehen, wann Sie wo überwacht und kontrolliert werden können. „1984“ ist ja die harmlose Variante einer genauen Beobachtung durch den großen Bruder – eine Tragweite, die heute nicht nur die Liebhaber brisanter englischer Literatur verstehen, auch wenn sich eine riesige Zahl von Jugendlichen nichts dabei denkt, wenn sie alle ihre Daten an anonyme Auswerter abgeben, die dann selbst entscheiden können, was wann gegen irgendwen sanktionsmäßig vorgebracht werden kann…! Ihr Motto: „Ich habe ja nichts zu verbergen!“…

Was zu den Zeiten des berühmten Verhaltenspsychologen Burrhus Skinner in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch mit Empörung von Amerikanern und selbstverständlich auch von Europäern weit von sich gewiesen wurde, ist dabei, still, leise, aber hochgradig unsere gesamte gesellschaftliche und politische Wirklichkeit zu verändern. Schneller und dramatischer, als alle großen gesellschaftlichen Veränderungen in der bisherigen Weltgeschichte. Entweder wir wohnen dem 2. Beginn einer neuen Epoche bei, die uns schließlich zur Selbstablösung als vielleicht letzter Generation der Menschheit vor der Auslöschung durch die von KI-lern erfundenen Maschinen führen wird. (Könnte nach Yuval Noah Harari vielleicht auch in etwa 70 Tausend Jahren stattfinden) Oder wir wohnen einem bemerkenswerten Selbst- und Fremd-Betrug der Techno-Enthusiasten bei, die in einigen Jahren eigestehen müssen, sich mit Ihren Prognosen zur KI-Entwicklung in haarsträubender Weise gigantisch getäuscht zu haben.

Anders ausgedrückt: Wir leben in einem Zeitalter der Extreme, in dem der Weltgeist und der Zeitgeist sich mit paradoxen Sprüngen auf und davon machen, um ihren Gläubigern Drogen nicht mehr in Form von Chemikalien, sondern in Form von überbordenden Phantasien  zu verpassen, die alle Beteiligten schwindelerregend durcheinander bringen können. Aus Angst vor der Ungewissheit und gleichzeitig im Glauben an den Fortschritt der Technik.

Hat Prometheus zum zweiten Male das Feuer entfacht oder ist es sogar eine zweite Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, nachdem wir alle vom Nektar der süßen Techno-Versuchung haben kosten dürfen?

Nein, nicht die Stimmung ist negativ im Westen. Nein, die Stimmung ist bei der einen Hälfte der Menschen fast großartig, aber bei der anderen Hälfte zunehmend bedrückt, weil die Versprechungen des Fortschritts auch mit Verlusten einhergehen können. Die Privatsphäre ist ja schon weg und die Freiheit wird vielleicht bald folgen. Wenn nicht die kämpferischen Daueroptimisten ihren heroischen Sieg über die Deprimierten und Schwarzseher erringen, die gespaltene Welt des Reichtums und der Armut in ein Paradies der Gerechtigkeit verwandeln oder den Klimawandel abschaffen und das Leben auf der Erde durch das Aufhalten des Artensterbens in einen wiedererwachenden Garten Eden verwandeln.

Das also ist der Zeitgeist: Alles beschleunigt sich. Alles wird exzessiver und extremer. Alles wird wieder gläubig, wie zu den Zeiten der dominanten Religionen, weil die Sicherheiten für die Bevölkerung schwinden und die neuen Unsicherheiten des Rationalismus nur die neuen Eliten beruhigen. Die Wette läuft, wer das Rennen gewinnen wird: Die blanke Hoffnung, die ewige Befürchtung oder die pragmatisch abwägende Zuversicht…?!   Wir haben zwar keine griechischen Götter mehr, dafür aber die CDU, die SPD, die Grünen und auch Trump. Leider sitzen sie auf verschiedenen Wolken.


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